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Piccolos aus dem Luftballon

02.12.2022 • 21:02 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Inszenierung von „Die große Show“ im Spielboden Dornbirn. <span class="copyright">roland paulitsch</span>
Die Inszenierung von „Die große Show“ im Spielboden Dornbirn. roland paulitsch

Am Donnerstag präsentierten Martin Gruber und sein Aktionstheater Ensemble die Neuinszenierung von „Pension Europa 01“ zusammen mit der Premiere von „Die große Show“ im Spielboden Dornbirn.

Was hinter dem Vorhang passiert, würde das Publikum im Theater immer besonders interessieren. Doch bei Pension Europa gibt es keinen Vorhang, nichts wird versteckt, wie man es bereits von Martin Grubers Stücken kennt, legt er die ganze Fehleranfälligkeit unserer Gesellschaft auf den Tisch und präsentiert nicht nur den skrupellosen und von gegenseitigen Entwürdigungen und Feindseligkeiten geprägten Umgang miteinander, sondern bringt auch die eigenen ganz persönlichen Unsicherheiten der Menschen gebührend zur Sprache. Auch wenn die Schauspieler sehr unterschiedliche Rollen verkörpern, ist es doch der bloße Mensch an sich, wie er lebt und sich seinen Platz im sozialen Gefüge erkämpft, der zum Vorschein kommt.

Musikalisch betont.

Es kann anfangs ungewohnt und absurd erscheinen, wenn Schauspieler in Unterwäsche befreit von jeglicher Maskierung und Scham die Bühne ergreifen und ihre Körper auf eventuelle Krankheitsanzeichen oder Schönheitsmakel überprüfen.

Es gibt weiße Plastikstühle, eine großartige Band, deren Sängerin Aisha Eisa immer wieder ins Stück hineingezogen wird. Die Musik ist sehr eng mit dem Theatergeschehen verwoben. Spannend ist auch der direkte Kontakt mit dem Publikum, an dessen Lachern klar wird, dass die Dialoge trotz oder genau wegen der derben und vulgären Sprache wiedererkannt und eingeordnet werden und dass abgebildete überzogene Darstellungen den aktuellen Zeitgeist widerspiegeln.
Doch hinter dem Witz verstecken sich die rohen Emotionen, die im Schreien, Weinen, Lachen und in Tiergeräuschen Ausdruck finden. Zeynep Alan provoziert auf Türkisch, was darin endet, dass sie dem unsichtbaren Gegenüber das Herz rausreißt und es sich mit beiden Händen in den Mund stopft. Benjamin Vanyek erlebt eine riesige Enttäuschung mit seinem Flirt aus Marokko, der ihm „nachflüchten“ möchte, aber „die Erotik bleibt natürlich nur in diesem Kontext“. Die Schauspieler machen so einiges mit, was auch beim Zuschauen manchmal unbequem werden kann. Es geht schließlich um Europa, „dem geschützten Rahmen, in dem alle abgesichert sind“.

Szene aus der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“. <span class="copyright">roland paulitsch</span>
Szene aus der Neuinszenierung von „Pension Europa 01“. roland paulitsch

Starke Präsenz

Es ist dieser anhaltende, klare, starrende Blick ins Publikum, den sie alle haben, an dem man merkt, dass die Rollen nicht nur gespielt, sondern maßgeschneidert als zweite Haut angezogen werden. Martin Gruber präsentiert zwei mitreißende Stücke voll von komprimiertem Aktionstheater mit sprachgewaltiger Reflexion und haufenweiser Ironie.
Die starke Ich-Bezogenheit, die in Pension Europa 01 anhand unterschiedlicher Charaktere auf verschiedene Weisen zum Ausdruck kommt, ist auch bei der „großen Show“ wieder anzutreffen. Auf drei Hauptfiguren reduziert, werden die Emotionen und Geschichten der Darsteller tiefgreifender behandelt, dafür lässt das Stück weniger offenen Raum und findet in einem eher abgeschlossenen Rahmen statt.

Ein poetisch berührendes Bild leitet ein melodramatisches Ende ein. In einer Reihe stehen sie da nach der aufwühlenden und etwas außer Kontrolle geratenen Geburtstagsfeier: Michaela Bilgeri mit blutiger Stirn, der Zauberer Raphael Macho, in seiner eigenen Welt verwurzelt, pustet den gelben Luftballon von sich weg, Benjamin Vanyek singt und Babett Arens lehnt sich an ihn.
Die Aufführung sollte eine Feier zu Babetts 60. Geburtstag sein, wie sie denkt. Trotzdem ist es Michaela, die sich in Tiraden über das Alter hermacht, nur zwei der dreitausend Strophen des Nibelungenlieds zum Besten gibt und der Babett die Welt erklärt. „Die Germanen sind untergegangen, weil Kriemhild nicht emphatisch war.“ Den ganzen Abend hindurch trinkt sich die einsame Jubilarin ihr Leben schön, wie gut, dass es da die Jugend gibt und mit ihr einen Zauberer, der mit dreitägigen Augenringen und offenem Mund auf der Bühne umherwandelt.

Der Zauberer Raphael Macho. <span class="copyright">roland paulitsch</span>
Der Zauberer Raphael Macho. roland paulitsch

Grandioser Zauberer

Doch trotz seines ungewöhnlich passiven Auftretens, sind die Tricks technisch ausgefeilt und Raphael sorgt für Verblüffung und reichlich Szenenapplaus. Er zieht Münzen aus seinem Auge, verwandelt Wasser zu Wein und Zeitungspapier (Österreich-Zeitung) zu Geld. Babett interessiert sich aber vor allem für den „Flaschentrick“. Mit einem „Piccolöchen“ aus dem roten Tuch gezaubert, geht’s ihr gleich wieder gut. Immerhin hat sie ein „funktionierendes moralisches Rüstzeug“ und „echtes Selbstwertgefühl“.

Michaela, die sich in der Inszenierung in etlichen Kleidern lustvoll zur Schau stellt, will eine Ziege spenden, die mit ihrer Milch in Afrika ganze Familien ernährt. Natürlich geht’s auch um’s Klima, das durch penibel getrennten Müll gerettet wird.
Babett trinkt immer mehr von den Fläschchen, die der Zauberer in magischen Momenten aus dem Ärmel und aus dem Luftballon erscheinen lässt. „Die große Show“ scheitert schließlich an der verblendeten Sicht auf die Wirklichkeit. Die ursprüngliche geplante „Trilogie des Scheiterns“ musste wegen des Ausfalls zweier Darstellerinnen auf zwei Stücke beschränkt werden.

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