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Als Zivildiener in ein ganz anderes Leben eintauchen

03.12.2022 • 20:43 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Ambros Berlinger unterrichtet Englisch in einer kambodschanischen Schule.<span class="copyright"> privat</span>
Ambros Berlinger unterrichtet Englisch in einer kambodschanischen Schule. privat

Ambros Berlinger aus Alberschwende absolviert seinen Zivildienst in Kambodscha.

Der Bregenzerwälder Ambros Berlinger (21) lebt zur Zeit in der kleinen Provinz Stung Treng in Kambodscha, einem der ärmsten Länder der Welt. Dort ist es heiß, es gibt es keinen Tourismus, die Menschen wohnen in einfachsten Verhältnissen, ihre Nahrung besteht am Morgen, am Mittag und am Abend vor allem aus Reis. „Dazu kommt alles andere, das irgendwie essbar ist und den Hunger stillt, auch Frösche, Würmer oder Käfer“, erzählt Ambros Berlinger.

50 Kinder unterrichtet der Zivildiener täglich. <span class="copyright">privat</span>
50 Kinder unterrichtet der Zivildiener täglich. privat

Seit drei Monaten lebt und arbeitet er in Kambodscha, er wird mindestens bis September 2023 dortbleiben. Ambros Berlinger absolviert in dieser Zeit seinen Zivildienst. Die Möglichkeit, als Zivildiener im Ausland zu arbeiten, gibt es schon länger, aber sie ist noch recht unbekannt. Der Träger von Ambros Berlingers Arbeitsprojekt ist die gemeinnützige GmbH „Internationaler Freiwilligeneinsatz“. Das ehrenamtliche Engagement dauert zwölf Monate und wird als Zivildienst-Ersatz angerechnet.
Für den Alberschwender, der im Sommer an der HTL Rankweil maturiert hat, kam das Bundesheer nie infrage. Am Zivildienst im Ausland interessierte ihn vor allem: „Ich wollte unbedingt einmal raus aus meiner vertrauten Umgebung und aus der Bequemlichkeit. Ich wollte raus aus der westlichen Welt und über einen längeren Zeitraum in eine komplett andere Welt eintauchen.“

50 Kinder unterrichten

Nun unterrichtet Ambros Berlinger in Kambodscha täglich 50 Schüler in Englisch. Für die Kinder ist diese Schule die einzige Möglichkeit, diese Sprache zu erlernen. Es gibt in der Region zwar weitere Schulen, in denen Englisch gelehrt wird, aber sie sind kostenpflichtig. Das können sich nur wenige Eltern leisten. Außerdem ist Ambros Berlinger Englisch-Lehrer für buddhistische Mönche, was jedoch nichts mit seinem Zivildienst-Projekt zu tun hat.

Auch Mönche werden von dem Alberschwender in Englisch unterrichtet.<span class="copyright"> privat</span>
Auch Mönche werden von dem Alberschwender in Englisch unterrichtet. privat

Als er gerade einmal zwei Wochen in Kambodscha war, fragte ihn ein Lehrerkollege – ein ehemaliger Mönch –, ob er diese Tätigkeit übernehmen wolle. „Ich sah das als interessante Möglichkeit, weiter in die Kultur des Landes einzutauchen.“ Kurze Zeit später stand er im Tempel und unterrichtete die Mönche zum ersten Mal.

Essen mit den Mönchen

Am Anfang wusste der 21-Jährige nicht genau, wie er mit ihnen umgehen soll – nicht nur, aber auch wegen des großen Altersunterschiedes: Sie sind zwischen zehn und 35 Jahre alt. Mittlerweile macht ihm diese Tätigkeit viel Spaß. Der Kontakt beschränkt sich nicht nur auf den Unterricht: Ambros Berlinger und sein Zivi-Kollege werden am Wochenende von den Mönchen zum Essen oder zu religiösen Feiern eingeladen, oder sie besichtigen mit den beiden Europäern Tempel. Ganz auf Augenhöhe sind die Begegnungen jedoch nicht. „Wegen der Religion begegnet man sich auf einem anderen Niveau“, erklärt Ambros Berlinger und führt dazu ein Beispiel an: „Wenn wir essen, sitzen die Mönche an einem extra Tisch. Grundsätzlich bringen sie uns aber sehr viel Freundlichkeit entgegen.“ Die Erwartungen, die Ambros Berlinger hatte, bevor er die Mönche unterrichtete, haben sich jedenfalls erfüllt: Es sei „eine unglaubliche Möglichkeit“, die Kultur und Religion des Landes besser kennenzulernen.

Das Moped ist das Hauptfortbewegungsmittel in der Provinz. <span class="copyright">Privat</span>
Das Moped ist das Hauptfortbewegungsmittel in der Provinz. Privat

Ansonsten ist es für ihn – noch – nicht so leicht, mit der lokalen Bevölkerung in Kontakt zu kommen, weil die meisten kaum Englisch sprechen. „Das ist ein Wermutstropfen“, sagt Ambros Berlinger. Um das zu ändern, lernt er täglich die Landessprache Khmer. Er hat bemerkt: „Über jedes neue Wort, das ich sprechen kann, freuen sich die Menschen.“ Das zeigt sich etwa, wenn er am Markt ein paar Sätze mit dem Verkäufer austauscht. Da es in der Region keine Touristen gibt und die Einheimischen sehr offen und freundlich sind, sind sie erfreut, wenn sie jemanden aus dem globalen Norden kennenlernen. Was sehr selten der Fall ist, weil kaum Weiße in der Region leben.

Viele neue Eindrücke

Ambros Berlinger wohnt mit einem anderen Zivildiener und einem jungen Kambodschaner in einer Wohnung, die ihm von der Hilfsorganisation zur Verfügung gestellt wird. Das Dorf liegt acht Autostunden von der Hauptstadt Phnom Penh entfernt im Landesinneren. Die erste Zeit in Kambodscha beschreibt der 21-Jährige so: „Es war beeindruckend, aber auch fordernd wegen der vielen neuen Eindrücke. Man kommt an, und plötzlich ist alles ganz anders: die Menschen, das Klima, die Sprache.“ Es gibt oft Stromausfälle und keine Fensterscheiben, geduscht wird mit einer Schöpfkelle, das Wasser ist stark verschmutzt. Bis vor Kurzem war Regenzeit; an einigen Tagen waren die Straßen komplett überschwemmt, und vor der Schule, in der Ambros Berlinger unterrichtet, staute sich das Wasser zu einem 30 Zentimeter hohen See.

Autos werden beladen, bis nichts mehr Platz hat. <span class="copyright">privat</span>
Autos werden beladen, bis nichts mehr Platz hat. privat

Hunger leiden die Menschen in der Region nicht, weil es Reis in Hülle und Fülle gibt. Arm sind sie dennoch. Sie wohnen großteils in einfachen Häusern mit Wellblechdächern und leben hauptsächlich von den Produkten, die sie im Garten oder der Farm erwirtschaften und verkaufen. Restaurants, wie sie in Österreich bekannt sind, gibt es kaum, vielmehr wird das Essen oder Trinken im Wohnhaus verkauft und serviert. „Daneben schläft die Oma in der Hängematte“, beschreibt der Zivildiener. Gegenstände, die im Westen schon längst auf dem Müll gelandet wären, werden repariert.

Jetzt ist es real

Ambros Berlinger sagt: „Ich darf zum ersten Mal sehen und erleben, unter welchen Umständen andere Menschen auf dieser Welt leben müssen.“ Natürlich sei ihm bewusst gewesen, dass es Armut gibt. „Das war für mich aber nie wirklich real. Hier lebe ich mit diesen Menschen zusammen, unterrichte am Vormittag Kinder, die ich spät in der Nacht sehe, wie sie am Straßenrand Orangen verkaufen.“
Entwicklungshilfe-Projekte der Länder des globalen Nordens bewertet Ambros Berlinger vielfach kritisch: „Wenn ich dieses Land sehe und mit den Menschen rede, erkenne ich, dass vor allem Abhängigkeit geschaffen wird. Der Staat, die Bevölkerung und das ganze Land sind abhängig von chinesischen, amerikanischen und europäischen Investoren, Banken und Geldgebern.“
„Ist das Entwicklungshilfe?“, fragt sich der junge Mann. Und: „Sowieso, wohin sollen sich die Welt und ein Land wie Kambodscha entwickeln? Ist unsere Art des Lebens, des Tuns, des Handelns erstrebenswert?“

In der Klasse. <span class="copyright">privat</span>
In der Klasse. privat

Das Eintauchen in eine fremde Kultur und das Leben in einem armen Land wie Kambodscha, wo so vieles anders ist als in Österreich, wirft Fragen auf und verändert Gedanken sowie Blickweisen. „Ich denke, dass sich mein Handeln nach dieser Zeit, egal wo ich sein werde, verändern wird“, sagt Ambros Berlinger. Er weiß nun von dem großen Einfluss Europas darauf, was in Ländern wie Kambodscha passiert, und er kennt das Leid von anderen, die täglich ums Überleben kämpfen. „Ich glaube, dass wir in Europa – und da schließe ich mich selbst nicht aus – dieses Leid viel zu oft ausblenden und ignorieren.“
Auch wenn Ambros Berlinger nicht immer nur Schönes sieht und sich am Anfang an all das Neue und Andere gewöhnen musste: Es gefällt ihm sehr gut in Kambodscha. „Ich bin unglaublich froh, hier zu sein, und möchte noch viel mehr sehen, lernen und weitere Erfahrungen sammeln.“

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