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Carpe Diem: Es gibt immer ein Morgen

04.12.2022 • 13:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Heidi Salmhofer mit ihrer Kolumne in der NEUE am Sonntag.

“Lebe jeden Tag, als ob es dein letzter wäre!“ Dieser vermeintlich weise Spruch begleitete und begleitet mich durch alle Phasen meines Lebens. Seit ich denken kann, bekomme ich ihn immer wieder von irgendjemandem mit klugem Blick unter die Nase gerieben. Und ich oute mich jetzt: Ich mag ihn nicht. Man denke sich nämlich diesen Sager in aller Ruhe und ganz unromantisch durch. Wie gehen die Menschen damit um, wenn sie wissen, dass ihr letzter Tag angebrochen ist? Bei einer konkreten Umsetzung dieses Leitspruches würde nämlich unser gesamtes Gesellschaftssystem zusammenbrechen. Wir existieren genauso, wie wir sind, weil wir eben genau nicht so leben, als ob heute unser letzter Tag auf Erden sei. Würden wir das tun, wären wir ab dem Moment, in dem wir uns unserer Sterblichkeit bewusst wurden – zack –, ausgestorben. Niemand wäre auf Mammutjagd gegangen im Bewusstsein, dass heute sowieso der letzte Tag im Höhlenleben angebrochen ist. Der Homo Sapiens hätte sich aufgrund eines verklärten Sprichworts innert kürzester Zeit selbst ausgelöscht. Auch heute wäre, so diese Worte in die Realität umgesetzt, niemand überlebensfähig. Ich persönlich würde höchstwahrscheinlich kontinuierlich heulend meine Mädels umarmen, ungesundes Zeug essen und wehmütig am alten Rhein hocken, die Großartigkeit der Natur genießend. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand sich noch hinter die Hofer-Kassa setzen, buchhalterische Exel-Listen ausfüllen oder sonstige Arbeitsleistung tätigen würde, die zum Lebenserhalt dient. Somit möchte ich das Sprichwort gerne umändern in: „Lebe jeden Tag im Jetzt, genauso wie für die Zukunft!“, denn was ist schon ein Leben, in dem man seine persönlichen Ziele aus den Augen verliert, aber auch vergisst, dass es ein Heute genauso gibt. Für das Jetzt gehe ich an die frische Luft, freue ich mich über das Lachen meiner Kinder und strenge mich an, den Moment bewusst und so intensiv wie möglich zu erleben. Klappt nicht immer, aber ich bemühe mich. Und zum Ausgleich stecke ich mir immer ein Ziel, weil ich davon ausgehe, noch 100 Jahre zu leben und ich so richtig Lust darauf habe, zu erfahren, wie denn mein nächster Schritt aussehen wird und wohin er mich so führt. Ich bin riesig gespannt auf all die Begegnungen, die mich im nächsten Jahrhundert erwarten und lebe extra und ganz bewusst so, als ob es jeden Tag ein Morgen gäbe. Selbst dann, wenn ich meine Steuern am nächsten Tag überweisen muss, ein Elternsprechtag ansteht und der Zahnarzt freundlich wartet, denn ich weiß, nach dem Morgen gibt es auch ein Übermorgen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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