Allgemein

Brahms Sprache neu verbunden

05.12.2022 • 20:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Konzert im Montforthaus mit Dirigent Gerrit Priessnitz und dem finnischen Pianisten Johannes Piirto. <span class="copyright"><code>Mathis Fotografie</code> (8)</span>
Konzert im Montforthaus mit Dirigent Gerrit Priessnitz und dem finnischen Pianisten Johannes Piirto. Mathis Fotografie (8)

Werke von Brahms, Beethoven und Glanert im Montforthaus Feldkirch.

Von Katharina von Glasenapp

Zwei gewichtige Orchesterwerke von Detlev Glanert und Johannes Brahms, die auf einander Bezug nahmen, umrahmten das schlanke erste Klavierkonzert von Beethoven: Beim jüngsten Abo-Konzert des Symphonieorchesters Vorarl­berg (SOV) im Feldkircher Montforthaus waren auch der deutsche Dirigent Gerrit Prießnitz und der finnische Pianist Johannes Piirto zu erleben.

Brahms Motive

Der (wie Brahms) aus Hamburg stammende Komponist Detlev Glanert war vor mittlerweile zehn Jahren sehr präsent bei den Bregenzer Festspielen durch die Uraufführung seiner Oper „Solaris“ und die Interpretation verschiedener Orchesterwerke. Auch in „Weites Land. Musik mit Brahms“ für Orchester aus dem Jahr 2013 bekennt sich Glanert zu seinen Wurzeln, seien sie konkret in der Verwendung von Motiven und Intervallstrukturen aus der vierten Symphonie von Brahms, seien sie angelegt in einem großen spätromantischen Orchester und einer farbenreich aufgefächerten Klangvorstellung.

Es wirkt, als habe er Motive und die Orchestersprache von Brahms vielfach aufgebrochen und neu in dunklen wispernden Linien verbunden, die zu einem großen Aufbäumen und Absturz hinführen. Satte Passagen der Bratschen, große Bögen, flächige Streicher und schließlich eine dominierende Posaunengruppe finden sich in einem großen Espressivo zusammen. Der Dirigent Gerrit Prießnitz, der eng mit der Volksoper Wien verbunden ist, hat ein gutes Händchen sowohl für Glanerts breiten Pinsel als auch für die filigraneren Töne.

Haydns Humor

Der 29-jährige finnische Pianist Johannes Piirto ist zugleich Komponist und Dirigent, ausgebildet in seiner Heimat ebenso wie in Wien, wo er zuletzt bei Stefan Vladar studierte. Das erste Klavierkonzert von Beethoven geht er frisch und individuell an: Nach der von Prießnitz plastisch ausgeformten Orchestereinleitung präsentiert sich der Solist mit einem runden Klang, der mit Pralltrillern, Sprungbässen und facettenreichem Anschlag viel Humor aus dem Geist Haydns zeigt.

In der Solokadenz schaukeln sich Laufwerk und Modulationen in einem vielstimmigen Wirbel hoch, die Hinführung zum Orchestertutti löst der Pia­nist höchst spannend auf. Im langsamen Satz bringt Piirto den Flügel über sachtem Pulsieren mit atmender Agogik und differenzierter Dynamik zum Singen, bevor im spielfreudigen Finale wieder die Akzente und die Varianten des Themas aufhorchen lassen.

Nicht nur in der gestauten Energie zur Kadenz hin verbinden sich dramatisches Geschehen und Leichtigkeit der Bewegung. Für den begeisterten Applaus bedankte sich der so jungenhaft schlaksige Pianist mit einem Stück aus „Trees“ op. 75/1 seines Landsmanns Sibelius, der darin eine blühende Eberesche spiegelt.

Großes Sehnen

In der vierten Symphonie von Brahms arbeitet Prießnitz mit dem großen Streicherapparat und den Bläsergruppen des SOV die ineinander verschränkten, auf- und absteigenden Motive heraus – die Holzbläser sind an diesem Abend übrigens fast ganz von Frauen besetzt! Ob es daran liegt, dass der erste Satz wie ein großes Sehnen klingt und das Sperrige der Brahms’schen Akkordblöcke nicht so dominiert?

Auch im zweiten Satz wird man mitgezogen von der weich fließenden Bewegung, dem innigen Zusammenklang der Stimmen und sparsam gesetzten Akzenten. Ein anderer Wind – etwa mit Piccoloflöte und Triangel überhöht – weht buchstäblich im Scherzo, mächtige Hornkantilenen und kernige Synkopen treiben die tänzerische Energie an.

Der vierte Satz der Symphonie ist als Passacaglia angelegt, das heißt die Musik entwickelt sich über einer achttaktigen, stets wiederholten Basslinie und gibt dem Dirigenten die Gelegenheit, mit den Klangfarben der Orches­tergruppen zu spielen. In fein abgestimmter Dynamik schwillt der Klang an, beginnt von Neuem, blüht auf und sammelt sich in gemeißelten Akkorden. Prießnitz führt das SOV in großen Bögen und mit plastischer Körpersprache zu einem umfassenden Ganzen.
Am Neujahrstag spielt das Symphonieorchester Vorarlberg mit Chefdirigent Leo McFall und Stargeiger Benjamin Schmid in Salzburg. Infos: www.sov.at.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.