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Millionen Italienern droht neue Armutswelle

05.12.2022 • 17:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Millionen Italienern droht neue Armutswelle
Doch trotzdem steht in Italien das “Bürgergeld” vor dem Aus.(C) AP/ANTONIO CALANNI

Millionen Italiener können sich Lebenshaltungskosten nicht mehr leisten.

Die Armut erreicht in Italien ihren Höhepunkt: Laut Statistikinstitut Istat haben im Vorjahr 5,6 Millionen Italiener, davon 1,4 Millionen Kinder in “absoluter Armut” gelebt. Heuer dürfte die Not im Land weiterhin zunehmen. Der Thinktank “Welfare Italia” schätzt, dass die Anzahl der in “absoluter Armut” lebenden Menschen um gut 10 Prozent auf 6,4 Millionen, zunehme.

Enorme Preissteigerungen im Alltag

Seit Beginn des Ukrainekriegs legten nicht nur die Energiepreise dramatisch zu. Auch Butter, Milch oder die “Pasta” sind in den letzten Wochen zwischen 20 und 38 Prozent teurer geworden. Die Inflationsrate stieg im November im Jahresvergleich mit plus 11,8 Prozent auf ein Zehnjahres-Hoch. Von der Teuerung sind vor allem arme und ärmste Bevölkerungsschichten betroffen. Das Risiko in die Armut abzurutschen sei vor allem in Süditalien hoch, bestätigt das Statistische Amt. Dort seien ein Drittel der Bevölkerung davon bedroht. Laut Istat gibt ein Einkommen für Singles von 570 Euro im Süden und von 840 Euro im Norden als Armutsgrenze.

Trotzdem will Regierungschefin Giorgia Meloni das Bürgergeld abschaffen. 2023 soll es maximal acht Monate ausgezahlt, 2024 völlig abgeschafft werden. Die Oppositionspartei Fünf-Sterne (5 Stelle) hat zu landesweitem Protest aufgerufen, die Sozialdemokraten ebenso. Aber der Protest kommt nicht nur von den sogenannten Links-Parteien: Calo Messina, Chef der landesweit größten Bank Intesa San Paolo, hat erklärt, dass Hilfen für Arme und Ärmste Priorität zukommen soll: “Die Regierung darf das Bürgereinkommen nicht antasten”. Die Bank stellte 500 Millionen Euro bereit, die bedürftigen Bürger zugute kommensollen.

Die Sozialleitung “Bürgergeld” wurde vor drei Jahren von der damalige Regierungspartei “5 Stelle” eingeführt. Danach erhalten bedürftige Single ca. 780 Euro, Familien mit zwei Kindern 1280 Euro monatlich. Zweifellos hat es sowohl bei der Auswahl, wie auch bei der Verteilung des Bürgergelds Schwachstellen. Das Problem ist u.a., dass Randgruppen, etwa die Obdachlosen und die kinderreichen Familien von der Zuwendung ausgeschlossen werden. Auch fördere das Bürgergeld die Schwarzarbeiten, heißt es bei den Gewerkschaften. Zahlreiche Empfänger der staatlichen Unterstützung bevorzugen es, “schwarz” zu arbeiten, statt einen offiziellen Job anzunehmen.

Kritik an “Bürgergeld”-Abschaffung

Zweifellos muss die Struktur verbessert, aber die Abschaffung vermieden werden, meint auch der Chef der italienischen Caritas, Marco Pagniello. Er kritisiert, das rund ein Viertel der Familien, die bei der Caritas nach Hilfe fragen, zwar eine Arbeit hätten, diese reiche aber zum Überleben nicht aus.

Zwar haben auch andere Länder Europas unter der Energiekrise und wachsenden Konsumgüterpreisen zu leiden. Doch in Italien sind die Reallähne im Zeitraum 1990 bis 2021 um knappe 3 Prozent zurückgegangen, In Deutschland vergleichsweise Deutschland um durchschnittlich ein Drittel gestiegen. Mindestlöhne gibt es hier nicht. Dafür eine unübersichtliche Anzahl von Tarifverträgen, die vor allem den Arbeitnehmern in Norditalien zugute kommen.

Der Unterschied zwischen den wohlhabenden Norden und dem verarmten Süden hat sich in letzter Zeit noch verstärkt. Während laut dem Wirtschaftsinstitut Nomisma im Norden des Landes bei 36.000 Euro liegt, stehen auf den Inseln Sardinien und Sizilien dem Bürger durchschnittlich 27 000 Euro zur Verfügung. Hier ist das Risiko, in die absolute Armut abzusinken besonders gross.

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