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Protestaktion und bildnerischer Overkill

07.12.2022 • 18:50 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ausstellungsansicht mit dem "zerstörten Bild" von Hermann Präg. <span class="copyright">Florian Raidt</span>
Ausstellungsansicht mit dem "zerstörten Bild" von Hermann Präg. Florian Raidt

Im Künstlerhaus Bregenz zeigen 149 Künstler ihre Werke, darunter auch Hermann Präg, der mit einer Zerstöraktion auf den Klimawandel aufmerksam macht.

Die Mitgliederausstellung der Berufsvereinigung der Bildenden Künstlerinnen und Künstler Vorarlbergs im Künstlerhaus Palais Thurn & Taxis Bregenz zeigt von 284 aktuellen Mitgliedern 149 Künstlerinnen und Künstler mit insgesamt 290 Kunstwerken. Der Titel der Ausstellung lautet „Alle“.
Da hängen die alten Hasen wie Erich Smodics und Richard Bösch neben Newcomerinnen wie Amrei Wittwer und Bianca Lugmayr. Da hängen Überraschungen wie ein ungewöhnlich abstrakter Edgar Leissing neben stilgetreuen Arbeiten von Hermann Präg, Margit Krismer oder Ursula Dorigo. Da gibt es beißenden Spott auf die gesamte Kunstproduktion von Roland Adlassnig mit einem vierradigen Rasenmäher mit Menschenkörper wie ein moderner Zentaur, der den Titel „So außergewöhnlich wie alle anderen“ trägt. Da gibt es Bezüge zum alten Testament wie Lothar Aemilian Heinz­les Zitat aus dem Buch Kohelet „… nichts Neues unter der Sonne“, „Was geschehen ist …“ und „Was man getan hat“. Da gibt es einen mystischen Titel „Von Jesus erfüllt“ von Thomas Hoor.

Die Mitgliederausstellung der Künstlervereinigung <span class="copyright">Florian Raidt</span>
Die Mitgliederausstellung der Künstlervereinigung Florian Raidt

Durchgemischt

Der Gang durch die Gänge hat mich etwas ratlos zurückgelassen. Wo sind die kuratorischen Leitplanken? Ist so ein Konzept, bei dem das Palais Thurn & Taxis aus allen Nähten platzt, vielleicht zu sehr vom Künstler her gedacht? Wenn rund 150 Künstlerinnen und Künstler gezeigt werden, dann ist das Haus auch garantiert voll, wenn jede und jeder nur noch zwei Angehörige mitbringt. Ein Fest für die Künstlervereinigung, aber für das sonstige Kunstpublikum ein ziemlicher Overkill.

In den letzten vier Jahren wurden 80 neue Mitglieder aufgenommen. Es scheint immer noch attraktiv zu sein, sich als Künstler zu verstehen. Nur für was und zu welchem Ende wird die Kunst produziert? Besteht nicht die Gefahr, dass man sich unter dem Label Freiheit der Kunst sein eigenes biedermeierliches Kunstschreckimage verpasst ohne Relevanz für eine Gesellschaft, die so dringend neue Innovationen bräuchte? Ohne Vorgaben kann nur ein großer Mischmasch präsentiert werden. Auch die Qualität ist sehr unterschiedlich. Tolle Spitzenarbeiten laufen Gefahr unterzugehen. Themenausstellungen oder Personalen wären alternative Möglichkeiten.

Die Arbeiten in den Kellerräumen des Künstlerhauses. <span class="copyright">Florian Raidt</span>
Die Arbeiten in den Kellerräumen des Künstlerhauses. Florian Raidt

Attacke auf Fotoarbeit

Hermann Präg scheint genau dieses Unbehagen einer Kunstproduktion, die sich selbst genügt, anzutreiben. Beim Vernissage­abend führte er eine Kunstaktion durch, die sogar in „Vorarlberg heute“ in einem längeren Beitrag gezeigt wurde, und Kunsthausdirektor Thomas Trummer, der sich bei der Kommentierung der hiesigen Kunstszene für normal zurückhält, gab eine affirmative Bemerkung dazu vor laufender ORF-Kamera.

Wenn das Bild nicht mehr genügt, muss die Kunst zu anderen Mitteln greifen, war seine Grundaussage. Hermann Präg zerstörte eine seiner kontemplativen Fotoarbeiten, indem er „5 v 12“ auf das Foto sprühte. Dann fragte er etwas ungehalten einen Vernissagebesucher. „Wie spät haben Sie?“ Der antwortete: „Es ist fünf vor zwölf“. Der pensionierte AHS-Lehrer und renommierte Bregenzer Künstler antwortete: „Ja, genau. Es ist fünf vor zwölf.“ Die Stimme erhebend wiederholte er alarmierend gellend: „Leute, es ist fünf vor zwölf!“ Die Lage des Planeten muss schon fatal sein, dass ein älterer, ansonsten sehr höflicher und zuvorkommender Mann zu so drastischen Ausdrucksformen greift.
Hintergrund ist die gescheiterte 27. Klimakonferenz, von Lobbyisten finanziert, von fragwürdigen Gastländern blockiert, die eine Klimaerwärmung von vier Grad Celsius plausibel gemacht hat. Hermann Präg ist natürlich auch von jenen Klimaaktivisten inspiriert, die weltweit Kartoffelbrühe oder Tomatensugo auf die verglasten Klimts und Schieles dieser Welt schütten. So wird Kunst relevant.

Von Wolfgang Ölz

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