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Şurdums Träume vom guten Leben

16.12.2022 • 19:02 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hürdem Riethmüller in "Zwei Frauen ein Leben" <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Hürdem Riethmüller in "Zwei Frauen ein Leben" Anja Köhler

Daniela Eggers Stück über Kundeyt Surdum und seine Frau wurde am Mittwoch in der Inszenierung von Suat Ünaldi uraufgeführt.

Sie liest die Gedichte ihres Mannes und bereitet sich auf das Interview vor. Eine Zeile hat sie immer geliebt, eine andere findet sie nicht, nervös blättert sie im Buch. „Was wollen die Leute im Fernsehen hören?“, fragt sie, sei nicht alles schon gesagt? Der Redakteur verspätet sich, die Fotografin ist schon da und dann gleich wieder weg. Ayse Surdum (gespielt von Hürdem Riethmüller) wurde nie interviewt, ängstlich weicht sie vor der Kamera zurück, ihr Gesicht erscheint im Bilderrahmen.

Begegnungen

Eine junge Frau verirrt sich ins Wohnzimmer und stellt Fragen nach der Vergangenheit. Es geht um nichts Geringeres als ihr eigenes Leben, das vor ihr liegt und in Surdums Witwe Gestalt annimmt. Die junge Ayse ist entsetzt und verwirrt, ihre Pläne für die Zukunft sind andere.
Am Mittwoch wurde „Zwei Frauen, ein Leben“ in der Box des Vorarlberger Landestheaters uraufgeführt. Suat Ünaldi inszenierte ein von der österreichischen Schriftstellerin Daniela Egger geschriebenes Stück über den bekannten Vorarlberger Lyriker Kundeyt Surdum. Seine Gedichte werden rezitiert, sein Bild ist in der Videoprojektion zu sehen, seine Stimme wird gespielt. Dennoch ist es seine Frau, die diesmal ihre und seine Geschichte erzählt, aus ihrer Perspektive und durch die Augen einer jüngeren Version.

Glückliche Geschichte vom schwiergigen Leben

Wenn sich zwei Frauen in einer Person treffen, sich gegenübertreten und ihr Leben nicht wiedererkennen, rücken Berühmtheiten und Verdienste schnell in den Hintergrund. Anstatt Surdums interkultureller Literatur, seinem Erfolg und seiner Karriere steht ein Leben im Mittelpunkt, das nur in Träumen und Vorstellungen existierte. Es ist trotzdem eine glückliche Geschichte vom schwierigen Leben mit gutem Ende, auch wenn der eine oder andere Zuschauer bei der Uraufführung weinen muss, weil der im Stück thematisierte Verlust der Heimat so nahegeht.

Gespiegelte Gesten in der Inszenierung. <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Gespiegelte Gesten in der Inszenierung. Anja Köhler

Verlorene Träume

Die junge Frau tanzt im fremden Wohnzimmer auf und ab. Es werden türkische Lieder gesungen. Zusammen schwelgen die beiden Frauen in Erinnerungen an Geschichten über Familienmitglieder, vergangene und noch kommende, die sich doch ganz anders entwickelt haben als erwartet. Es sind Geschichten, die geprägt sind von Einsamkeit und Arbeit, von verlorenen Bezugspersonen. Die Möbel des Zimmers werden zum Symbol für zunichtegemachte Träume.
Die Erinnerungen an den Ehemann werden den Erinnerungen einer jüngeren Ayse gegen­übergestellt. In der Inszenierung sitzen sich beide Frauen gegenüber, spiegeln das Verhalten der anderen, werden in gewissen Momenten zu einer Person, und doch blicken sie nicht auf dasselbe Leben, so sehr weicht die Zukunft in der Gegenwart von den vergangenen Vorstellungen ab. Wie schon so oft verzichtet eine Frau zugunsten ihres Mannes auf ein erfülltes Berufsleben und tippt seine Gedichte aufs Papier, anstatt ihrem eigenen Traum vom Künstlerleben nachzugehen.

Kritischer und reflektierter Blick

Die österreichische Schriftstellerin Daniela Egger wirft einen kritischen und sehr reflektierten Blick auf das Leben von Gastarbeitern, fokussiert dabei auf die Frauen und thematisiert anhand der persönlichen Familiengeschichte die Schwierigkeiten und Erfahrungen, die Migration mit sich bringt. Der Begriff des Gastarbeiters wird zerlegt, Träume vom „guten Leben“ werden abgelöst von Einsamkeit in der Fremde, die von Ablehnung und Alltagsrassismus geprägt sind: „Gäste, die kommen und nicht mehr gehen, sind nicht erwünscht.“ Was bleibt, ist Arbeit und der „gute Glaube“ an die neue Heimat. Interessant ist die Aufsplittung von Ayse in zwei zeitlich unterschiedliche Versionen, die außerdem mehrere mögliche Versionen der Person offenlassen. Während die jüngere ihre eigene Zukunft besucht und dabei irritiert im Spiegel und hinter Bilderrahmen einen Weg zurück sucht, entpuppt sich ihr Auftauchen am Ende nur als Traum der Älteren.

Erinnerungen an Kundeyt Surdum <span class="copyright">Anja Köhler</span>
Erinnerungen an Kundeyt Surdum Anja Köhler

Mehrere Versionen

undeyt Surdum und seine Frau Ayse kamen 1971 aufgrund von politischen Unruhen in der Türkei nach Österreich, wo Surdum Gedichte veröffentlichte, als Lehrer, Dolmetscher, Radiomacher und als Chefredakteur der Zeitschrift „BiZ Dergisi“ arbeitete und zu einer wichtigen Bezugsperson für andere Migranten wurde. Surdum, der seine eigene Muttersprache nie richtig gelernt hat, schrieb seine Gedichte nur auf Deutsch.

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