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Die Spuren von Lüge und Schuld

04.01.2023 • 19:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Buchcover von "Als die Welt zerbrach" <span class="copyright">Piper Verlag</span>
Buchcover von "Als die Welt zerbrach" Piper Verlag

John Boyne liefert eine lang erwartete Fortsetzung des Weltbestsellers „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und betrachtet die Figur der Gretel.

Im Jahr 2006 schaffte der irische Schriftsteller John Boyne mit „Der Junge im gestreiften Pyjama“ seinen weltweiten Durchbruch. Das Buch erzählt die Fabel des neunjährigen Bruno, der sich als Sohn eines SS-Lagerkommandanten im Zweiten Weltkrieg durch den Zaun des Konzentrationslagers mit einem jüdischen Jungen anfreundet. Das Buch wurde 2008 verfilmt und in über 40 Sprachen übersetzt.

Eigenständige Handlung

Ende Oktober erschien die Fortsetzung auf Deutsch „Als die Welt zerbrach“, die sich dem weiteren Leben von Brunos älterer Schwester Gretel widmet. Diese ist nun nicht mehr zwölf Jahre alt, sondern 91 und hat ihre familiäre Vergangenheit erfolgreich ausgeblendet. Trotz mehrerer Verbindungen ist die Handlung in „Als die Welt zerbrach“ abgeschlossen und kann für sich allein gelesen werden.
Das Buch spielt in der Gegenwart, der Alltag der alten Gretel Fernsby dreht sich um Banalitäten wie das Gewicht ihres Sohnes oder dessen wechselnde Ehefrauen. Ansonsten lebt sie seit Jahrzehnten in demselben wohlhabenden Villenviertel in London zurückgezogen und in sich gekehrt. Als die Wohnung unter ihre neu vermietet wird, macht sie sich Sorgen, von den neuen Nachbarn gestört zu werden. Eher durch Zufall gerät sie in Kontakt mit dem Nachbarssohn Henry und wird in die Familienprobleme der neuen Nachbarn verwickelt.
In der Gestalt des kleinen Buben erkennt sie ihren verstorbenen Bruder und ihren vernachlässigten Sohn wieder. In der Freundschaft zu ihm findet sie schließlich die Kraft, sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Der irische Autor John Boyne  <span class="copyright">Rich Gilligan</span>
Der irische Autor John Boyne Rich Gilligan

Historische Rückblenden

Doch der Roman beschränkt sich nicht auf die alte Frau im Jahr 2022, sondern beleuchtet paral­lel in dazwischengeschobenen Rückblenden, wie es Gretel in den Folgejahren nach dem Zweiten Weltkrieg im Leben ergangen ist.

Aus unterschiedlichen Zeitabschnitten offenbart die Protagonistin einige der prägendsten und möglicherweise schwierigsten Situationen ihres Lebens und lässt den Leser in ihre von Traurigkeit, Scham und Schuld geplagte Gefühlswelt eintauchen. Man erfährt aus ihrer Zeit in Paris 1946, Sydney 1952, London 1953 und in der Erinnerung an die Zeit in Polen im Jahr 1943 wird die Geschwisterbeziehung zu ihrem Bruder beleuchtet.

Immer wieder fragt sich Gretel nach ihrer Mitschuld als Zeugin und hadert mit ihrer Vergangenheit und dem Umgang mit der Wahrheit. Obwohl Gretel mit zwölf Jahren nicht für die Taten ihrer Eltern im Holocaust verantwortlich ist, lebt sie dennoch unter gefälschter Identität aus Angst, als Tochter eines „Monsters“ entlarvt und geächtet zu werden.

Mehrmals änderte sie ihren Namen und versucht, mit einer auf Lügengeschichten beruhenden Biografie durchzukommen. Dennoch kann sie auch am anderen Ende der Erde diesen Schuldgefühlen nicht entkommen, Figuren aus „Der Junge im gestreiften Pyjama“ tauchen wieder auf und sind subtil in Gretels Geschichte verwoben. In verschiedenen Lebenslagen wird sie von Traurigkeit, Scham und Schuld wieder eingeholt, und die Erlebnisse ihrer Kindheit prägen sie als Geliebte genauso wie als Mutter, bis sie schließlich als 91-jährige Nachbarin einen Weg findet, sich davon zu befreien.

Komplexe Beziehungen

In „Als die Welt zerbrach“ taucht Boyne in die geschichtlichen Verhältnisse der Nachkriegszeit ein und erzählt detailliert und bildhaft die fiktive Geschichte um das Leben der Gretel. Während der Roman auch Überraschungen und Geheimnisse bereithält, werden zudem komplexe Beziehungen zu der eigenen Identität, Familienmitgliedern und Partnern verdeutlicht. Anhand der Protagonistin untersucht er auf emotionale Weise den Umgang mit der Schuld und thematisiert indirekt das Schweigen der Zeitzeugen aus der Täterperspektive, um den eigenen Schutz aufrechtzuerhalten. So entscheidet sich Gretel als Erwachsene bewusst dafür, ihr Wissen um die Geschehnisse im Konzentrationslager und die Informationen über die Täter für sich zu behalten und stattdessen im Ausland unterzutauchen. In der Gegenüberstellung der älteren und jüngeren Gretel zeigt Boyne auf, wie nachhaltig diese Schuld über längere Zeit das Leben und den Charakter eines Menschen beeinflusst.

Als die Welt zerbrach: Erschienen am 27. Oktober 2022 im Piper Verlag. Übersetzt aus dem Englischen: „All the broken Places“.

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