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Arno Geigers Wahrheit aus dem Müll

09.01.2023 • 21:15 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Schriftsteller Arno Geiger <span class="copyright">Heribert Corn</span>
Der Schriftsteller Arno Geiger Heribert Corn

Interview. Heute erscheint „Das glückliche Geheimnis“. Darin ­erzählt der Autor Arno Geiger seine eigene Geschichte vom Doppelleben zwischen Schreiben und Stöbern im Altpapier.

In Ihrem neuen Werk enttarnen Sie erstmals Ihr Doppelleben. Rund 25 Jahre lang durchwühlten Sie in Wien Papiercontainer und holten kistenweise entsorgtes Schriftgut zurück ans Tageslicht. Kann daraus eine Art von Sucht entstehen?
Arno Geiger: Wenn es eine Sucht gewesen wäre, hätte ich nicht jedes Mal beim Aufstehen mit mir kämpfen müssen, und ich hätte auch nicht, wenn die Umstände es verlangt haben, monate- und jahrelange Pausen gemacht. Es gab immer Wichtigeres, zum Glück. Der Hauptgrund für meine Beharrlichkeit war, dass mir der Abfall viel gegeben hat, er enthält einen großen Reichtum. Das in Ungnade Gefallene, das Schwache und Erledigte erzählen eine ganz andere Geschichte als das Geschliffene und Sensationelle.

Der Müll als Lesestoff?
Geiger: Müll erzählt eben ganz andere Dinge, er berichtet eher von dem, wie wir sind, als von dem, wie wir gerne wären – von der Rückseite unserer Gesellschaft her, relativ ungeschönt. Verglichen zum Beispiel mit sozialen Medien: Dort geben sich Aneinanderreihungen von Höhepunkten als Normalität aus, dagegen fällt der vielschichtige und ambivalente Alltag massiv ab. Ganz nebenbei gesagt, der Blick hinter die Kulissen hat mir ein besseres Gefühl gegeben für den gesellschaftlichen Kontext, in dem ich mich bewege, als Mensch und als Schriftsteller. Und er hat mir mein eigenes Leben weniger fremd gemacht, weil ich festgestellt habe, bei den anderen herrscht ein ganz ähnliches Kuddelmuddel wie bei mir.

Ironisch ließe sich das auch umdrehen: Gar nicht so wenige zu Papier gebrachte Geschichten entpuppen sich als Müll. Tendenz steigend. Sehen Sie das ähnlich? Mit einigen Aspekten der Gegenwartsliteratur räumen Sie jedenfalls in Ihrem Buch recht rigoros auf.
Geiger: Tatsächlich ist mir das Zweitrangige, aber Aufrichtige, das unverstellt Offene lieber als eine Literatur, die mit hohem Inszenierungsgrad daherkommt und das im guten Sinn Natürliche nicht mehr sieht vor lauter im schlechten Sinn Künstlichem. Das ganz beiläufig Kunstvolle und das unverkrampft Offene stellen in meinen Augen ja sowieso sehr viel höhere ­Ansprüche an das Schreiben, als man im ersten Moment meinen würde.

Sie bezeichnen sich als Lumpensammler. Der Begriff wäre auch heute keineswegs eine Beleidigung?
Geiger: Für mich besteht das ganze Leben mehr oder minder aus Lumpensammeln. Meine Frau sagt über sich selbst, sie sei ihrer Veranlagung und Konstitution nach eine Art Trümmerfrau. Den Begriff „Trümmermann“ gibt es nicht, mir fällt ad hoc auch kein Äquivalent ein, was bestimmt Gründe hat. Aber die Trümmerhaftigkeit von unser aller Leben finde ich beeindruckend. Abfall ist auf jeden Fall etwas, das an tiefe Sachen rührt. Und so oder so, alles Schwache und Mickrige und in Ungnade Gefallene erweckt in mir ein Gefühl von Zärtlichkeit.

Etliche Funde, Bücher vor allem, verkauften Sie auf dem Flohmarkt. Der Erlös wurde in den ersten, mageren Dichterjahren auch zu einer wichtigen Existenzgrundlage?
Geiger: Ich wollte Schriftsteller werden mit äußerst ungewisser, auch ökonomisch ungewisser Perspektive, und da war ich froh um jeden kleinen Zuverdienst.

Was war das kostbarste Fundstück?
Geiger: Rückblickend für mich am kostbarsten waren die Alltagszeugnisse. Von ihnen werde ich ein Leben lang zehren. Meine Streifzüge haben mich als Mensch sehr geprägt. Der ökonomisch wertvollste Fund war ein Bündel lithografierter Postkarten der Wiener Werkstätte, Oskar Kokoschka, Berthold Löffler, Susi Singer. In jungen Jahren war ich es gewohnt, schmal durchzuschlüpfen, und so konnte ich von dem, was mir diese Postkarten eingetragen haben, zwei Jahre lang leben. Diese Postkarten haben mitgeholfen, das Schreiben an „Es geht uns gut“ zu finanzieren.

Ihr Werdegang als Schriftsteller führte ja jahrelang auf krummen Wegen durch die Mühen der Ebene und, wie man jetzt weiß, auch über Müllberge. Aber die Durststrecke hat sich letztlich auch sehr gelohnt?
Geiger: Umwege erhöhen die Ortskenntnis, und Ortskenntnis ist gerade für jemanden, der seinen Lebensunterhalt damit verdienen will, dass er vom Leben der Menschen erzählt, hilfreich.

Das Wegwerfverhalten der Menschen und die Müllfunde können wichtige Kapitel zur Kulturgeschichte beisteuern. Stichwort Zeitenwandel. Sie erlebten ihn auf rasante Weise mit. Leben wir in einer mistigen Epoche?
Geiger: Unsere Gesellschaft ist ein unaufhörlich produzierender Wegwerfbetrieb, wir produzieren einen nicht abreißenden Strom aus Abfall. Und das wirft Fragen auf. Man darf sich nicht einbilden, dass die Gewohnheit zum ständigen Konsumieren und Wegwerfen keine Auswirkungen hat auf unser Sozialverhalten. Es besteht immer die Gefahr, dass sich derlei überträgt: zu klein, zu groß, etwas ramponiert, störrisch, also weg damit. Wie schon gesagt, ich habe eine Schwäche für Dinge, die schon gelebt haben, und das gilt natürlich auch für Menschen. Ramponiertheit empfinde ich nicht als negativ, im Gegenteil. Und sowieso ist bei mir alles, was den Sinn für Realismus stärkt, positiv besetzt. Wir sind alle Geflickte, wie mein Vater es einmal ausgedrückt hat.

Von Werner Krause

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