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„Kafka in 3D“: Die
komischen Seiten

11.01.2023 • 19:18 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Max Merker in der Inszenierung. <span class="copyright">Joel Schweizer</span>
Max Merker in der Inszenierung. Joel Schweizer

Regisseur und Schauspieler Max Merker spricht über sein neues Stück „Kafka in Farbe“.

Das Stück beginnt am Ende von Kafkas Roman „Der Verschollene“ (posthum erschienen 1927 unter dem Titel „Amerika“), wo die Figur des Karl Rossmann nach einer Reise über den Atlantik im „Naturtheater von Oklahoma“ aufgenommen wird. „Der Schauspieler ist da“, sagt der Assistent zum Direktor. Doch Rossmann wehrt sich. „Ich bin doch gar kein Schauspieler“, beschreibt der Regisseur Max Merker eine Schlüsselszene zu Beginn. So könne Rossmann als „Kippfigur“, die auch Kafka spielt, immer sagen, er sei nicht Kafka. Mit dieser „Kippfigur“ wollte Merker die existenzielle Verunsicherung von Kafka auf die Bühne bringen.

Angst als Grundgefühl

Denn auch der hypersensible Autor Kafka habe sein Leben als Rollenspiel begriffen und sei sich nie sicher gewesen, ob er da wirklich reingehört, beschreibt der Regisseur. „Witzigerweise haben alle Schauspielerkolleginnen und -kollegen immer diese Alpträume, dass sie auf der Bühne stehen und den Text nicht wissen, den Weg zur Bühne nicht finden oder nicht wissen, welches Stück gespielt wird… und ich glaub, das ist eigentlich Kafkas Grundgefühl.“, sagt Merker.
In der Inszenierung verwendet er die Sterbesituation von Kafka im Sanatorium Kierling und lässt ihn nochmal eintauchen in Szenen aus seinem Leben und seinen Romanen, die um Krankheit, Tod und Identität kreisen. Mehrere Kafkas sprechen miteinander, echte Personen aus seinem Leben verschwimmen mit den Romanfiguren. Da gibt es beispielsweise seine Lebensgefährtin Dora Diamant, seinen Arzt Robert Klopstock, aber auch den Theaterdirektor vom Naturtheater in Oklahoma, der Kafkas engstem Freund Max Brod gleiche.

Zwischenwelt

Szenenbild aus "Kafka in Farbe" mit Max Merker <span class="copyright">Joel Schweizer</span>
Szenenbild aus "Kafka in Farbe" mit Max Merker Joel Schweizer

Diese Unschärfe, der die Figuren Kafkas im Moment des Einschlafens und Aufwachens begegnen und plötzlich ganz andere Begebenheiten vorfinden, spiele in der Inszenierung eine große Rolle. „Das ist die Unschärfe, die wir uns erlaubt haben. Die entsteht im Moment, in dem man die Augen aufmacht und nicht ganz weiß, wo man ist. Dieser Graubereich der Wahrnehmung ist wie so eine Lücke im Tagesbewusstsein, das sich noch nicht ganz erstellt hat, wo dann andere Dinge auf einmal möglich werden“, beschreibt Merker die surreale Ebene. „Der absurde Schock, den die Figuren immer wieder erfahren, dass irgendwas total nicht Vorhersehbares passiert, was ihr Leben total verändert, dem wollten wir mit den Mitteln des Theaters gerecht werden.“

Mit dem Titel „in Farbe“ spielt Merker auf die Rezeptionsgeschichte der 60er-Jahre an, „die Kafka (in Max Brods Interesse) immer dargestellt hat als einen total ernsten, nicht zum Lachen fähigen Autor. „Die erste Gesamtausgabe im Fischer Verlag war total schwarz und kleingedruckt.“ Der Stempel des Existenzialismus sei ihm aufgedrückt worden „und durch diese Brille wird er eigentlich auch bis heute gesehen. Jetzt ändert sich das“, erzählt der Regisseur. Inspiriert von jüngerer Literatur wie etwa „Kafkas komische Seiten“ oder der „wunderbaren“ Autobiographie von Reiner Stach, habe er Kafkas Werke nach dessen humorvoller Seite durchforstet und versucht, das Absurde, den Witz und die Tragik von Kafka auf die Bühne zu bringen.

Witz und Slapstick

Denn viele Stellen und Bücher seien „auf Kafkas Art und Weise witzig, bedrückend witzig, unheimlich komisch, auch im unbeschwerten Roman der Verschollene gibt es absurde Situationen und reine Slapstick-Szenen“. Gleichzeitig könne man Kafka mit „Kafka der Stand-up-Comedian“ oder „Kafka das Musical“ nicht gerecht werden, wie Merker beschreibt, „denn seine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Krise der Identität, der Krise des Ichs, in die das moderne Ich gestürzt ist, die ist ja immer dabei: Wer bin ich? Bin ich das, was die anderen von mir halten? Kann ich mich lösen von meinen eigenen Prägungen? Warum bin ich eigentlich da? Die ganz schweren großen Fragen springen ja in jeder Sekunde bei ihm mit“.

Mit Franz Kafka habe sich Max Merker schon seit Schulzeiten beschäftigt. „Dieses Brüchige, das er immer auf der Suche ist und sich nie ganz sicher ist, das fand ich immer wieder ansprechend.“ Wie der Autor es geschafft habe, „sich von dem Interieur seiner Zeit zu lösen“ sei für Merker auf eine Art und Weise modern, die ihn auch an den Schauspieler Buster Keaton erinnere. Unter dem Titel „Kafka in Farbe“ will er die komischen Seiten zum Vorschein bringen. Wenn man diese Ebene des Existenzialistischen wegkratzen würde, „kommt ein komplexerer und dreidimensionaler Kafka hervor“, sagt Merker, der zusammen mit den Schauspielerkollegen Janna Mohr, Milva Stark und Aaron Hitz (Stückentwicklung und Musik) auf der Bühne des Landestheaters Kafkas Leben und Figuren verkörpern wird.
Premiere „Kafka in Farbe“: 19. Jänner, Vorarlberger Landestheater.

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