Allgemein

007: Der Spion, der in der Sackgasse steckte

15.01.2023 • 16:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Dame Judi Dench und Daniel Craig in "Skyfall"
Dame Judi Dench und Daniel Craig in “Skyfall” imago images/Mary Evans

Man sucht einen neuen Bond, dabei hat die Figur des Spions dicken Staub angesetzt. Ob einer der Bond-Kandidaten 007 aus der Krise führen kann?

James Bond war einmal eiskalter Krieger, ein Technokrat des Tötens, willfähriges Instrument in der Maschine der Mächtigen. Und er war Lebemann, der die Rohheit seines Berufs mit zahllosen Affären und einer Unmenge Wodka-Martini ausglich. So wirkte die Figur zumindest bei Sean Connery – ein Produkt des kalten Krieges, ein Mann alten Zuschnitts, in der sich die Traditionen des imperialen Englands zum Ausdruck brachten: Ein auf Förmlichkeiten bestehender Macho und Sexist, weltläufiges Alphatier und viel zu cool, um irgendeinen Ehrgeiz (abseits der Erledigung des Jobs) erkennen zu lassen. Der von Ian Fleming erfundene und von Sean Connery gespielte Agent gehört einer Kultur an, gegen die in den 1960-ern rebelliert wurde. Im Mainstream verkannte man den Zynismus und die Kälte Bonds als Grandezza des Mannes von Welt. Nur sein cooler Hedonismus bewahrt Connerys Bond davor, aus heutiger Perspektive nicht völlig unsympathisch zu sein.

007: Der Spion, der in der Sackgasse steckte
Sean Connery, Bond-GirlsAP

Schon bei Roger Moore zeigten sich die ersten Risse

Die Antiquiertheit der Figur war nach 1968 so deutlich, dass auch die Figur sich wandelte. Moore reicherte 007 so lange mit Ironie an, bis er kaum mehr ernst zu nehmen war: ein blasierter Snob bis zur Selbstparodie, ein Anachronismus, selbst seine Misogynie durch Belachbarkeit entschärft.

Wobei es spannend ist, wie sehr Connery und Moore volkstümlich geworden sind: Ab den 1990ern wurden sie zur Nachmittagsunterhaltung, die in ständiger Wiederholung veraltete Heldenbilder in die Wohnzimmer brachten. Genau zu jener Zeit kam im Kino mit Pierce Brosnan ein Schauspieler, der den Spion in einen Mann ohne Eigenschaften verwandelte. Ein zwischen technischem Spektakel, Reminiszenzen an den Ur-Bond, Realismus und Gefühligkeit zerrissene Figur, die auch unter ausnehmend schwachen Drehbüchern gelitten hat.

Roger Moore in seiner Bond-Frühphase <span class="copyright">(C) ap</span>
Roger Moore in seiner Bond-Frühphase (C) ap

Daniel Craig hat James Bond dagegen verinnerlicht, wie lange niemand vor ihm und eine zeitgemäßere Variante verkörpert. Einen Testosteron-Hengst, der allmählich von Gefühlen übermannt wird. Eine düstere Figur voller Probleme und Fehler, die sich verbissen ihrer Männlichkeit versichern muss. Man braucht nur den gestählten Körper des Actionhelden Craig mit dem von seiner Lordschaft Roger Moore vergleichen. Das Über-Maskuline war die Kompensation zur wachsenden Emotionalität und „Ent-Eierung“ Bonds. Der letzte Film mit Craig war eine ominöse Mischung aus rührseligem Melodram, tragischer Familiengeschichte und brutaler Videospiel-Ästhetik.

James Bond steckt nun in der übelsten Klemme seiner Geschichte. Wird die Figur moderner, läuft sie Gefahr, ihr einzigartiges Charisma zu verlieren. Bleibt sie einer unzeitgemäßen Männlichkeit verhaftet, wird sie immer fragwürdiger. Das Dilemma hätte sich mit einem radikalen Schnitt auf einen Schlag lösten lassen: Aber dass James Bond weiblich wird, hat die starke Frau hinter 007, Produzentin Barbara Broccoli, bereits ausgeschlossen. Jetzt ist man also auf der Suche nach einem sensiblen Helden, einem Frauenverführer und -versteher. Kurz: einem knallharten Softie. Und ein bisschen Diversität wäre auch nicht schlecht. Die Auswahl an Favoriten (siehe unten) legt solche Schlüsse nahe. Als Favorit gilt Aaron Taylor-Johnson, der beide Extreme im Repertoire hat.

Das sind die Favoriten für die Bond-Nachfolge:

Tom Hardy mit Hund Rocco bei der Film-Premiere von "The Drop" in New York. Der geborene Londoner ist mit 45 vermutlich schon zu alt. Und ein zu großer Star: Die Bonddarsteller sind zum Zeitpunkt der Wahl meist - relativ - unbekannt. <span style="color: rgba(111, 111, 111, var(--tw-text-opacity)); font-size: 0.75rem; text-transform: uppercase;"><span class="copyright">(C) Photo by Charles Sykes/Invision/AP</span></span>
Tom Hardy mit Hund Rocco bei der Film-Premiere von "The Drop" in New York. Der geborene Londoner ist mit 45 vermutlich schon zu alt. Und ein zu großer Star: Die Bonddarsteller sind zum Zeitpunkt der Wahl meist - relativ - unbekannt. (C) Photo by Charles Sykes/Invision/AP
Noch ein Londoner: James Norton (37) ist vor allem durch seine Arbeit im britischen Fernsehen populär. Im Kino spielte er viele Nebenrollen.<span class="copyright"> (C) REUTERS/Peter Nicholls</span>
Noch ein Londoner: James Norton (37) ist vor allem durch seine Arbeit im britischen Fernsehen populär. Im Kino spielte er viele Nebenrollen. (C) REUTERS/Peter Nicholls
Jack Lowden (32) aus Essex: Bekannt aus "Dunkirk" und dem Morrissey-Biopic "England is mine". <span class="copyright">(C) REUTERS/Eric Gaillard</span>
Jack Lowden (32) aus Essex: Bekannt aus "Dunkirk" und dem Morrissey-Biopic "England is mine". (C) REUTERS/Eric Gaillard
Derzeit der Favorit: Der Brite Aaron Taylor-Johnson (32) ist sowohl im Blockbuster-Kino als auch im Arthouse-Bereich in Erscheinung getreten. Zuletzt an der Seite von Brad Pitt in "Bullet Train".<span class="copyright">(C) AFP/ Photo by Jung Yeon-je</span>
Derzeit der Favorit: Der Brite Aaron Taylor-Johnson (32) ist sowohl im Blockbuster-Kino als auch im Arthouse-Bereich in Erscheinung getreten. Zuletzt an der Seite von Brad Pitt in "Bullet Train".(C) AFP/ Photo by Jung Yeon-je
Der Superman-Darsteller Henry Cavill (39) kommt aus Jersey und ist immer noch auf Platz zwei der Buchmacher. Ein Dauerfavorit. <span class="copyright">(c) REUTERS/Mario Anzuoni</span>
Der Superman-Darsteller Henry Cavill (39) kommt aus Jersey und ist immer noch auf Platz zwei der Buchmacher. Ein Dauerfavorit. (c) REUTERS/Mario Anzuoni
Der Londoner Idris Elba galt lange als Favorit des britischen Publikums, aber mit mittlerweile 50 dürfte sich das Zeitfenster als James Bond schon geschlossen haben. <span class="copyright">(C) Photo by SAUL LOEB / AFP</span>
Der Londoner Idris Elba galt lange als Favorit des britischen Publikums, aber mit mittlerweile 50 dürfte sich das Zeitfenster als James Bond schon geschlossen haben. (C) Photo by SAUL LOEB / AFP
Regé-Jean-Page wäre eine moderne, "diverse" Antwort: Der in Simbabwe geborene Brite war in einer Nebenrolle im Ryan-Gosling-Film "Grey Man" zu sehen und ist vor allem aus "Bridgerton" bekannt.<span class="copyright">(C) REUTERS/Danny Moloshok</span>
Regé-Jean-Page wäre eine moderne, "diverse" Antwort: Der in Simbabwe geborene Brite war in einer Nebenrolle im Ryan-Gosling-Film "Grey Man" zu sehen und ist vor allem aus "Bridgerton" bekannt.(C) REUTERS/Danny Moloshok

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.