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Die Burg als seelisches Spiegelbild

16.01.2023 • 19:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die besonderen Geschichten erzählen das Symphonieorchester Vorarlberg und sein Chefdirigent Leo McFall.<span class="copyright">(c) mathis.studio</span>
Die besonderen Geschichten erzählen das Symphonieorchester Vorarlberg und sein Chefdirigent Leo McFall.(c) mathis.studio

Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ war ein Höhepunkt der Saison.

Von Katharina von Glasenapp

Zwei besondere Geschichten erzählten das Symphonieorchester Vorarlberg (SOV) und sein Chefdirigent Leo McFall am vergangenen Wochenende: Josef Suk, der Schwiegersohn von Antonín Dvorák, schuf 1897 die Bühnenmusik zu einem dramatischen Märchen über zwei Liebende aus verfeindeten Königshäusern. Nur 14 Jahre später blickte Béla Bartók tief in die Abgründe von Herzog Blaubarts Burg und Seele. Ist die eine Partitur lieblich, romantisch und volksmusikantisch geprägt, so fasziniert Bartóks rund einstündiger Dialog zwischen Herzog Blaubart und seiner Frau Judith mit der ungeheuren Ausdruckskraft des Orchesters und der beiden Gesangsstimmen.

Der britische Dirigent Leo McFall ließ sein SOV einmal mehr über sich hinauswachsen – es macht große Freude, wie sich die Stimmgruppen unter seiner Leitung verbinden und zu einem großen, atmenden, gleißenden Klangkörper werden.

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Ein Märchen

Josef Suk löste aus seiner Bühnenmusik eine viersätzige Suite heraus und gab ihr den Namen „Pohádka“ (Märchen): So kann man sich mit der so schwärmerischen oder dramatisch erregten Musik und den Satzangaben gleichsam ein eigenes Märchen vorstellen, kann sich vom sanften Violinsolo von Konzertmeister Pawel Zalejski verzaubern, sich vom Klarinetten/Fagott-Trio zum Polkatanz anregen lassen oder gemeinsam mit den chromatisch geführten Bläsern seufzen. Gefährlich klingt der Fluch der Königin zu Beginn des vierten Satzes, wunderbar gestaltet Leo McFall die Übergänge und Rubati zum beruhigten Ende hin.

Béla Bartóks einaktige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ wirkt durch ihre Orchestrierung, die Dichte der Partitur und die Verschmelzung von Orchester und Singstimmen auch als konzertante Aufführung ungeheuer stark. Dunkel ist das Gemurmel der Bratschen und Celli, die die Vorgeschichte Blaubarts und die finstere, fensterlose Burg spiegeln. Die neue Frau Judith hat ihre Eltern und ihren Verlobten verlassen, um Blaubart zu folgen und mit ihrer Liebe die Seelenqualen und Geheimnisse Blaubarts aufzulösen. Hell, zuversichtlich ist ihre Rede, auch wenn die Mauern der Burg seufzen (ein toller Effekt, wenn die Bläser durch ihre Instrumente hauchen!).

Sieben Türen will Judith aufschließen, auch wenn Blaubart sie zurückzuhalten sucht: Folterkammer, Waffenkammer, Schatzkammer werden geöffnet, überall klebt Blut, auch an den Rosen im Garten oder den Wolken über der herrlichen Landschaft, die sich hinter den nächs­ten Türen auftut. Ein großer unbewegter See der Tränen hat sich hinter der sechsten Tür gebildet, aus der siebten treten die früheren Ehefrauen, zu denen sich Judith prächtig geschmückt einreihen muss. Blaubart bleibt allein zurück, Licht und Hoffnung, die vielleicht Judith gebracht hat, wandeln sich in tiefe Nacht.

Entsetzen und Hoffnung

Bartóks Musik blickt tief in die Seele der beiden Menschen, ihre Ängs­te und Abgründe, ihre Liebe und Empathie. Schlagwerk, Blechbläser, Holzbläser (auch mit Bassklarinette und Englischhorn), Harfen, Celesta und die große Gruppe der Streicher zeichnen das Entsetzen, aber auch die Hoffnung und das Licht.

Immer mehr Farben mischt Leo McFall dazu, etwa im überwältigenden Glanz der Landschaft oder in den unheimlichen Schwebungen des Tränensees. Die irische Mezzosopranistin Paula Murrihy gestaltet die Ausbrüche der Judith mit ­wunderbarer Leuchtkraft und Intensität. Gábor Bretz – 2019 ein unvergesslicher Don Quichotte bei den Festspielen – verkörpert den Blaubart in all seiner raunenden Dringlichkeit und Hilflosigkeit. Ein großartiges Werk und ein umjubelter Abend!

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