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“Die VEU war der erfolgreichste Verein der Welt“

19.01.2023 • 13:18 Uhr / 17 Minuten Lesezeit
"Die VEU war der erfolgreichste Verein der Welt“
Bengt-Ake Gustafsson und Thomas Rundqvist mit der Euroliga-Pokal. Stiplovsek

Vor 25 Jahren, am 25. Jänner 1998, gewann die VEU Feldkirch die Euroliga. Im zweiten Teil des NEUE-Rückblicks erinnert sich der schwedische Superstar Thomas Rundqvist.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Ihre fünf Jahre in Feldkirch denken?
Thomas Rundqvist: Ich und wir als Familie haben ausschließlich großartige Erinnerungen an unsere Zeit in Feldkirch, wir haben dort wunderbare Jahre verbracht. Unsere Kinder wuchsen da auf, beide waren noch sehr klein, als wir nach Vorarlberg gingen. Für mich als Eishockeyspieler war es eine erfolgreiche Zeit, wir haben mit der VEU unfassbare Erfolge gefeiert. Noch heute werde ich gefragt, wie es möglich war, dass wir mit diesem kleinen Verein die European Hockey League gewonnen haben. Das war eine Cinderella-Story, die alle in der Eishockeywelt überrascht hat. Solche Überraschungstriumphe, wenn die Kleinen die Großen in die Knie zwingen, machen den Reiz des Sports aus.

Welchen Stellenwert hat der Euroliga-Titel in Ihrer Karriere?
Rundqvist: Ich stufe diesen Titel sehr hoch ein. Wir hatten so einen kleinen Kader und haben es trotzdem geschafft, die europäischen Topklubs mit all ihren Nationalspielern zu schlagen.

Glaubt man das eigentlich, dass das alles schon 25 Jahre her ist?
Rundqvist: Nein, die Zeit fliegt an einem vorbei. Manchmal denkt man an Ereignisse zurück und glaubt, dass es vier oder fünf Jahre her ist; dann rechnet man nach und begreift, dass eher zehn Jahre vergangen sind. So ist das auch mit dem Euroliga-Sieg. 25 Jahre, was für eine lange Zeit. Trotzdem sind die Erinnerungen noch so frisch bei mir, wir hatten einen ganz speziellen Teamgeist, denn wir waren uns als Menschen nah. Hin und wieder treffe ich noch meine alten Teamkameraden von damals, mein Sohn Adam spielt beim HC Thurgau, und wann immer wir ihn besuchen, mache ich einen Abstecher nach Feldkirch und treffe mich mit Conny Dorn, Reinhard Divis, Bernd Schmidle und vielen mehr. Da lassen wir dann die alten Zeiten aufleben und sprechen von früher. Wissen Sie, was Ralph Krueger macht?

"Die VEU war der erfolgreichste Verein der Welt“
Thomas Rundqvist mit seinen Kindern David und Adam bei der Meisterfeier 1998. Stiplovsek

Er lebt in der Schweiz und hat im Jahr 2022 eine Auszeit genommen. Jetzt ist er wieder offen für Angebote aus dem Eishockey oder dem Fußball, wobei er eher an einer beratenden Rolle interessiert ist. Es geht ihm gut, er genießt die Zeit mit seiner Familie und ist inzwischen dreifacher Großvater.
Rundqvist: Das freut mich zu hören. An den Kindern merkt man, dass sich die Dinge verändern. Da fällt mir ein, was Ralph mal zu uns gesagt hat: Die VEU war damals der erfolgreichste Eishockeyverein der Welt. Wir haben in fünf Jahren neun Titel geholt, fünf Meistertitel, drei Mal die Alpenliga und die Euroliga. So viele Titel hat kein anderer Klub in dieser Zeitspanne gewonnen.


Was hat die VEU stark gemacht?
Rundqvist: Zu allererst hat ­Ralph einen herausragenden Job gemacht. Er hatte in den ersten Jahren noch nicht mal einen Assistenztrainer. Wir hatten richtig gute Typen in der Mannschaft, jeder hat das Team über seine eigenen Befindlichkeiten gestellt. Es ging überhaupt nicht darum, wer die Tore machte, es ging allein um den Mannschaftserfolg. Das klingt vielleicht kitschig, aber bei Auswärtsspielen hat jeder auf den anderen aufgepasst.

Was haben Sie sich 1993 vom Wechsel zur VEU versprochen?
Rundqvist: Ich bin in dem Frühjahr 33 geworden, und mit dem Alter dachten in Schweden sehr viele an Rücktritt. Mir ging das genauso. Aber dann habe ich eine richtig gute Weltmeisterschaft gespielt, wir wurden Vizeweltmeister, und irgendwie dachte ich, dass es doch noch zu früh für den Rücktritt war; ich habe mich dafür noch zu gut gefühlt. Genau in diesem Moment hat mich ­Ralph angesprochen, das war, richtig, während der WM in München, und was er mir da erzählt hat, klang sehr spannend. Ich sagte ihm, dass Gus, also Bengt-Ake Gustafsson, möglicherweise auch interessiert sein könnte, so ist dann eines zum anderen gekommen. In Schweden haben viele mit dem Kopf geschüttelt, als wir nach Feldkirch wechselten, keiner wusste was über das österreichische Eishockey, alle dachten, dass die Liga in Österreich nicht ernst zu nehmen war.

"Die VEU war der erfolgreichste Verein der Welt“
VEU-Trainer Ralph Krueger nach dem Meistertitel 1998, beide wissen, dass ihre gemeinsame Reise bei der VEU zu Ende ist. Stiplovsek

Ralph Krueger hat Sie damals im schwedischen Teamhotel besucht?
Rundqvist: Genau, Ralph war ein guter Redner, der konnte einem wirklich einen Traum verkaufen. Was er mir und später auch Gus erzählt hat, gefiel uns. Hinterher wussten wir, dass er uns auch ein paar Märchen erzählt hat. (lacht)

Sie sprechen die Busfahrten an?
Rundqvist: Er sagte, wir würden nur zu den nahegelegenen Auswärtsspielen mit dem Bus fahren. Da hat uns der gute Ralph ganz schön angeschwindelt. So was tut man eigentlich nicht. (lacht) Wir sind auch nach Wien oder Graz mit dem Bus gefahren.

Mir gegenüber meinte Ralph Krueger vor ein paar Tagen lachend, er hätte nicht versprochen, dass die Mannschaft zu den Auswärtsspielen fliegt. Er hätte nur gesagt, dass der Verein daran arbeiten würde.
Rundqvist: Glauben Sie ihm das bloß nicht. (lacht) Er sagte, wir würden zu jedem Auswärtsspiel fliegen, das mehr als vier Stunden entfernt sei. Aber Spaß beiseite, selbst die weiten Busreisen waren lustig. Wobei der Bus im ersten Jahr kein TV, keine Klimaanlage und auch keine Toi­lette hatte. Unsere erste Auswärtsfahrt war zu einem Trainingslager nach Bled. Es hatte draußen 35 Grad, und drinnen war es gefühlt noch heißer.

Im Sommer 1993 hat also nichts auf einen Erfolgslauf hingedeutet.
Rundqvist: Überhaupt nicht. Gus und ich waren mehr oder weniger in der gleichen Situation, wir hatten beide kleine Kinder, darum arbeiteten unsere Frauen nicht. Wir beschlossen, dass wir ein Jahr nach Feldkirch gehen, und sagten uns, wenn es uns wirklich gut gefällt, könnten wir ja noch ein zweites Jahr dranhängen. Für uns war klar, dass wir spätestens dann nach Schweden zurückkehren, wenn unsere Kinder schulpflichtig würden. Stattdessen gingen die Kinder zwei Jahre in Vorarlberg in die Schule. Es ist einfach schwer, seine Karriere zu beenden, wenn es gut läuft. Wenn man einmal den Geschmack des Erfolgs gekostet hat, will man immer wieder und immer noch größere Titel gewinnen.

Dabei wäre 1997/98 die Reise in der European Hockey League beinahe schon in der Vorrunde zu Ende gegangen. Die VEU lag beim letzten Gruppenspiel in Köln mit 0:3 in Rückstand, musste aber gewinnen.
Rundqvist: Wenn wir über dieses Spiel sprechen, muss ich zunächst eine witzige Geschichte erzählen, über die wir heute noch alle Tränen lachen. Und zwar bekam die Frau unseres Backup-Goalies Bruno Campese in der Nacht vor dem Spiel die Wehen. Es war das erste Kind der beiden. Bruno verließ mitten in der Nacht das Hotel und fuhr nach Feldkirch zurück. Was jeder verstanden hat. Das Problem war aber, dass wir damit nur noch einen Goalie hatten – Reinhard Divis. Weil wir so natürlich nicht ins Spiel konnten, kamen wir auf eine ganz verrückte Idee: Unser Co-Trainer Conny Dorn sollte die Ausrüstung von Campese anziehen und mit dieser Maskerade aufwärmen. Conny hatte in seinem ganzen Leben noch nie eine Goalie-Ausrüstung an und verhielt sich völlig eigenartig. Er hat sich beim Aufwärmen in einer Ecke versteckt. Als wir Köln vortäuschen mussten, dass wir unseren Backup einschießen, hat sich Conny im Tor nicht bewegt. Wir versuchten, ihn mit unseren Schüssen zu treffen, damit es so aussah, als ob er die Scheiben abwehrt – er hat dann immer wieder geschrien: Nicht so hart! Schießt nicht so hart! Ich weiß nicht, wie lustig die Story für Außenstehende ist, aber ich werde das nie vergessen. (lacht)

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Conny Dorn war eigentlich Co-Trainer von Ralph Krueger, musste sich aber in Köln als Backup-Goalie aufwärmen. Stiplovsek

Weil Dorn als Ersatzspieler genannt war, durfte er ins Line-up. Krueger meinte mir gegenüber aber mal schmunzelnd, dass man damit die Grenzen des Erlaubten bis aufs Äußerste ausgereizt hat.
Rundqvist: Ich weiß das gar nicht, ob das erlaubt war oder nicht, es war jedenfalls die einzige Chance, Köln nicht merken zu lassen, dass wir nur einen Goalie hatten. Das Problem war, dass genau in dem Spiel Divis nicht seinen besten Tag erwischt hatte. Wir lagen, wie Sie es richtig gesagt haben, nach ein paar Minuten mit 0:3 zurück – und normalerweise tauscht man in so einer Situation den Goalie. Sorry Reinhard, bitte nicht böse sein, wenn du das liest, (lacht) du warst damals in den ersten Minuten nicht so stark, wie wir das von dir gewohnt waren. Aber wir hatten ja keinen Backup, also konnten wir den Goalie gar nicht wechseln. Wir haben stattdessen ein paar Kleinigkeiten in unserem Spiel geändert, danach wurden wir immer stärker, und dann war dann auch Divis plötzlich wieder in Top-Form und hat danach alles gehalten. Ich glaube, wenn wir über den Euroliga-Sieg sprechen, dann hat mit diesem Spiel alles angefangen. Nach so einem Sieg beginnst du daran zu glauben, dass wirklich alles möglich ist.

Krueger erzählt immer voller Inn­brunst, dass damals vier Landkarten von Rom in der Kabine hingen, die Rom erst als Punkt zeigten und dann als Imperium. Nach jedem Sieg habe man mit einer VEU-Fahne das Land besetzt, aus dem der besiegte Gegner stammte.
Rundqvist: (Überlegt) Diese Landkarten hingen in der Kabine? Ich glaube, da verwechselt Ralph etwas. Ich glaube eher, dass diese Landkarten in seinem Trainerbüro hingen.

Er erzählt es so, dass nach jedem Sieg ein Spieler von der Mannschaft ausgesucht wurde, der das eroberte Gebiet mit einer VEU-Fahne besetzen durfte.
Rundqvist: Daran habe ich überhaupt keine Erinnerung. Nun ja, das alles ist 25 Jahre her. (lacht)

Beim Final-Four in Feldkirch fing sich die VEU im Halbfinale 140 Sekunden vor dem Ende das 1:2 gegen Petra Vsetin. Viele Mannschaften wären nach diesem Gegentreffer zusammengebrochen.
Rundqvist: Wahrscheinlich, aber wir haben immer an uns geglaubt. Wir haben immer gesagt, dass wir bis zur Schlusssirene alles geben, ganz egal, was in dem Spiel passiert war. Wir glaubten immer daran, dass wir einen Weg zurück in die Partie finden konnten, im Halbfinale gegen Vsetin half uns wie gesagt vielleicht auch die Erfahrung aus dem Köln-Spiel. Wir hatten einfach auch diese Spieler, die immer ein Tor machen konnten. Dominic Lavoie zum Beispiel. Wenn wir in der Offensivzone das Bully gewonnen haben und die Scheibe bei ihm landete, war das eine große Torchance. Dominic hatte einen unglaublichen Schuss. Und dann hatten wir natürlich auch Torjäger wie Rick Nasheim, Simon Wheeldon und natürlich Gerhard Puschnik. Wissen Sie, wir hatten nicht nur starke Legionäre, auch die Österreicher waren überragend. Ein großer Vorteil war natürlich, dass wir das Finalturnier ausrichten durften. Soweit ich weiß, haben damals Ralph und unser Präsident Günther W. Amann mit der IIHF verhandelt. Und wenn man weiß, wie zäh solche Verhandlungen mit dem Weltverband sind und waren, dann kann man nur den Hut davor ziehen, dass wir das Finalturnier bekommen haben. Das Heimrecht war ein riesiger Vorteil für uns, denn wir hatten fantastische Fans. Die haben uns so unterstützt, bei so einer Stimmung konntest du gar nicht aufgeben, da hast du ganz automatisch an dich geglaubt.

Sie haben so viele große Spiele bestritten – waren Sie vor dem Finale gegen Dynamo Moskau trotzdem etwas angespannter oder gar nervöser als sonst?
Rundqvist: Es würde sich jetzt vielleicht gut machen, wenn ich sagen würde, dass ich aufgeregter war als sonst. Aber das war ich nicht. Ich würde sagen, dass ich sehr fokussiert war. Ich habe so viele große Spiele bestritten, mit der schwedischen Nationalmannschaft oder mit Färjestad, da ist man dann nach so vielen Jahren auch vor einem Europacup-Endspiel nicht mehr nervös. Weil man die Situation kennt, und weil man gelernt hat, auch dann bei sich selbst zu bleiben. Viel schwieriger empfand ich Spiele in Kapfenberg oder Zeltweg, ich muss zugeben, bei solchen Partien war es mitunter nicht einfach, an die Grenzen zu gehen. Jedenfalls, vor dem Finale hat uns Ralph ein Motivationsvideo gezeigt, daran erinnere ich mich noch sehr klar. Ralph war ein Trainer, der auf solche Details geachtet hat, und in großen Spielen entscheiden die Details. Natürlich war jeder von uns ohnehin motiviert, aber mit dem Video hat er die Motivation und unsere Emotionen kanalisiert.

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Thomas Rundqvist erzielt im Finale gegen Dynamo Moskau zwei Sekunden vor dem Ende ein Empty-Net-Goal zum 5:3. APA

Das Video hat bei Ihnen also etwas ausgelöst?
Rundqvist: Es hat bei mir und, ich glaube, bei jedem Einzelnen was ausgelöst, es hat vor allem bei uns als Mannschaft sehr viel bewirkt. Manchmal ist es gut, als Spieler daran erinnert zu werden, dass man den Moment genießen sollte. Wir hatten es als VEU Feldkirch in das Endspiel der European Hockey League geschafft, das war so unglaublich und ein Moment, der nie mehr zurückkommen würde. Wie übrigens jeder Moment einzigartig ist. Es ging also darum, dass wir dieses Spiel genießen sollten, weil es der Lohn für unsere jahrelange harte Arbeit war. Das war ein sehr guter Ansatz von Ralph. Gleichzeitig ging es darum, dass keiner von uns im Finale irgendwas zurückhalten sollte, weil wir das sonst unser ganzes Leben lang bereuen würden. Wir standen vor einer historischen Chance. Wenn jeder sein bestes Hockey spielen würde, hatten wir eine Chance, dieses Spiel zu gewinnen. Diesen Glauben hat Ralph bei uns noch mal gestärkt.

Im Finale gegen Dynamo Moskau hat die VEU mal enormen Druck gemacht und extremes Forechecking gespielt, dann hat man sich wieder zurückgezogen. Dadurch konnte sich Moskau nie auf euch einstellen.
Rundqvist: Nun, da haben wir aus der Not eine Tugend gemacht. Wir hatten vier, fünf Spieler weniger als Moskau und hätten das Forechecking nie durchgehalten, wenn wir uns zwischendurch nicht ausgeruht hätten. Bei Moskau kamen sie damit überhaupt nicht klar. Sie wussten ohnehin nicht, was für ein Hockey wir spielen, die glaubten, das Finale wird ein Spaziergang für sie. Bis sie plötzlich merkten, dass wir auf ihrem Niveau spielten. Das hat Dynamo geschockt. Denn wenn du nicht mit der richtigen Einstellung in ein Spiel gehst, dann ist es sehr, sehr schwierig, den Schalter umzulegen.

Sie haben im Finale zwei Tore erzielt, das 1:1 und das 5:3 als Empty-Net-Goal, außerdem waren Sie in dieser Saison der beste Scorer der European Hockey League.
Rundqvist: Das hat mich schon stolz gemacht. Ich wusste, dass ich nach der Saison aufhören würde, ich stand schon im Jahr davor kurz vor dem Rücktritt, weil ich Rückenprobleme hatte. Da es besser wurde, sagte ich zu Ralph: Okay, ein Jahr spiele ich noch, aber wenn ich Probleme bekomme, brauche ich zwischendurch eine Pause. Ich habe dann in der Saison und speziell in der European Hockey League mein bestes Hockey gespielt. Es hat mich glücklich gemacht, dass ich auf dem hohen Level aufhören und der Mannschaft noch so helfen konnte. Denn bei jedem von uns stand das Team über allem.

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