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Zwischen Unschuld und Erfahrung

19.01.2023 • 18:19 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der Schriftsteller Michael Köhlmeier. <span class="copyright">Peter-Andreas Hassiepen</span>
Der Schriftsteller Michael Köhlmeier. Peter-Andreas Hassiepen

Michael Köhlmeier spricht über seinen neuen Roman „Frankie“, der am Montag erscheint.

Im Buch geht’s um die Begegnung eines Enkels mit seinem aus der Haft entlassenen Großvater. Wie sind Sie auf die Idee für diese Geschichte gekommen? Was hat Sie dazu inspiriert?
Michael Köhlmeier: Der erste Satz. „Am Dienstag haben sie Opa entlassen.“ Ich plane eine Geschichte nicht. Ich wünsche, dass mir die Geschichte erzählt wird. In diesem Fall von Frank, dem Ich-Erzähler. Im ers­ten Satz ist viel enthalten. Wer erzählt hier? Warum hat der Opa gesessen? Die Inspiration geht immer von den Figuren aus. Die sagen mir, was sie tun, was sie wollen. Ich gehe hinter ihnen her. Wenn sie etwas anstellen, was ich nicht billigen kann – was soll ich tun? Ich bin Schriftsteller und kein Sozialarbeiter, kein Polizist, sondern ein Erzähler. Es ist so, dass man die Intuition bei den Schriftstellern in den letzten Jahrzehnten so unterschätzt, dass man sich als Schriftsteller fast genieren muss, zu sagen: Das habe ich erfunden. Niemand weiß, wie Intuition und Inspiration funktionieren.

Wie viel Macht haben Sie über Ihre Figuren?
Köhlmeier: Nicht viel. Wenn ich genau bin, beginnt die Macht erst, wenn ich das Buch fertig geschrieben habe und in die Feinkorrektur gehe. Wenn die Figuren wie bei Frankie selber reden, habe ich auch über seine Sprache keine Macht.

Durch den ersten Satz haben Sie den Blickwinkel eines 14-Jährigen gewählt.
Köhlmeier: Der erste Satz hat mich sehr inspiriert. Wenn Frank von „seinem Opa“ spricht, kann er ja nicht in meinem Alter sein. Dann ist es wahrscheinlich ein Bub. Das Alter von 13, 14 ­Jahren ist mir sehr nahe. Das war mir immer sehr nahe. Ich hatte damals das Gefühl, ich werde nie mehr in meinem Leben so gescheit sein – nicht gebildet, aber so rational und pragmatisch. Ich habe mir immer gedacht, das ist mein eigentliches Alter. Ich kann mich gut in einen 14-Jährigen hineinfühlen.

Was ist das Besondere an diesem Alter?
Köhlmeier: Ich wäre in diesem Alter nicht in Panik geraten. Ich bin in einer liebevollen Verwahrlosung aufgewachsen, mein Vater war fast nie da, und meine Mutter war gehbehindert und später im Rollstuhl. Wenn ich mich fünf Schritte von ihr entfernt habe, dann hat sie keinen Zugriff mehr auf mich gehabt. Daraus hat sich ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu meiner Mutter entwickelt. Sie musste mir vertrauen, weil ihr gar nichts anderes übrig geblieben ist. Mit dem Wissen habe ich das Vertrauen auch nie gebrochen. Aber ich war auf mich gestellt, und das hat mir in diesem Alter nichts ausgemacht. Ich hatte das Gefühl, ich brauche keine Hilfe. Ich kann das alles selber machen.

Frankie ist in einer ähnlichen Situation.
Köhlmeier: Ich glaube schon, dass er ein Ebenbild von mir ist. Natürlich ist mir nicht so etwas zugestoßen wie ihm. Aber es hätte ihm ja auch nicht zustoßen müssen. Wenn er einen ähnlichen Lebenslauf wie ich gehabt hätte, dann wäre er so wie ich.

Frankie erscheint am 23. Jänner. <span class="copyright">Hanser Verlag</span>
Frankie erscheint am 23. Jänner. Hanser Verlag

Was macht die Annäherung von Frankie und seinem Großvater so schwierig?
Herr Köhlmeier: Sie kennen einander nicht, aber der eine ist der Opa, der andere der Enkel. Da kann man schwer so tun, als ginge man einander nichts an. Und Frank ist von dem alten bösen Mann fasziniert. Das kann ich gut verstehen.

Warum ist Frankie so fasziniert von dem alten Mann?
Köhlmeier: Weil dieser Mann, der insgesamt 26 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht hat, dennoch Freiheit verkörpert. Dieser Mann ist nicht resozialisierbar. Frankie steht auf dem schmalen Grat zwischen Unschuld und Erfahrung. Wenn ich die Bibel heranziehen darf – der Großvater reicht ihm die Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Der Großvater ist gewalttätig und furchtlos. Das heißt, er ist mächtig. Darin besteht die Faszination. Das Böse kann faszinierend sein. Wer das leugnet, belügt sich selbst.

Ziemlich am Anfang der Geschichte gibt es eine Szene, wo der Großvater den Buben schlägt. Ist es plausibel, dass die Frau ihr Kind nicht schützen will?
Köhlmeier: Was meinen Sie mit plausibel? Dass es Menschen wie die Mutter nicht gibt? Die vor der Gewalt einknicken? Ich denke, es gibt Mütter, die sich das nicht gefallen lassen, und es gibt Mütter, die sich das gefallen lassen. Außerdem: Die Mutter ist auch Tochter. Der Großvater ist ihr Vater. Sie hat Angst vor ihm.

Die Mutter steht zwischen zwei widersprüchlichen Rollen.
Köhlmeier: Die Mutter hat wirklich Angst, um ihr Kind, um sich selber und um ihren Ruf natürlich, deshalb hat sie auch den Namen geändert. Sie hat eine lebenslange Angst vor ihrem Vater. Sie könnte ihn einfach verachten, aber das bringt sie nicht über sich. Die meisten Leute können sich gegen Despoten nicht wehren. Die freiwillige Unterwerfung aus Angst heraus ist ein sehr merkwürdiges, aber ein sehr häufiges Phänomen.

Welche Rolle spielen Vorurteile, Ängste und Wahrheit in der Geschichte?
Köhlmeier: Das kann ich nicht sagen. Das sind abstrakte Begriffe. Aus abstrakten Begriffen entstehen vielleicht Essays, aber bestimmt keine Erzählungen. Mich interessieren die Menschen. Jeder Mensch ist auf seine unverwechselbare Art von Vorurteilen getrieben, er hat Angst, wie sie nur er hat. Und die Wahrheit – das ist der problematischste Begriff von allen. Ich bin als Schriftsteller nicht für die Wahrheit verantwortlich. Platon wollte die Dichter aus seinem Staat vertreiben, weil sie, wie er sagte, zu viel lügen. Zum Glück für uns ist Platons Staat nie gegründet worden. Ich zeige nicht mit dem Finger auf meine Figuren. Der da ist böse, pfui! Den da empfehle ich den Lesern als Vorbild – solche Literatur gibt es, und ich verachte sie.

Warum ist der Opa so böse zu Frankie?
Köhlmeier: Der Opa ist wirklich böse, aber manchmal auch fast liebevoll zu ihm. Er schenkt ihm das, was in seiner Welt vermutlich einen sehr hohen Stellenwert hat, nämlich eine Waffe. Ich habe nicht das Gefühl, dass der Opa ihn hasst, aber er ist ein sehr brutaler, grober und böser Mensch.

Wie würden Sie den Großvater beschreiben?
Köhlmeier: Er ist gefährlich. Ich würde mich vor ihm fürchten. Als 14-Jähriger wäre ich sehr fasziniert von ihm gewesen. Heute würde ich so einem Menschen aus dem Weg gehen. Aber ich würde mich umdrehen und ihm nachschauen. Das heißt, fasziniert wäre ich immer noch von ihm.

„Frankie“ erzählt aus der Sicht eines 14-Jährigen, wollten Sie ein Jugendbuch schreiben?
Köhlmeier :„Frankie“ ist ein Jugendbuch? Weil ein Jugendlicher die Geschichte erzählt? Weil ein Jugendlicher die Hauptperson ist? Das wäre ein Missverständnis. Ich wehre mich nicht gegen diesen Begriff, ich wehre mich nur gegen die Herabsetzung dieses Begriffs. Es ist eine Verkleinerung. Es gibt in den Buchhandlungen die Jugendbuchabteilung, da sind die Bücher mit den hässlichen Covers.

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