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„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“

21.01.2023 • 23:54 Uhr / 16 Minuten Lesezeit
„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Reinhard Divis stemmt am 25. Jänner 1998 in der Vorarlberghalle gemeinsam mit Thomas Sticha den Euroliga-Pokal. Stiplovsek

Vor 25 Jahren, am 25. Jänner 1998, gewann die VEU in der Vorarlberghalle die Euroliga mit einem 5:3-Finalerfolg über Dynamo Moskau. Zum Abschluss des dreiteiligen NEUE-Rückblicks erinnert sich VEU-Goalie Reinhard Divis.

Was ist Ihre erste Erinnerung, wenn Sie an den Euroliga-Sieg zurückdenken?
Reinhard Divis: Wir hatten damals wirklich eine wunderbare Kameradschaft in der Mannschaft. Wir sind noch heute alle miteinander befreundet, und ich spreche da von einer echten Freundschaft. Wenn wir untereinander über damals sprechen, stellen wir immer wieder aufs Neue fest, wie viel Spaß wir miteinander hatten – und das ist nicht zu unterschätzen, wie wichtig es ist, dass in einer Mannschaft ein gutes Klima herrscht. Wir hatten damals nicht die besten Hockeyspieler von Europa in unserer Mannschaft, aber am Höhepunkt der VEU, beim Gewinn der Euroliga, waren wir ganz sicher die beste Mannschaft Europas.

Die Spieler haben damals ja auch abseits vom Eis viel miteinander unternommen?
Divis: Auch heute unternehmen wir noch einiges zusammen. Wir haben eine Whatsapp-Gruppe, wenn Thomas Rundqvist oder Bengt-Ake Gustafsson in der Nähe sind, schreiben sie in die Gruppe, wann sie in Feldkirch sind und jeder, der es sich irgendwie einrichten kann, ist dann bei dem Treffen dabei. Wir gehen dann zum Beispiel miteinander essen. Es ist dann, als wären wir nie getrennt gewesen, die Verbindung zueinander ist dann sofort wieder da. Als damals Gustafsson und Rundqvist unter der Federführung von Ralph Krueger zur VEU gekommen sind, hat es einen Kulturwechsel in der Mannschaft gegeben. Jeder hatte seinen Stellenwert in der Mannschaft, jeder hat seine Rolle akzeptiert, jeder ist gleich wertgeschätzt worden, jeder war wichtig. Alle haben am selben Strang gezogen, und, richtig, wir haben uns auch in der Freizeit getroffen.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Divis und Rick Nasheim bejubeln den Euroliga-Titel, mit dem die VEU Feldkirch Sportgeschichte geschrieben hat. Stiplovsek

Man traut es sich kaum laut zu sagen, aber die Spieler sind damals sogar miteinander Ski fahren gegangen?
Divis: Doch, doch, das können wir schon laut aussprechen. Ralph hat davon gewusst und war in solchen Dingen sehr relaxt. Er sagte, es ist ihm lieber, wenn sich die Spieler an ihrem freien Tag draußen, an der frischen Luft bewegen, als wenn sie zu Hause vor dem Fernseher sitzen und Gummibärchen in sich hineinstopfen. Unser Vorteil war, dass jeder von uns gewusst hat, wie ein Profi zu leben hat. Wir haben auch miteinander gefeiert, auch das war kein großes Geheimnis damals, aber wir haben immer sehr genau gewusst, wann wir feiern konnten und wann Schluss mit lustig war. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen verklärend, aber auch das hat uns von den anderen Mannschaften abgehoben. Weil wir keine Arbeitsgemeinschaft waren, bei der man, wie es oft genug vorkommt im Mannschaftssport, notgedrungen miteinander ausgekommen ist. Wir waren Freunde. Das hat sich dann auch später noch oft gezeigt.

Wie hat sich das gezeigt?
Divis: Zum Beispiel, als ich mit St. Louis in Colorado gespielt habe. Dominic Lavoie hat dort gelebt, wir haben uns zum Essen getroffen, er hat sich das Spiel und sogar unser Training angeschaut. Und genau so war und ist es noch heute, wenn ich in Schweden bin; als ich zum Beispiel als Nationaltrainer mit dem ÖEHV für ein Turnier in Färjestad war, hat mich Rund­qvist an einem freien Tag vor der Eishalle abgeholt, und wir haben gemeinsam was unternommen. Wenn wir über die großen Erfolge der VEU sprechen und den Euroliga-Sieg, dann sage ich: Unsere Kameradschaft hat uns stark gemacht. Wir hatten schon auch sehr gute Spieler, so ist es natürlich nicht, es war nicht nur das Kollektiv und nicht nur, dass wir alle miteinander befreundet waren. Aber den letzten Ausschlag gab, dass wir uns auch abseits vom Eishockey so gut verstanden haben.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
VEU-Trainer Ralph Krueger wird nach dem 7:2-Heimspielerfolg im Viertelfinal-Rückspiel gegen Hämeenlinna von den Fans frenetisch gefeiert. Stiplovsek

Wie Sie schon gesagt haben: Andere Teams hatten sicherlich die besseren Einzelspieler, hatten auch mehr Spieler – aber die VEU war als Mannschaft so kompakt und hatte mit Ralph Krueger einen Trainer, der den Unterschied ausmachte?
Divis: Das ist die Erklärung. Ralph hat es geschafft, dass wir als Mannschaft wirklich daran geglaubt haben, dass wir diesen Titel gewinnen können – wofür uns viele belächelt haben. Wir wussten, wenn wir zehn Mal gegen diese Top-Teams wie Petra Vsetin oder Dynamo Moskau spielen, verlieren wir wahrscheinlich neun Mal. Aber wir wussten auch, in einem Spiel konnten wir sie schlagen. Sowieso, weil uns damals die Zuschauer unfassbar unterstützt haben, unser Heimvorteil war wirklich ein Heimvorteil. Anderswo hätten wir den Titel wahrscheinlich eher nicht geholt. Es hat einfach alles gepasst. Da war diese Gabe von Ralph, uns an den Titel glauben zu lassen, da waren die Zuschauer, so ganz schlechte Spieler waren wir auch nicht, und vor allem muss man auch sagen, wir waren viel besser auf unsere Gegner vorbereitet als alle anderen Teams. Ralph war seiner Zeit weit voraus. Wir haben damals schon die gegnerische Mannschaft bis ins Detail analysiert, so wie das heute üblich ist, aber damals niemand gemacht hat. Wir wussten genau, welche Stärken und kleine Schwächen unsere Gegner hatten, wie sie im Powerplay und in Unterzahl agierten, wie ihre Linien zusammengestellt waren, auf all das waren wir vorbereitet. Ralph hat uns auf jeden Gegner perfekt eingestellt, er war ein überragender Taktiker.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Finalwochenende – als Goalie hatten Sie ja auf dem Eis eine andere Perspektive auf das Spiel als Ihre Mitspieler?
Divis: Wir waren einkaserniert in Liechtenstein, wobei das kein Einzelfall war. Wir haben uns eigentlich ganz normal auf die Spiele vorbereitet, wir haben Videos geschaut, wir versuchten aber auch, uns zu entspannen. Ich für mich persönlich war voll konzentriert, als Goalie steht man in einem Spiel natürlich in einem anderen Fokus als die übrigen Spieler, gerade gegen so Top-Mannschaften wie Vsetin oder Dynamo Moskau, da hast du viel zu tun und musst viele Hochkaräter abwehren. Natürlich hast du als Goalie einen anderen Blick aufs Spiel, aber ich glaube nicht, dass ich die Partie anders erlebt habe als die anderen. Offen gestanden erinnere ich mich nicht mehr an all zu viele Details aus den Spielen. Gegen die Scheibe haben wir als Mannschaft sehr kompakt verteidigt. Das Arbeiten gegen die Scheibe beginnt ja nicht erst in der eigenen Zone, sondern bei den Stürmern im Angriffsdrittel. Alle haben sich an den Matchplan gehalten, wir haben als kompakte Fünfergruppe verteidigt.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Thomas Rundqvist entschied mit seinem Empty-Net-Goal gegen Dynamo Moskau endgültig das Finale. Stiplovsek

Die VEU konnte daher einen Vorsprung verteidigen wie fast kein anderes Team in Europa.
Divis: Wenn wir mal geführt haben, wurde es für den Gegner sehr schwer, wenn wir mit zwei Toren geführt haben, war es eigentlich unmöglich, uns noch zu schlagen. Weil wir dieses Selbstvertrauen hatten. Jeder von uns. Klar, jeder spricht von Rund­qvist und Gustafsson, aber wir hatten auch noch Rick Nasheim, Gerhard Puschnik, Fritz Ganster, Thomas Vnuk, Michi Lampert, Wolfgang Strauss, Bernd Schmidle, Tom Searle und und und. Das war so eine ausgefuchste Truppe. Es hätte nicht gereicht, wenn ein paar Spieler smart gespielt hätten, wenn ein paar Spieler die Nerven bewahrt hätten. Es brauchte jeden, jeder hatte seine Aufgabe, und zusammen haben wir geschafft, was alle außer uns für unmöglich hielten.

Die VEU hatte vor allem auch diese Siegermentalität, mit der man viele Gegner schon mental unter Druck brachte?
Divis: Alpo Suhonen, der damals Headcoach bei Hämeenlinna war, mir mal eine vielsagende Geschichte erzählt: Als Hämeenlinna uns für das Viertelfinale zugelost bekommen hat, hätten alle in Finnland gejubelt, Hämeenlinna hätte das leichteste Los gezogen. Alpo Suhonen sagte dagegen, man hätte sehr wahrscheinlich sogar das schwerste Los gezogen. Dafür wurde er belächelt. Drei Jahre davor wurde in Kloten die Halbfinalgruppe ausgetragen, in der auch wir gespielt haben. Ein paar der Spiele wurden nach Feldkirch verlegt, unter anderem unser Spiel gegen Turku, und ich weiß noch, wie fuchsteufelswild der Trainer von Turku darüber war. Der wusste, wie schwer es war, gegen uns zu spielen, noch dazu, wenn wir Heimvorteil hatten. Wir haben dann auch tatsächlich mit 5:3 gewonnen. Uns hat in Europa niemand unterschätzt, außer die Russen, die dachten, dass sie im Eishockey allen überlegen wären, die Tschechen hatten eine ähnliche Mentalität. Und genau auf Mannschaften dieser beiden Nationen sind wir 1998 beim Final-Four in Feldkirch getroffen.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Die Stimmung in der Vorarlberghalle war einzigartig. Stiplovsek

Im Halbfinale traf die VEU auf Petra Vsetin, bei den Tschechen standen mehrere Weltmeister des Jahres 1996 im Line-up. 140 Sekunden vor dem Ende kassierte die VEU das 1:2.
Divis: In diesem Moment ist etwas Unbeschreibliches passiert in der Vorarlberghalle. Nachdem wir in Rückstand geraten waren, feuerten uns die 6000 Fans so an wie nie zuvor und nie mehr danach. So einen Moment erlebst du als Spieler, wenn du ganz großes Glück hast, einmal in deiner Karriere, so ein Moment kann sich gar nicht mehr wiederholen. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke, und so geht es allen Spielern von damals. Es war unglaublich. Da fangen wir uns das 1:2, und plötzlich explodiert die Stimmung in der Halle, es war wie Magie, die Zuschauer haben uns so viel Kraft gegeben. Unser Glück war dann auch, dass der tschechische Trainer ein Timeout genommen hat, das hat uns Zeit gegeben, uns wieder zu fangen, wir konnten besprechen, was zu tun war – und auf den Rängen pushten uns die Fans zum Ausgleich. Die Fans haben wirklich einen Anteil an unserem Euroliga-Titel.

Gustafsson erzielte 97 Sekunden vor dem Ende das 2:2, in der Overtime hat Gerhard Puschnik von hinterm Tor aus das Glück erzwungen, seine Scheibe prallte vom Fuß von Vsetin-Goalie Cechmanek ins Tor.
Divis: Das war kein Glück. „Puschi“ war einer der besten Torjäger, mit denen ich je gespielt habe. Und da schließe ich bitte ausdrücklich meine Zeit in der NHL und in Schweden mit ein. Gerhard hatte einen Torriecher, wie es ihn nur ganz selten gab, er war ein ganz Großer, und das damals war ein gezielter Torschuss. Leider kamen Österreicher damals nur sehr schwer ins Ausland, weil die Zeit dafür noch nicht reif war, sonst hätte Gerhard eine noch größere Karriere gemacht. Manchmal habe ich den Eindruck, es wird fast ein bisschen übersehen, was für ein überragender Spieler Gerhard Puschnik war.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Die Feldkircher bejubeln das Overtime-Siegtor von Gerhard Puschnik im Halbfinale gegen Petra Vsetin. Stiplovsek

Also wir von der NEUE sind mächtig stolz, dass Gerhard Puschnik unser Experte ist. Für uns ist er nach wie vor der beste Vorarlberger Eishockeyspieler aller Zeiten. Vergangene Woche hat Puschnik in seiner NEUE-Kolumne das Tor selbst so beschrieben, dass er Stress erzeugen und die Scheibe dahin bringen wollte, wo etwas passieren konnte.
Divis: Dann ist er zu bescheiden. Ich kann Ihnen versichern, dass er auch im Training immer wieder von hinterm Tor aus so den Torschuss angesetzt hat wie damals beim Siegtor gegen Petra Vsetin. Gerhard hat aus allen Lagen geschossen, er hatte diesen Instinkt, sogar im Training wollte er Tor um Tor schießen. Ich kann mich erinnern, wenn ich im Training seine Schüsse gefangen habe, hat er neben mir gewartet, bis ich die Scheibe wieder ausgelassen habe, dann hat er sie reingemacht. Das hat im Training selbst zwar nicht wirklich was gebracht, aber es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Training für solche Spielsituationen. Nein, ganz sicher, sein 3:2 gegen Petra Vsetin war Absicht.

Sie waren damals erst 22 – waren Sie vor dem Finale gegen Dynamo Moskau nervöser als sonst?
Divis: Ja. Normalerweise war ich ziemlich relaxt vor einem Spiel, aber vor dem Finale war ich wirklich sehr nervös, weil es das wichtigste Spiel meiner Karriere war.

Was ist Ihnen vom Finale in Erinnerung geblieben?
Divis: Ich könnte jetzt keine Spielsituationen mehr beschreiben, aber ich erinnere mich, wie der Dynamo-Trainer vor dem Finale gesagt hat: „Wer ist Feldkirch? Ich kenne keinen einzigen Spieler von Feldkirch“. Das war damals wie gesagt die russische Mentalität im Eishockey, und ich spreche wohlgemerkt nur vom Eishockey. Wenn du es gegen die Russen geschafft hast, das Spiel lange knapp zu halten, dann haben diese Teams die Nerven verloren. Dann haben die russischen Spieler begonnen, untereinander zu streiten, weil sie unzufrieden mit sich waren. Und dann hatte man eine Chance. So war das auch im Finale. Dynamo hat uns komplett unterschätzt, und wir schafften es, dass sie immer unzufriedener wurden.

„Die Stimmung in der Halle ist explodiert“
Reinhard Divis wehrt im Finale einen Angriff von Dynamo-Stürmer Lev Berdichevsky ab. Stiplovsek

Haben Sie Erinnerungen an die Schlusssekunden des Finales und der anschließenden Feier?
Divis: Natürlich, die gemeinsamen Feiern sind das, was von einer Karriere am stärksten im Gedächtnis bleibt. Jeder Spieler von der damaligen Mannschaft hat in seinem Leben wahrscheinlich 1000 Spiele bestritten, da ist es fast unmöglich, sich hinterher an mehr als eine Handvoll Szenen sofort erinnern zu können; und was hängen bleibt, ist bei jedem anders. Vom Finale weiß ich natürlich noch, wie Rund­qvist zwei Sekunden vor dem Ende mit einem Empty-Net-Goal das 5:3 erzielt hat. Zum Schluss wurde es sehr hitzig, da ist es zu einer Rangelei gekommen, Michi Lampert hat eine Scheibe gegen das Auge bekommen. Danach war gar nicht klar, ob er mit zu den Olympischen Spielen fahren konnte, weil das Auge so angeschwollen war. Wir sind ja schon am nächsten Morgen angereist. Ich erinnere mich auch an die Glücksgefühle bei der Pokalübergabe, irgendwie war auch eine Erleichterung dabei, dass wir es geschafft hatten. Ich bin sehr stolz auf diesen Titel, denn wir haben uns den Euroliga-Sieg als Mannschaft verdient, das macht diesen Erfolg so besonders für mich und für alle von uns.

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