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Philosophische Wanderung in die vierte Dimension

22.01.2023 • 20:05 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Sonntags-Tagebuch von Heidi Salmhofer <span class="copyright">NEUE</span>
Sonntags-Tagebuch von Heidi Salmhofer NEUE

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE.

Gina Lollobrigida trinkt jetzt „drüben“ einen Kaffee mit ihrem Fan: meiner Oma. Das finde ich eine schöne Vorstellung. Was dieses „Drüben“ wirklich ist, beschäftigt mich, seit ich denken kann. Als kleiner Stöpsel dachte ich, tot sein bedeute, die Augen zu schließen und mich nicht mehr zu bewegen, aber dennoch alles erfassen zu können. Ich bin öfter verknotet am Boden gelegen, meine Atmung so gut wie möglich reduzierend. Das war dann der Tod. Nicht so schlimm. Wie kurz vor dem Einschlafen. Nach zwei Minuten löste ich meinen Körperknoten wieder auf und blätterte in meinen Pixi-Büchern.
Dass der Tod etwas für die Ewigkeit sein sollte, war mir damals noch nicht ganz klar. Später dann, schon etwas belesener und in der menschlichen Welt erfahrener, nahm ich mir die Angst vor dem Sterben einfach, indem ich mir vorstellte, im Tod alles zu wissen. Keine Fragen würden offenbleiben, das große Ganze wäre kein unlösbares Rätsel. Ich wüsste, woher wir kamen, wohin wir gingen und vor allem könnte ich mich mit Tutanchamun unterhalten. Krass! Als Elfjährige war ich total verschossen in den Pharao. Rückblickend betrachtet war ich wohl ein nerdiges Kind.

Ein einzelner Gott in der Welt da drüben kam in meiner Vorstellung nie vor. Das ist mir bis heute geblieben. Etwas Göttliches aber durchwegs. In jeder Kultur gibt es die Idee eines jenseitigen Lebens und ich kann mir nicht vorstellen, dass das alleine damit zu tun hat, dass unser Verstand den Tod nicht erfassen kann. Somit gehe ich davon aus, es gibt danach etwas und ich glaube auch, dass dieses „Danach“ ursächlich mit dem Jetzt und Hier verknüpft ist.

Die dritte Dimension existiert nur in Zusammenhang mit der vierten Dimension und umgekehrt. Genauso wie ich eine eindimensionale Zeichnung nur auf einem dreidimensionalen Papier anfertigen kann. Alles gehört zusammen. Und weil eben alles zusammengehört, glaube ich auch, dass man im Hier und Jetzt – wie das ebenso die meisten Religionen behaupten (solange sie nicht vernebelt wurden von uns Menschen) – sein Bestes geben sollte, vor allem zwischenmenschlich, sich selbst, der Natur und der gesamten Welt gegenüber.

Denn, um nochmal den Papiervergleich zu bemühen, wenn ich rücksichtlos meinen Bleistift auf das weiße Blatt drücke, entstehen Risse. Die Zeichnung ist hin genauso wie meine Unterlage. Abgesehen davon, es tut einfach verdammt nochmal gut, kein Depp zu sein. Ansonsten bin ich gespannt, wie es da „drüben“ wirklich ist. Mit 102 bin ich dann bereit, es zu entdecken und auf ein Glaserl Wein mit Tutanchamun zu gehen.

Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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