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Dynamische Kontraste in Brahms

23.01.2023 • 20:25 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado mit den Wiener Symphonikern beim Bregenzer Meisterkonzert am Freitag. <span class="copyright">hartinger</span>
Der spanische Dirigent Pablo Heras-Casado mit den Wiener Symphonikern beim Bregenzer Meisterkonzert am Freitag. hartinger

Wiener Symphoniker spielten unter Leitung von Pablo Heras-Casado.

Von Katharina von Glasenapp

Bei ihrer traditionellen Bundesländertournee zu Jahresbeginn konzentrierten sich die Wiener Symphoniker im Rahmen der Bregenzer Meisterkonzerte ganz auf Johannes Brahms und dessen erste und zweite Symphonie

Intensive Körperarbeit

Nachdem Andrés Orozco-Estrada seine Funktion als Chefdirigent im vergangenen April mit sofortiger Wirkung niedergelegt hatte, setzen die Wiener Symphoniker auf Gastdirigenten und machen, wie das Konzert am Freitag zeigte, spannende Erfahrungen. Der Spanier Pablo Heras-Casado, der hier die Leitung übernommen hatte, arbeitet intensiv mit dem Freiburger Barockorchester und Anima Eterna Brugge, also Originalklangorchestern, zusammen. Dabei überträgt er die Erkenntnisse aus der historischen Aufführungspraxis auch auf die Symphonik des 19. Jahrhunderts.

Auffallend ist seine intensive Körperarbeit, die in manchen Übergängen allerdings nicht immer klar ist, ohne Stab und auswendig formt er die Musik mit starken dynamischen Kontrasten und gestalterischer Kraft. So klingt der Beginn der ersten Symphonie über dem Puls der Pauke einerseits ungemein mächtig, andererseits setzt Heras-Casado im weiteren Verlauf auf Transparenz in den Orchestergruppen. Brahms’ Erste wird ja gern „Beethovens Zehnte“ genannt, hier wurde es in den schönen Holzbläserlinien und einem frischen Zugriff im Geiste Beethovens hörbar.

In den langsamen Sätzen, auch der zweiten Symphonie, bereitet der spanische Dirigent den Boden für unendlich scheinende Streichermelodien, über die sich die Solooboe, die Gruppe der Holzbläser oder das Solohorn erheben. Hier hat die Musik großen Atem, ist durchzogen von feinen Rubato-Verzögerungen und einem wunderbar innigen, niemals kitschigen Ton.

An dritter Stelle steht bei Brahms eher ein Intermezzo im milderen Gestus: hier setzt Heras-Casado die Orchestergruppen in Beziehung, die Übergänge klingen organisch, aber präsent, fein sind die Pianissimo-Abstufungen in der ersten Symphonie, während im Allegretto grazioso der zweiten Symphonie fast der Geist Mendelssohns vorüber zu huschen scheint.

Leuchtend und klangsatt

Mit dem großen Hornthema, der Posaunengruppe und dem bekannten Choral im Finale der ersten Symphonie sind die Wiener Symphoniker tief im romantischen Klangbild angekommen, doch gelingt es dem spanischen Dirigenten, den Fluss der Musik zu erhalten. „Sein“ Brahms klingt nicht so sperrig und kantig wie manch andere Interpretation, genussvoll, leuchtend, klangsatt, aber durchsichtig.

Und natürlich erschafft auch er im Wechselspiel der Gruppen, den synkopischen Rhythmen und der fulminanten Steigerung im Finale der zweiten Symphonie jene effektvolle Stretta, die nochmals alle Kräfte des spielfreudigen Orchesters mobilisiert.

Für den großen Jubel des Publikums über „sein“ Festspielorchester bedankten sich Heras-Casado und die Wiener Symphoniker mit einem frisch polierten und pointierten Rausschmeißer: Wieder Brahms, aber der Fünfte der „Ungarischen Tänze“. Im Sommer tauchen die Symphoniker dann wieder ein in die italienischen Opern und zeigen ihre Flexibilität in unterschiedlichen Orches­terkonzerten.

Infos und Termine: www.bregenzermeisterkonzerte.at.

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