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Zwischen Leidenschaft und Heimweh: Leben im Ski-Internat

23.01.2023 • 18:07 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Im Vorarlberger Schulsportzentrum gab es ein Probetraining für alles Interessierten. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Im Vorarlberger Schulsportzentrum gab es ein Probetraining für alles Interessierten. Klaus Hartinger

Sie leben ihren Traum vom Skifahren und geben dafür das Leben zu Hause auf.

Quietschende Hallenschuhe, jubelnde Kinder und das Gemurmel der Eltern: Wer am Freitag zu Gast in der Skimittelschule (SMS) in Schruns war, wurde Zeuge eines Nachmittags zwischen Euphorie und Sorge. Die SMS Schruns veranstaltete für interessierte Kinder einen Tag der offenen Tür. Die jungen Skifahrerinnen und Skifahrer, die in etwa neun bis zehn Jahre alt sind, sollten einen Eindruck gewinnen können, wie es ist „Vollzeit“ Ski zu fahren.

Volles Programm am Tag der offenen Tür

So sieht der Lernraum im Internat aus.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
So sieht der Lernraum im Internat aus. Klaus Hartinger


Der Tag begann mit einem Ski-Schnuppertraining im Hochjoch. Die Kinder fuhren in Gruppen mit Trainerinnen und Trainern der Schule und bewiesen sich im Riesentorlauf. Auch das ungemütliche Wetter mit Nebel und Schneefall konnte die Kids nicht davon abhalten, ganz offensichtlich viel Freude an der Einheit zu haben. Am Nachmittag ging es dann zurück ins Schulsport-Zentrum nach Tschagguns.

Die Kinder besichtigen ein Zimmer. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Kinder besichtigen ein Zimmer. Klaus Hartinger

Dort wartete der nächste und vielleicht interessanteste Programmpunkt auf die Kinder: Die Internatsbesichtigung. Je zwei aktuelle Schülerinnen und Schüler zeigten den Besuchenden die Zimmer und die Lernräume und erzählten sogar von einem kleinen Highlight: „Wir haben einen Discoraum und da findet so ca. vier Mal im Jahr eine Disco für uns statt“. Die Kinderaugen fingen an zu funkeln. Außerdem gibt es eine große Turnhalle, in der die Konditions- und Krafttrainings stattfinden. Natürlich will auch die gesamte Skiausrüstung ordentlich verstaut sein. Dafür gibt es für jedes Kind einen Spind, der sich automatisch öffnet, wenn die Kinder die Tür zum Spindtrakt mit ihren personalisierten Chips öffnen, erklärt Lilli Heim, die die vierte Klasse der SMS besucht. Es wird schnell deutlich: Die Infrasturktur ist darauf ausgelegt, optimale Trainings- und Lebensbedingungen zu schaffen.

Lilli (r.) und Antonia (l.) zeigen, wie ein Internatszimmer aussehen kann. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Lilli (r.) und Antonia (l.) zeigen, wie ein Internatszimmer aussehen kann. Klaus Hartinger

Anstrengender Alltag

Natürlich ist der Trainingsalltag nicht ganz unanstrengend, denn auch, wenn die Kinder für ihre Trainings immer wieder von der Schule freigesstellt werden – Schularbeiten und Unterrichtseinheiten müssen sie genauso absolvieren wie andere Kinder – nur eben zu anderen Zeiten. Der Alltag der Schülerinnen und Schüler ist also sehr getaktet. Im Winter gibt es häufig eine Frühstunde, die von 6.45 Uhr bis 7.15 Uhr dauert. Wenn dann im Winter drei Mal die Woche vormittags Ski fahren auf dem Programm steht, geht es am Nachmittag wieder in den Unterricht. Damit alle Hausaufgaben erledigt werden können, gibt es von 17.15 Uhr bis 18 Uhr und von 18.45 Uhr bis 19.45 Uhr eine Lernzeit. Dort werden die Kinder von Erzieherinnen und Erziehern betreut und in schulischen Angelegenheiten gefördert.

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Damit auch der Schlaf nicht zu kurz kommt, werden um 21 Uhr die Handys abgegeben und die Ruhezeit beginnt. Lilli Heim erklärt, dass es besonders nach den Ferien in den ersten drei Wochen anstrengend ist. „Danach gewöhnt man sich aber an die Tagesabläufe und es geht super gut“, meint sie. Insgesamt ist sie super zufrieden mit dem, was ihr die Schule und das Internat bieten können. „Wir haben im Winter sehr viel Freizeit und können uns eben auf das Skifahren konzentrieren. Schule spielt im Winter ehrlicherweise eine Nebenrolle.“ Auch das Internatsleben gefällt ihr – Themen wie Mobbing gibt es in Schruns nicht. „Wir verstehen uns alle super gut und helfen uns. Ich habe zum Beispiel kein Heimweh, es gibt aber Kinder, die das haben. Und da kümmern wir uns dann und schauen, dass niemand allein ist. So vergessen die Kinder das dann ganz schnell“, erklärt die Nachwuchsathletin.

Nach dem Skitraining ging es ins Internat. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Nach dem Skitraining ging es ins Internat. Klaus Hartinger


Michael Dünser ist Klassentrainer der zweiten Klasse und sieht große Chancen für aktive Jungen und Mädchen. „Die Kinder kommen mit sehr unterschiedlichen Niveaus zu uns und man sieht eine enorme Weiterentwicklung. Manchmal sind die Kinder, die am Anfang schwach waren nach einiger Zeit richtig gut, weil sie einfach trainieren wollen und immer voll dabei sind.“ Neben den verschiedenen Skidisziplinen, werden die Kinder breitgefächert trainiert. Dünser erklärt, die Kinder seien mit 10 bis 14 Jahren im goldenen Lernalter und können daher später davon zehren, was sie im jungen Alter gelernt haben.

Weg von daheim

Auch wenn natürlich das Skifahren während andere Kinder die Schulbank drücken, attraktiv scheint, hat das Leben als Nachwuchssportler in Schruns eine Schattenseite. Eines der wohl größten Themen, das bei der Entscheidung für oder gegen den Wechsel auf die SMS eine enstcheidende Rolle spielt, ist der frühe Auszug von zu Hause. Die Kinder sind in der Regel neun bis zehn Jahre alt, wenn sie nach Schruns ins Internat kommen. Für manche Kinder führt dieser Aspekt dazu, dass sie sich gegn die Schule entscheiden. So geht es zum Beispiel der Tochter von Patrick Glogg. Sie möchte nicht ins Internat, würde aber gerne die skifahrerischen Möglichkeiten haben, die den Kindern geboten werden. „Wir schauen jetzt, ob es die Möglichkeit gibt, dass sie die ersten zwei Jahre als Externe die Schule besucht, denn meine Großmutter wohnt gleich in der Nähe“, sagt der Vater. Wichtig ist ihm aber vor allem, dass der Wunsch, Ski zu fahren, von seiner Tochter selbst kommt. So lange sie es möchte, unterstütze er sie.

Patrick Glogg unterstützt seine Tochter in ihrem Vorhaben. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Patrick Glogg unterstützt seine Tochter in ihrem Vorhaben. Klaus Hartinger


Auch für die neunjährige Olivia Butscher spielt das Thema Internat eine wichtige Rolle. „Ich hab schon viel darüber nachgedacht. Und ehrlicherweise zittere ich schon ein bisschen, weil ich nicht von daham weg möchte.“ Dem gegenüber steht ihre große Leidenschaft: das Skifahren. „Ich würde gerne eine Karriere als Skifahrerin machen. Das füllt mich einfach aus und bedeutet für mich Spaß pur“, so die Neunjährige. Eine Option, um die Entscheidung noch etwas zu vertagen, aber dennoch den Traum zu leben, wäre der Wechsel zunächst auf ein Gymnasium. Dann, wenn Olivia etwas älter geworden ist, könnte sie immer noch nach Schruns wechseln. Im Augenblick hält sie das für die sinnvollste Lösung.

Olivia war beim Hallentraining Feuer und Flamme, hadert aber mit dem Umzug ins Internat. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Olivia war beim Hallentraining Feuer und Flamme, hadert aber mit dem Umzug ins Internat. Klaus Hartinger


Hinter jedem Kind, das auf das Internat wechseln möchte, stehen aber auch Eltern, die die Entscheidung der Kinder mittragen müssen. Sabine Jantschs Sohn möchte nach Schruns, ihr fällt es aber schwer, das noch so junge Kind loszulassen. „Aber er muss das selber entscheiden. Da muss ich mich nicht für ihn verkopfen. Wenn er das möchte, dann ist das okay. Wir als Elternteile wollen und müssen unseren Sohn immer so gut es geht unterstützen.“ Die Familie kommt aus dem Klostertal – mal eben nach Hause fahren, ist also auch nicht ganz einfach.

Sabine Jantsch tut sich schwer, ihren Sohn gehen zu lassen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Sabine Jantsch tut sich schwer, ihren Sohn gehen zu lassen. Klaus Hartinger

Kostenfaktor Skiausrüstung

Neben den emotionalen Gründen, spielen aber auch ganz pragmatische Gründe eine Rolle in der Entscheidungsfindung. Der Skisport ist äußerst kostspielig. Die Kinder haben in der Regel rund sechs Paar Ski, die in der Anschaffung mitunter fast 1.000 Euro kosten. Hinzu kommen Skischuhe, Stöcke, Rennbekleidung, Helm, Brille, Protektoren. Wer keinen Sponsorenvertrag hat, muss also tief in die Tasche greifen. Lilli Heim erklärt aber, dass einige Schülerinnen und Schüler bereits Sponsoren-Verträge haben und damit Ski und Schuhe gestellt bekommen. Sie fährt beispielsweise für Salomon.

Jedes Kind an der Skimittelschule besitzt im Schnitt sechs Paar Ski. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Jedes Kind an der Skimittelschule besitzt im Schnitt sechs Paar Ski. Klaus Hartinger


Im Gegensatz zur Ausrüstung sind die Internatskosten vergleichsweise gering. 407 Euro kostet die Unterbringung mit Vollpension, Training, Skipass und Training. Auch die medizinische Betreuung, sowie Nachhilfe und Skipräparation sind inkludiert. Je nach sozialökonomischer Bedürftigkeit sind Stipendien des Landes Vorarlberg vorgesehen. So soll es auch Familien aus weniger wohlhabenden Verhältnissen möglich sein, die Skikarriere ihres Kindes zu fördern.

Skifahren gehört für die Kids zum Alltag. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Skifahren gehört für die Kids zum Alltag. Klaus Hartinger


Grundsätzlich werden die Kinder in die erste bis vierte Klasse aufgenommen und besuchen die Mittelschule in Schruns. Kinder, die dem VSV-Kader angehören, werden auch in die Polytechnische Schule aufgenommen. Die Aufnahme erfolgt nach erfolgreichem Bestehen eines Eignungstests.

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