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Salvadori’s Reise durch 360 Seiten

24.05.2023 • 21:12 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Michael Salvadori vor seiner surrealen Landschaft. <span class="copyright">Sieglinde Wöhrer</span>
Michael Salvadori vor seiner surrealen Landschaft. Sieglinde Wöhrer

Michael Salvadori präsentiert sein surreales Kunstbuch „360“ in der Dornbirner Galerie Krafthaus.

Auf 360 Seiten hat der Künstler Michael Salvadori mit schwarzer Tusche eine durchgängige 107 Meter lange Landschaft gezeichnet, in der sich Tiere, Pflanzen und Menschen in einer surrealen Welt über die Logik hinausbewegen. Wie in Träumen vermischt sich die Realität mit dem Bizarren. Seite für Seite führen die Bilder den Blick der Betrachter durch eine Welt, die es so nicht gibt – immer abwechselnd dreißig Seiten bei Tag und dreißig bei Nacht.

Seite 346 aus dem Kunstbuch 360. <span class="copyright">Michael Salvadori</span>
Seite 346 aus dem Kunstbuch 360. Michael Salvadori

Quer durch die Popkultur

Im kreativen Prozess vermischt sich Erfundenes mit realen Personen, fiktive Figuren aus Märchen oder Filmen bevölkern die Landschaft genauso wie teils verzerrte Darstellungen von berühmten Künstlern. Und auch autobiographische Elemente schleichen sich in die Bilder: Das Haus, in dem Salvadori mal gewohnt hat, steht plötzlich in der skurrilen Landschaft, Gesichter seiner damaligen Freundin ziehen sich als Masken großflächig durchs Bild – „die ist da mehrfach drinnen, und sei es nur ihre Hand“ – und auch der Hund seiner Ex-Mitbewohnerin schaut um die Ecke. Einmal komme der Künstler auch selbst vor: „Ich halte ein Puzzle und puzzle den Himmel zusammen“, beschreibt Salvadori im Interview.

Der Künstler in der Galerie Krafthaus. <span class="copyright">Sieglinde Wöhrer</span>
Der Künstler in der Galerie Krafthaus. Sieglinde Wöhrer


Vom schraffierten Pink Floyd-Cover über die Micky Maus bis zu Hommagen an Picasso oder Dali habe er seine Figuren quer durch an die Popkultur und Kunstgeschichte angelehnt, manchmal kopiert und in seine Landschaft eingefügt. „Robert Crumb sitzt auch da irgendwo auf seinem Stuhl und spielt Banjo. Es ist jeder Mensch so übersättigt mit Bildern den ganzen Tag, sogar in der Werbung findet man ab und zu spannende Motive. Du wirst so überflutet, ich glaub, das hat was mit dem Hirn zu tun. Wenn du permanent bombardiert wirst mit Bildern, setzt sich das Zeug halt doch irgendwo im Hinterkopf ab. Das was man sieht, das nimmt man auch in sich auf und dann entsteht wieder was Neues daraus.

Spannendes Lernstück

Aus einem zerbrochenen Ei fließen flüssige Augen, die Erde hat Löcher, Flaschen sind fast so groß wie Häuser und ein Boot fährt auf einem Meer aus Brüsten. Bäume haben die Körper von Menschen und aus dem Schneckenhaus formt sich eine zeichnende Hand. Manche der Bilder wirken tiefgründig und poetisch, manche dystopisch, manche zeigen einfach nur eine schöne Landschaft und bei allen gewinnt die Fantasie.

Sechs Jahre hat Michael Salvadori an dem Projekt gearbeitet, auf der Suche nach seinem persönlichen Stil. Er wollte keine Routine mehr, „keinen klassischen Erwerbsjob“. „Ich hab mir gedacht, ich versuch’s als Künstler.“ Nach und nach sei immer mehr Fanatismus und Überzeugung entstanden, dass „ich das was ich grad angefangen habe, auch wirklich machen will.“ Zuerst habe er drei, vier Jahre Ölbilder gemalt, bis er einen Schritt zurückmachte und als Basis zuerst „richtig zeichnen lernen“ wollte. In diesem Lernprozess ist ein Buch entstanden, das quasi zu seinem Lernstück wurde und mit dem er sich selbst autodidaktisch das Zeichnen lernte.
Ein konkretes Konzept habe er nicht gehabt. „Alles ist Fantasie, sowas kann man nicht planen. Wenn du das entwirfst, ist es eigentlich die Kunst, so wenig wie möglich zu denken, um da irgendwo den Zugang zu finden“, sagt Salvadori. Anfangs habe er vier bis fünf Seiten pro Woche geschafft, gegen Ende nur mehr eine. „Mir war nicht bewusst, dass die Dichte so zunimmt, dass ich dann doch fast sechs Jahre brauche.“

Blick in die Galerie. <span class="copyright">Christian Hirschmann</span>
Blick in die Galerie. Christian Hirschmann

Versetzte Realität

Salvadori spielt beim Zeichnen mit Perspektiven, Formen, Wiederholungen und Größenverhältnissen. Er nimmt die Realität auseinander und setzt sie in Teilen neu zusammen, oft ergeben sich dabei nur Ausschnitte einer Szenerie, die der Betrachter selbst fertig denken kann.
„Ich finde das superspannend, was Menschen teilweise rausinterpretieren, oder wie sie etwas empfinden, wenn sie von mir Bilder anschauen, weil das ja wieder etwas über einen selbst aussagt. Der eine empfindet ein Gesicht als traurig, der andere dieses Gesicht als entspannt, so unterschiedlich wird das interpretiert. Das sind Landschaften, die ausschließlich aus der Fantasie entsprungen sind, die Bäume und die Blätter und die Schatten, das ist ja alles gar nicht richtig, aber es schaut richtig aus… es hat einen Realismus, aber irgendwie auch nicht, es ist alles stilisiert, die Blätter würden nie so ausschauen, niemand hat Konturen, alles ist nur Licht und Schatten“, beschreibt Salvadori.
Je länger er an dem Buch zeichnete, desto dichter und komplexer wurden die Bilder. Die karge Landschaft anfangs sei nur Hilflosigkeit gewesen, irgendwann fängt sie an zu wachsen, wird grasig, die Bäume kriegen Blätter und dann wachsen auch Blumen, dennoch gehören die Seiten alle zusammen zu einer einzigen Landschaft, die sich immer weiter erstreckt.

Die Eröffnung von Salvadoris Ausstellung.  <span class="copyright">Christian Hirschmann</span>
Die Eröffnung von Salvadoris Ausstellung. Christian Hirschmann

Galerie Krafthaus

Seit Anfang April wird „Michael Salvadori’s 360 A journey where the end meets the beginning…” verkauft. Am 19. Mai lud der Künstler in der Galerie Krafthaus zur Buchpräsentation und Vernissage. In der Ausstellung gibt er Einblicke in sein Kunstbuch, zeigt aber auch großflächigere sowie abstrakte Arbeiten.
Die Galerie neben dem Dornbirner Spielboden hat Salvadori zusammen mit Romina Flegel und dem gemeinsamen Verein Krafthaus selbst saniert und entworfen. Bis deren Wände für ein neues Projekt gebraucht werden, bleiben Salvadoris Werke dort hängen und können auf Anfrage besichtig werden.
Finissage: morgen, 26. Mai, 16 Uhr, Ausklang: Samstag, 27. Mai, 16 Uhr, Galerie Krafthaus, Färbergasse 15, Dornbirn.

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