„TBC-Situation im Bregenzerwald außer Kontrolle“?

So drastisch stuft ein Experte die TBC-Situation beim Vieh im Bregenzerwald ein, nachdem letzte Woche eine Schlachtkuh mit TBC-Verdacht auffiel. Der Hof wurde gesperrt.
Bei einer Schlachtkuh aus einem Bregenzerwälder Betrieb gab es letzte Woche einen TBC-Verdacht, wie das Land Vorarlberg über die Pressestelle gegenüber der NEUE auf Anfrage bestätigte: „Wir können bestätigen, dass bei einer Schlachtkuh eines landwirtschaftlichen Betriebes im Bezirk Bregenz ein TBC-Verdachtsfall festgestellt wurde. Der betroffene Betrieb ist vorläufig aufgrund des TBC-Verdachts gesperrt.“
Das ist eine ganz neue Situation in der TBC-Bekämpfung. Denn bisher wurde angenommen, dass das Vieh – nachdem es seit dem Winter letzten Jahres getestet wurde – gesund aufgetrieben wird und sich auf den Alpen möglicherweise durch TBC ansteckt, das vom Rotwild ausgeht. Die Landespressestelle teilt mit, dass „die Kühe des Betriebes sich auf dem Heimbetrieb befinden. Die Rinder, die bereits vor der Sperre auf eine Gemeinschaftsweide (Vorsäß) verbracht wurden, sind dort isoliert und separat eingezäunt.“

Tiere schon mit anderen auf dem Vorsäß
Dramatisch ist, dass andere Tiere aus diesem Betrieb mittlerweile schon auf ein Vorsäß im Hinterwald mit über 200 Tieren aus anderen Betrieben aufgefahren wurden. Nach Bekanntwerden des positiven Schlachtbefundes seien die etwa 20 Tiere aus dem betroffenen Betrieb auf dem Vorsäß vorsorglich separiert und getestet worden. Alle bis auf ein Rind seien negativ gewesen. Das Tier mit dem unsicheren Befund wurde heute, am Montag, diagnostisch getötet und wird weiter auf den TBC-Erreger untersucht. Die Bauern sind jetzt auch verunsichert, weil das Vieh vom betreffenden Vorsäß anschließend auf mehrere verschiedene Alpen verteilt wird. Zu weiteren Maßnahmen teilt die Landespressestelle mit: „Die weiteren Maßnahmen hinsichtlich der auf der Gemeinschaftsweide (Vorsäß) befindlichen Rinder (Alprinder) sind naturgemäß vom Ergebnis dieser diagnostischen Tötung abhängig und werden dann entsprechend kommuniziert.“
Bauern reagieren aufgebracht
Zwei Bauern haben sich bei der NEUE gemeldet und sehr aufgebracht reagiert. Sie fragen mittlerweile schon, was die Testungen wirklich bedeuten, wenn immer wieder Tiere nach den negativen Tests bei Schlachtungen positiv auffallen. Also ob diese Tests verlässlich sind, korrekt durchgeführt wurden, und ob sämtliche Tiere getestet wurden. Nachdem Tiere aus dem Betrieb schon auf dem Vorsäß Kontakt zu Tieren von anderen Betrieben hatten, ließe das nichts Gutes für den Herbst erwarten. Konkret fragt sich ein Bauer, ob er im Herbst nicht vorsorglich sein Vieh, das mit den Tieren aus dem befallenen Bestand auf der Alpe Kontakt hatte, separieren soll? Wobei das gar nicht so einfach sei, weil er dafür einen zweiten Stall bräuchte. Auch stört beide Bauern, dass vonseiten des Landes nicht aktiv kommuniziert wird und die Situation „unter der Decke gehalten werden soll“. Informiert wurden die Bauern von der Hirtschaft, aber nicht von Behördenseite. Auch Tierarzt Hannes Kohler aus Au wurde nicht von der Behörde informiert, sondern von Bauernseite. Reinhard Bär aus Andelsbuch hat auch Vieh auf dem betroffenen Vorsäß: „Ich weiß nicht, ob ich mein Jungvieh, das auf dem Vorsäß weidet, im Herbst in meinen Stall integrieren darf. Ich fühle mich von der Politik und den Behörden im Stich gelassen. Das Thema Wolf ist für mich ein Ablenkungsthema, TBC ist unser großes Problem.“

„Ich weiß nicht, ob ich mein Jungvieh, das auf dem Vorsäß weidet, im Herbst in meinen Stall integrieren darf. Ich fühle mich von der Politik und den Behörden im Stich gelassen. Das Thema Wolf ist für mich ein Ablenkungsthema, TBC ist unser großes Problem.“
Reinhard Bär, Bauer
Totalabschuss gefordert
Die beiden Bauern verlangen nach wie vor, dass sämtliches Rotwild in diesen Hegegemeinschaften geschossen werden müsse, um der Situation Herr zu werden. Das Tiroler Lechtal habe es ja vorgemacht, dass diese eine erfolgversprechende Maßnahme sei, um einen Neuanfang zu machen und wenigstens ein paar Jahre Sicherheit zu erlangen. In Folge müsse der Bestand sehr niedrig gehalten werden und vor allem müssten die Fütterungen eingestellt werden, sind sich die beiden Bauern einig.
Arbeitsverweigerung in der Jagd?
Christine Bösch-Vetter, Grüne, brachte in der letzten Landtagssitzung ein eigenes Konzept für die TBC-Bekämpfung ein und bekam keine Mehrheit. Sie hat von der Situation erfahren und legt eine Abschussliste vor, aus der hervorgeht, dass auf der Alpe Ifer im Frühjahr schon 22 Rotwildstücke erlegt wurden, im Gebiet er Alpe Halden noch kein einziges, oder es werde schlampig gemeldet. Sie spricht von „offensichtlicher Arbeitsverweigerung“ der dort zuständigen Jäger und erwartet sich von der Behörde entsprechende Schritte. Denn letztlich sei es gerade die gut funktionierende Jagd, die Reduktionsgatter verhindern könne. Also dass nicht das Rotwild in ein Gatter getrieben werden muss, um erlegt werden zu können.

Reduktionsgatter, ja oder nein?
Die beiden Bauern verlangen nun die Einrichtung von Reduktionsgattern, wie es sie im Lechtal schon gegeben hat und auch – zumindest mittelfristig – Erfolg hatten. In einem früheren Interview gegenüber der NEUE sprach der zuständige Landesrat Christian Gantner schon von Reduktionsgattern, wenn es keine andere Möglichkeit gebe, den Bestand massiv zu reduzieren. Es sei eine Maßnahme, die für die Seuchenbekämpfung notwendig sein könne. Vor allem dann, wenn mit herkömmlichen Jagdanstrengungen der Bestand nicht reduziert wird oder reduziert werden könne. Er erklärte im Interview, dass es mittlerweile Reviere gebe, wo die Jägerschaft und die Grundbesitzer einem Gatter zustimmen „könnten“. Welche, sagte er nicht. Das Revier 1.5b wird wohl nun in die engere Wahl kommen, wenn die Abschüsse nicht frühzeitig erledigt werden.
Der Herbst wird heiß
Wie nun während der Alpsaison weiter vorgegangen werden wird, ist noch unklar. Testungen sind dort nur sehr schwer durchführbar und es gibt eine Inkubationszeit bei den Tieren, bis sie reagieren. Also wird sich frühestens im Frühwinter zeigen, was dieses Alpjahr mit sich gebracht hat. Dass die Betriebe das Vieh von der Alpe, bis nach den hoffentlich positiven Testungen, separiert unterbringen, wird wohl in den allerwenigsten Fällen möglich sein. Das heißt, dass nach der Alpung sich in den Ställen im Herbst der Erreger innerhalb des Viehs vermehren könnte und wieder Bestandskeulungen notwendig werden könnten. Das wünscht niemand, ist aber bei aller Tierliebe alternativlos für eine Seuchenbekämpfung, ist seit Jahren Strategie des Landes und wird es auch bleiben. Für den Experten, der nicht namentlich genannt werden will, braucht es dringend eine Anpassung der TBC-Bekämpfungsstrategie. Es stelle sich schon die Frage, was die Reihenuntersuchungen bewirken können. Offensichtlich seien diese Tests nicht wirklich verlässlich.
Kurt Bereuter