Besser leben

Personalmangel trifft auf Reiselust

08.07.2022 • 19:02 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Friedrichshafen sieht sich trotz Personalmangel gewappnet. In Memmingen verschwindet Rhodos vom Flugplan. Flughafen Friedrichshafen. <span class="copyright">Flughafen Friedrichshafen </span>
Friedrichshafen sieht sich trotz Personalmangel gewappnet. In Memmingen verschwindet Rhodos vom Flugplan. Flughafen Friedrichshafen. Flughafen Friedrichshafen

Ferienstart, überfüllte Flughäfen und Flugstreichungen wegen fehlenden Personals am Boden und in der Luft.

Bilder und Nachrichten von überfüllten Flughäfen und gestrichenen Flügen haben dieser Tage die Medien dominiert. Für viele ist die Pandemie vorbei, die Reiselust größer den je. Doch wenn Personalmangel und eine erhöhte Nachfrage beim Fliegen aufei­nandertreffen, geht der Betrieb an vielen europäischen Flughäfen nur schleppend voran. Airlines streichen Flüge, weil Mitarbeiter im Cockpit und der Kabine fehlen. Und auch am Boden herrscht Personalnot. Am Flughafen Zürich sieht man sich für die startende Sommersaison gewappnet, heißt es in einer Mitteilung. Auch vom Flughafen München kommt eine ähnlich positive Meldung. An beiden Standorten kam es jedoch in den vergangenen Tagen zu einem Gepäckchaos. Unzählige Koffer von (Transit-) Reisenden waren gestrandet. Für viele Passagiere ein Worst-Case-Szenario.

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Flughafen Friedrichshafen

Bodenseee-Airport Friedrichshafen

An den regionalen Flughäfen in der Umgebung ist die Situation vergleichsweise entspannt. Dennoch herrscht auch am Flughafen Friedrichshafen Personalmangel. „Wir suchen Mitarbeiter in den Bereichen Sicherheit und Bodenabfertigung von Flugzeugen“, berichtet Airport Sprecher Bernd Behrend. Die Situation sei angespannt, aber noch funktioniere alles. „Wir hatten bisher keine Probleme wie andere Airports.“

Auch für die Sommerreisewelle sei alles auf Schiene und die meisten Personalstellen besetzt. Konkret sind fünf Vollzeitstellen im Bereich Bodenabfertigung offen. Die Arbeit dort betrifft alles was anfällt, sobald das Flugzeug gelandet ist: Tanken, Treppe heranfahren, Ausladen. Dazu kommt der Personalbedarf im Bereich Luftsicherheit. Wie groß dieser ist, kann Behrend nur vermuten, da dieser Sektor der Bundespolizei und nicht dem Flughafen unterliegt.
Was dem Airport Friedrichshafen bis heute zugutekommt ist wohl, dass ein Großteil der Mitarbeiter während der Pandemie gehalten werden konnte. „Das sind Mitarbeiter, die wohnen hier, sind regional verbunden. Das ist nicht so wie an großen Airports wie Zürich oder München“, sagt Behrend. Aber natürlich wurden in Vergangenheit auch in Friedrichshafen die Spitzenzeiten zum Teil mit Aushilfskräften abgedeckt. Die habe sich während der Pandemie andere Jobs gesucht.

Bernd Behrend Bereichsleitung Customer Relations &amp; Marketing. <span class="copyright">Flughafen Friedrichshafen</span>
Bernd Behrend Bereichsleitung Customer Relations & Marketing. Flughafen Friedrichshafen

Insgesamt 130 Mitarbeiter sind am Flughafen Friedrichshafen beschäftigt. Wird es eng, wird auch mal Verwaltungspersonal in anderen Bereichen eingesetzt. Der Passagier merkt davon nichts. „Das hat bisher immer geklappt, aber wir können unser Personal nicht dauerhaft mit Flexibilität oder Mehrarbeit belasten“, weiß auch Behrend.

Von diversen Flugstreichungen der Lufthansa war auch der Flughafen Friedrichshafen betroffen. Das wurden allerdings zwei Wochen vorher bekannt gegeben, die Reisenden umgebucht.

Den ersten großen Ansturm am Flughafen Friedrichshafen wird dieses Wochenende erwartet: Ferienbeginn Österreich. Trotzdem muss man in Friedrichshafen nicht besonders früh da sein. „Eineinhalb bis zwei Stunden vorher reicht“, versichert Behrend. Er ist sich sicher, dass die Sommerreisewelle trotz unbesetzter Stellen gut zu bewältigen sein wird. Problematisch beäugt er eher die steigenden Corona-Zahlen und die damit drohenden krankheitsbedingten Ausfälle des Personals. „Was das betrifft ist die Lage angespannt, wir wissen nicht was kommt“, gibt er zu bedenken.
Verpflichtende Corona-Maßnahmen gibt es am Friedrichshafener Airport nicht. Maske tragen? Eine Empfehlung. Allerdings ist das Fliegen mit Maske ab und nach Deutschland ist Vorschrift.

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Flughafen Memmingen GmbH

Allgäu Airport Memmingen

Am Flughafen Memmingen scheint die Situation schon etwas brisanter. Einige Mitarbeiter fehlen und es gibt Ausfälle im Flugplan.
25 Stellen sind unbesetzt. Besonders im Bereich der Flugzeugabfertigung fehlen Leute. „Dies hängt unter anderem mit dem überdurchschnittlichen schnellen Wachstum unserer großen Airline Partner nach der Krise zusammen. Darüber freuen wir und grundsätzlich. Es stellt uns aber gleichzeitig vor Herausforderungen“, teilt Marcel Schütz, Bereichsleiter Aviation am Flughafens Memmingen mit.

Insgesamt sind am Standort etwa 140 Mitarbeiter beschäftigt. Auch die werden aktuell vielfältig eingesetzt, damit alle Passagiere pünktlich samt Gepäck in den Urlaub reisen können. Verspätungen bleiben jedoch trotzdem nicht aus.
„Unsere Haupt-Airlinekunden Ryanair und Wizz Air haben einen sehr stabilen Flugplan. Es gibt nur vereinzelt Ausfälle. Meist wegen Verspätungen an anderen Airports, sodass eine Landung aufgrund des Nachtflugverbots in Memmingen nicht mehr möglich ist“, verdeutlicht Schütz die Problematik. Auch Corendon habe aktuell mehrere Flüge wegen Personalmangels gestrichen. So wird Heraklion (Kreta) erst ab Ende Juli, Rhodos diesen Sommer voraussichtlich nicht mehr angeflogen.

Marcel Schütz, Director Aviation. <span class="copyright">Flughafen Memmingen</span>
Marcel Schütz, Director Aviation. Flughafen Memmingen

Im Juni sind am Allgäu Airport etwa 600 Passagiermaschinen gestartet, sechs Flüge wurden gestrichen. „Bei einzelnen Flüge geschieht das sehr kurzfristig, da die Airlines bis zuletzt versuchen den Flug durchzuführen oder einen Ersatzflug zu organisieren“, sagt Schütz. Wenn wie im Fall von Corendon bereits in der Planung Personal fehlt, werden die Flüge bereits mehrere Tage oder Wochen im annulliert.

So oder so. Reisende sind verärgert über Ausfälle. Wie geht der Flughafen damit um? „Wir organisieren im Auftrag der Airlines Ersatzbeförderungen, Umbuchungen und Hotels und betreuen die Kunden im Umfang, wie von der jeweiligen Airline vorgesehen“, versichert Schütz.

Kommt es tatsächlich zu Verschiebungen oder Ausfällen, so wird das am Flughafen per Anzeigetafeln und Durchsagen kommuniziert. Die Airlines informieren über Ausfälle direkt per SMS und E-Mail.
Für Passagiere sind annullierte Flüge in erster Linie ärgerlich und mit Aufwand verbunden. Beim Flughafen geht es auch ums Finanzielle. „Mit jedem Flug der ausfällt geht uns der entsprechende Umsatz verloren, da Airlines nach Landungen und Passagiere bezahlen“, fügt Schütz hinzu. Im Hinblick auf die Sommerreisewelle bleibt der Flughafen-Sprecher realistisch: „Wir bekommen jeden Monat neue Mitarbeiter, gehen aber davon aus, dass erst zum Winterflugplan wieder ausreichend Personal in allen Bereichen zur Verfügung steht.“ Bis dahin geht das operative Team geht die extra Meile für die Passagiere.

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Flughafen Althenrhein

Airport St.Gallen-Altenrhein

Völlig unbeeindruckt vom umgreifenden Personalmalgel und den damit verbundenen Problemen zeigen sich die Verantwortlichen am Flughafen Altenrhein. „Derzeit sind drei Stellen zu besetzen. Es handelt sich dabei um einen marginalen Ressourcen-Aufbau, um den Betrieb nachhaltig stabil zu halten“, informiert Thomas Krutzler, CEO der People‘s Air Group. Es seien also derzeit in allen Bereichen ausreichend Ressourcen vorhanden, der Flugbetrieb verlaufe reibungslos.

Karin Hinteregger, Leiterin der Abteilung Konsumentenschutz bei der Arbeiterkammer. <span class="copyright">AK</span>
Karin Hinteregger, Leiterin der Abteilung Konsumentenschutz bei der Arbeiterkammer. AK

„Seien Sie rechtzeitig am Flughafen“

Aktuell kommt es an vielen Flughäfen zu verzögerten Security-Checks oder Check-ins. Karin Hinteregger, Leiterin der Abteilung Konsumentenschutz bei der Arbeiterkammer empfiehlt: „Behalten sie ihre Flugzeiten im Auge und seien sie rechtzeitig am Flughafen. Besser früher als vorgesehen.“ Durch einen Online-Check-in lässt sich außerdem Zeit sparen. Wer aufgrund langer Wartezeiten dennoch den Flug verpassen, sollte nachweisen können, dass er rechtzeitig da war. „Am besten durch Fotos mit erkennbarer Uhrzeit am Flughafen“, rät Hinteregger im Hinblick auf eine Entschädigung. Es gilt die EU-Fluggastrechte-Verordnung. Vorsicht: Bei Flügen aus dem Vereinigten Königreich mit einer Nicht-EU-Airline gilt diese Verordnung nicht mehr.


1. Mein Flug wurde gecancelt – was nun?
Der Fluggast hat in diesem Fall ein Wahlrecht. Erstens: Vollständige Rückerstattung des Preises für den nicht konsumierten Teil der Reise oder auch des gesamten Ticketpreises, wenn der Flug ins­ge­samt zwecklos geworden ist. Zweitens: Schnellstmögliche anderweitigen Beförderung zum Ziel. Drittens: Umbuchung zu einem späteren Zeitpunkt. Außerdem besteht ein Anrecht auf Verpflegung oder eine Übernachtung im Hotel – je nach Wartezeit. Gleiches gilt bei Überbuchung des Flugs.


2. Wie ist die Lage bei Verspätungen?
Bei Verspätungen je nach Dauer und Fluglänge haben Reisende Anspruch auf Mahlzeiten und Erfrischungen oder Hotelunterbringung, falls notwendig. Bei Verspätungen von mehr als fünf Stunden können die Fluggäste vom Vertrag zurücktreten und die vollständige Erstattung des Flugpreises ver­langen.


3. Wann gibt es keine Entschädigung?
Keine Entschädigung gibt es, wenn die Fluggesellschaft zwei Wochen vor dem geplanten Abflugtermin über die Annullierung informiert oder wenn bei späterer Information innerhalb genau bezeichneter Fristen eine zumutbare anderweitige Beförderung angeboten wird. Die Airline braucht auch keine Ausgleichszahlungen zu leisten, wenn die Flugabsage durch außer­ge­wöhn­liche Umstände bedingt ist, die sich nicht vermeiden lassen.

4. An wen wenden?
An die Airline, die Sie in den Urlaub fliegt. Das ist nicht immer die Fluggesellschaft, mit der Sie den Beförderungsvertrag geschlossen haben. Vorsicht bei Online-Buchungsplattformen. Es sollte eine Reservierungsnummer/Buchungscode (PNR-Nummer) vorhanden sein. Ansonsten könnte es sich um eine Flugkombination handeln, die von unterschiedlichen Airlines gebucht wurde. Dies führt teilweise zum Verlust der Ansprüche. Besser also direkt bei der Fluglinie buchen. Pauschalreise gebucht? Dann den Reiseveranstalter kontaktieren.

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