Besser leben

Selbstüberschätzung als Todesfalle

13.07.2022 • 18:17 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Die Vorarlberger Wasserrettung musste am Bodensee heuer bereits zehn Mal ausrücken. <span class="copyright">Hofmeister</span>
Die Vorarlberger Wasserrettung musste am Bodensee heuer bereits zehn Mal ausrücken. Hofmeister

Immer mehr Menschen geraten am Bodensee in Not. Was sind die Hintergründe der häufigen Badeunfälle?

In den vergangenen Wochen erschütterten zwei Unfälle im See mit Todesfolge Vorarl­berg. Im Juni ertrank ein 22-jähriger Stand-up-Paddler in Hard, am Montag starb ein 24-Jähriger im See bei Bregenz. Letztes Jahr waren es 25 Menschen, die im Bodensee ertranken oder Hilfe der Rettung benötigten. Heuer waren es bisher zehn.

Unter- und Überschätzung

Daniel Plaicher, Landesleiter der Wasserrettung Vorarlberg, erklärt, dass sich die Unfälle oftmals ergeben, weil Menschen ihre eigene Fähigkeit nicht richtig einschätzen können: „Immer wieder wird der körperliche Zustand überschätzt“, so Plaicher. „Leute schwimmen teilweise weit raus, obwohl sie die Kraft dazu nicht haben. Dabei nehmen sie keine Schwimmhilfe mit.“
Ein großer Faktor sei auch, dass wenige auf die Umwelteinflüsse achten würden. Dabei spiele die Strömung eine gewaltige Rolle, genauso wie der Wind. Denn von ihm wird man rasch auf den hohen See getrieben. Die Temperaturen werden ebenfalls unterschätzt. Wenn in der Sonne um die 35 Grad Celsius sind und man direkt ins kalte Wasser hineinspringt, um sich abzukühlen, kann es zu Kreislaufproblemen kommen.

Daniel Plaicher ist der Landesleiter der Vorarlberger Wasserrettung.<span class="copyright"> Wasserrettung Vorarlberg</span>
Daniel Plaicher ist der Landesleiter der Vorarlberger Wasserrettung. Wasserrettung Vorarlberg

Die Problematik

„Es ist ein zunehmendes Problem, dass immer mehr Menschen nicht schwimmen können“, erzählt Landesleiter Plaicher. Die Coronapandemie habe auch dazu beigetragen. Denn durch die Schließungen und die hohen Infektionszahlen war es in den Volks- und Hauptschulen nicht möglich, Schwimmunterricht zu geben. Hinzu kommt, dass sich ein überwiegender Teil der Erwachsenen, die nicht schwimmen können, nicht traut, zu einem Schwimmkurs zu gehen. „Sie sagen oft: Es sei etwas für Kinder. Dabei ist es etwas ganz Normales und nichts, wofür man sich schämen sollte“, fügte Daniel Plaicher hinzu. Zuwanderer seien davon besonders betroffen, denn viele hatten in ihren Herkunftsländern keine Gelegenheit, schwimmen zu lernen. Umso wichtiger sei es, das Bewusstsein zu stärken und mehr Erwachsene zum Schwimmkurs zu motivieren.

“In den Schwimmkurs zu gehen sollte man sich nicht schämen. Es ist etwas gewöhnliches.”

Daniel Plaicher, Landesleitung Wasserrettung Vorarlberg

Sicherheitstipps

Um Gefahren beim Baden zu umgehen, sollte man auf einige Dinge achten: Besonders wichtig ist das Wetter: Ist es windig? Gibt es daher Wellen und starke Strömung? Auch die eigenen Fähigkeiten sollte man nicht überschätzen. Daher ist es am besten, bei einer weiten Strecke eine Schwimmhilfe mitzunehmen, auf der man sich gelegentlich abstützen kann. Keinesfalls sollte man alkoholisiert ins Wasser gehen.

Schwimmhilfen können Lebensretter werden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Schwimmhilfen können Lebensretter werden. Hartinger

Für Zeugen eines Badeunfalls ist es wichtig, sich der ertrinkenden Person mit einer Schwimmhilfe zu nähern. Damit der Ertrinkende sich an etwas festhalten kann und die Panik gesenkt wird. Wenn es einem selbst nicht möglich ist, ins Wasser zu gehen, sollte man Hilfe rufen, dabei aber genau die Stelle im Auge behalten, falls die Person untergeht. „So kann die Rettung mithilfe von Richtungs­angaben das Einsatzgebiet verkleinern“, sagt Plaicher. Das ist in solchen Situationen wichtig und hilft den Rettungsschwimmern, besonders da der Bodensee öfters sehr trüb ist.

Voller Einsatz

Am Wochenende sind laut der Wasserrettung Vorarlberg rund 40 Personen immer im Bereitschaftsdienst. „Das heißt, sie sind stets bereit, damit sie gleich vor Ort sein können“, erklärt der Landesleiter.
Man werde gut unterstützt, auch seitens der Bademeister. Ein Problem seien aber die kilometerweiten Badeplätze des Sees, die im Notfall oft nicht gleich Zugänge sind.

Wo kann ich schwimmen lernen?

Schwimmkurse in Vorarlberg

Immer mehr Menschen können nicht schwimmen, daher bietet die Wasserrettung Vorarlberg Schwimmkurse ohne Altersbegrenzung und auch für Kinder ab sieben Jahren an. Informationen dazu finden sich unter www.wasserrettung-vorarlberg.at. Die Schwimmschule Dornbirn hat ebenfalls Angebote für Erwachsene und zur Angstüberwindung vor dem Wasser. Sie bietet auch einen „Haifischkurs“ für alle an, die ihre Schwimm-Fähigkeiten verbessern möchten. Auch das Hallenbad Bregenz bietet ein ähnliches Programm.

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