Sport

Der Skandal, der keiner ist

05.03.2021 • 14:44 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Skandal, der keiner ist
In seinem Eisblog geht Hannes Mayer auf Fakten und Hintergründe im Eishockey ein. GEPA, Hartinger

Fakten und Hintergründe zur Nicht-Aufnahme der VEU Feldkirch in die ICE Hockey League.

Die Nicht-Aufnahme der VEU in die ICE Hockey League schlägt hohe Wellen. In einer Zeitung war in großen Lettern von einer Peinlichkeit für das Eishockey in Österreich zu lesen. Im Internet kursieren – wohl auch wegen solcher Berichte – wilde Verschwörungstheorien. Die Abstimmung wird skandalisiert, die Diskussion emotional und patriotisch geführt – an den Fakten vorbei. Das größte Missverständnis ist der Irrglaube, die ICE Hockey League sei eine österreichische Liga. Dem ist nicht so. Die höchste vom Österreichischen Eishockeyverband ausgetragene Liga ist die Alps Hockey League. Die ICE-Liga ist eine grenzüberschreitende Liga: International Central European.
Die ICE-Liga ist ein eigenständiger Verein, hat lediglich einen Kooperationsvertrag mit dem ÖEHV, agiert unabhängig und gehört den teilnehmenden Klubs. Dieses Konstrukt ist letztlich eine Folge aus dem VEU-Konkurs im Jahr 2000, damals stand das nationale Eishockey vor dem Kollaps, weil auch viele andere Vereine über ihre finanziellen Möglichkeiten hinausgingen, um gegen das Dream-Team der VEU wettbewerbsfähig zu sein. Und: Nicht zuletzt die Internationalisierung rettete in Österreich nach der Jahrtausendwende das professionelle Liga-Format.

Die ICE-Vereine, die Eigentümer der ICE Hockey League sind, vormals EBEL, entscheiden nun Jahr für Jahr darüber, ob und welche Klubs sie aufnehmen. Wer also im übertragenen Sinn in ihr Haus einzieht und mit allen Rechten und Pflichten Miteigentümer wird. Das macht auch klar, warum es nicht genügte, dass die VEU die Mindestkriterien für einen Ligaeinstieg erfüllt hat. Diese Kriterien haben die Vereine als erste Zulassungsschranke festgelegt, damit sie sich nicht mit völlig aussichtslosen Bewerbungen beschäftigen müssen, sondern dies Geschäftsführer Christian Feichtinger übernimmt; der als Angestellter im Auftrag der ICE-Klubs handelt. Die VEU hat die Aufnahmekriterien gerade mal so erfüllt. Das Unterstützungsschreiben der Stadt Feldkirch reichten sie zum Beispiel am Tag der Abstimmung ein. Was nicht die Schuld der Stadt war. Sondern ein Resultat der Kurzfristigkeit war. Die städtischen Entscheidungsträger hatten nur wenige Tage Zeit, um darüber zu befinden, ob sie trotz längst beschlossenem Budget die sofort erforderlichen Umrüstungsmaßnahmen stemmen können. Die Begehung der Halle seitens der Liga fand erst vor einer Woche statt. Doch die Bewerbung ist nicht daran gescheitert, dass die nötige neue Lichtanlage nicht montiert war oder am etwas vage formulierten Schreiben der Stadt, die finanziell ob der Corona-Pandemie unter Druck ist.


Die Bewerbung ist gescheitert, weil die Mehrheit der ICE-Klubs gegen eine Aufnahme der VEU war. Aus den verschiedensten Gründen. Natürlich ist das für die VEU ärgerlich. Aber wo vier Bewerber bei drei freien Plätze sind, muss es einen Enttäuschten geben. Da nutzt es auch nichts, dass die VEU beim ÖEHV wegen der Wahl interveniert hat und sie beim ÖEHV sauer auf die ICE-Klubs sind. Der ÖEHV hat keine Handhabe. Es geht den Verband, mit Verlaub, nichts an. Dabei sind die ICE-Klubs den Bewerbern bei der Abstimmung ohnehin weit entgegengekommen. Statt der für die VEU völlig illusorischen Zwei-Drittel-Mehrheit genügte per Eilbeschluss die einfache Mehrheit. Die VEU kam auf vier von elf Stimmen – der Kreis der echten Unterstützer ist noch überschaubarer. Bei der Wahl dürfte daher sehr wohl auch patriotisch abgestimmt worden sein. Der Dornbirner EC, das nur am Rande, hätte heute mit seiner Bewerbung aus dem Jahr 2012 wohl auch kaum eine Chance auf Aufnahme. Damals waren aber andere Zeiten, seither hat sich die Liga sehr professionalisiert. Und diesen Standard wollen die Klubs bewahren.


Der HC Pustertal erhielt wohl unter anderem deshalb die nötigen Ja-Stimmen, weil Bozen-Boss Knoll in der „Lex-Südtirol“ einlenken wird – Bozen wird eine Beschränkung der Doppelstaatsbürgen mittragen. Das beeinflusste die Abstimmung über Pustertal. Mit dem HCP bekommt die Liga ein neues Mitglied, das in seinen Strukturen kontinuierlich gewachsen ist. Entscheidend war, dass der HCP seit Jahren seriös und demütig am Einstieg arbeitete; dafür gar einen Hallenneubau auf die Wege brachte. Diese Halle wird im Sommer fertig. Zudem überzeugte Pustertals Konzept.


Das Abstimmungsergebnis ist ein Auftrag an die VEU, besser, vertrauenswürdiger und breiter aufgestellt zu werden. Es ist auch ein Auftrag, ein stichhaltiges Nachwuchskonzept zu leben. Sich als Opfer zu stilisieren mag bei den Fans gut ankommen und verspricht für die berichtenden Medien boulevardeske Sensationsstorys. Aber am Ende schadet sich die VEU massiv selbst, wenn sie nun im dritten Jahr in Folge ein mediales Theater um ihre Ligazugehörigkeit entfacht.
Die große VEU in den 1990er-Jahren ist just an ihren Niederlagen gewachsen. Die vierten Plätze in der Euroliga waren ihr zu wenig. Mit bekanntem Ausgang. Und mit dieser Gier nach Steigerung könnten – oder werden – sie es auch dieses Mal schaffen, ihren Traum zu realisieren. Sich aber über ein als ungerecht empfundenes Abstimmungsergebnis einer demokratischen Wahl zu beschweren – das ist einer stolzen VEU unwürdig. Und es erhöht ganz sicher nicht Feldkirchs zukünftige Chancen auf eine Liga-Aufnahme.

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