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Kutzer: „Linz und Villach machen Markt kaputt“

19.05.2021 • 07:39 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Kutzer: „Linz und Villach machen Markt kaputt“
Auf Alexander Kutzer wartet in den kommenden Wochen viel Arbeit bei der Kaderplanung. Steurer

DEC-Frontmann Alexander Kutzer kritisiert das Transferverhalten von Linz und Villach. Dornbirn bricht fast der gesamte Kader weg.

In der ICE-Liga gehen die Wogen hoch. Anlass dafür ist das Transferverhalten von Linz, Salzburg und Villach. Vor zwei Wochen hat Franz Kalla, Boss der Vienna Capitals, schwere Vorwürfe erhoben. Kalla fordert die Einführung einer jährlichen Lizenzierung, damit sichergestellt ist, dass die Vereine ihre Ausgaben auch stemmen können. Zudem beantragt der Capitals-Boss die Einführung einer Ausbildungsentschädigung, wenn Spieler aus dem eigenen Nachwuchs den Verein verlassen. Diesen Forderungen kann auch DEC-Frontmann Alexander Kutzer etwas abgewinnen. Doch der Reihe nach.

Kutzer: „Linz und Villach machen Markt kaputt“
Capitals-Boss Franz Kalla hat vor zwei Wochen die Diskussion öffentlich angefacht. GEPA

Aderlass

Noch vor wenigen Wochen zeigte sich DEC-Trainer Kai Suikkanen im Interview sehr optimistisch, dass die Bulldogs den Stamm der phasenweise so groß aufspielenden Mannschaft aus der Vorsaison halten könnten. Mittlerweile sind Matt MacKenzie, Andrew Yogan und William Rapuzzi zu Bratislava in die slowakische Extraliga gewechselt. Emil Romig geht ebenso nach Linz wie Thomas Höneckl, und auf eine Rückkehr von Anthony Luciani brauchen die Dornbirner nicht zu spekulieren. So weit, so bekannt; es war auch von vornherein klar, dass die Chancen auf eine Vertragsverlängerung bei keinem dieser Spieler sonderlich hoch standen. Erfolgsaussichten hatten sich die Dornbirner eigentlich nur bei Rapuzzi ausgerechnet.
Doch nach NEUE-Informationen ist der Aderlass der Bulldogs noch viel größer. Auch Ramón Schnetzer wechselt zu den Black Wings, Jannik Fröwis hat um eine Vertragsauflösung gebeten. Zudem denkt Daniel Woger über einen Wechsel nach, was ein hörbar gereizter Alexander Kutzer auf telefonische Nachfrage bestätigte: „Uns wird gerade die Mannschaft unter der Hand wegverpflichtet. Wir können bei den Angeboten nicht mithalten“, erklärt der DEC-Frotmann. Was sich mit den gehandelten Informationen aus Insiderkreisen deckt. So soll zum Beispiel ein Bulldogs-Spieler eine 20-prozentige Gehaltsaufstockung ohne Bedenkzeit ausgeschlagen haben. Kutzer weiß darum, dass aktuell viele Zahlen kursieren, mag das nicht kommentieren, sagt nur allgemein: „Wir dachten, wir können uns bei der Kaderplanung auf einige Schlüsselpositionen konzentrieren. Stattdessen müssen wir fast einen ganz neuen Kader zusammenstellen. Es ist frustrierend, wenn ein Handschlag unter den General Managern in der Liga nichts mehr zählt. Wir hatten eine klare Vereinbarung.“

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Jannik Fröwis hat um Vertragsauflösung gebeten, er will in die Schweiz wechseln. GEPA/Lerch


Das Transfer-Verhalten von Linz und Villach steht tatsächlich österreichweit im Fokus. Die Villacher haben unter anderem bereits Jerome Leduc und Marco Richter von den Capitals und John Hughes (Salzburg) verpflichtet, aus Graz kommen Joel Broda, Philipp Lindner und Kevin Moderer. Linz hat sich vor allem auf dem ausländischen Markt prominent verstärkt – und sich eben in Dornbirn bedient.

Wettbieten

Passend zum Wettrüsten dieser beiden Klubs liefern sich Linz und Villach seit Wochen ein Wettbieten um Brian Lebler, dessen Gehalt dadurch sechsstellig wird. Wobei freilich auch Salzburg auf großer Einkaufstor ist – die Bullen haben mit Ty Loney, Ali Wukovits und Benjamin Nissner gleich drei Schlüsselspieler von den Capitals verpflichtet und mehrere Abwerbungsversuche beim KAC gestartet. Laut Caps-Boss Kalla boten die Salzburger Wukovits das Dreifache (!) seines Gehalts in Wien an.
Kein Schulterschluss. Die Capitals kannten in den vergangenen Jahren selbst keine Scheu beim Abwerben von Spielern. Und doch ist augenscheinlich: Der im Vorjahr beschlossene Schulterschluss, der ob der Corona-Pandemie vereinbart wurde, dieser Solidaritätsgedanke also scheint von diesen drei Klubs einseitig aufgekündigt worden zu sein. Was Kutzer den Kragen platzen lässt: „Mich schockieren nicht mal die Preise für die österreichischen Top-Spieler, die hatten immer schon einen entsprechenden Preis“, erklärt der General Manager der Bulldogs. „Aber“, fährt er fort, „Linz und Villach machen mit ihren Angeboten den Markt für alle Vereine hinter den großen drei KAC, Salzburg und Capitals kaputt. Das ist ligaschädigend. Da werden scheinbar Preise über dem Vor-Corona-Niveau bezahlt.“ VSV-Finanzvorstand Andreas Schwab erklärte dagegen im Interview mit der Kleinen Zeitung: „Wir haben keinen Spieler verpflichtet, der mehr verdient als Spieler in den vergangenen Jahren.“ Und weiter: „Bloß weil man in einem kurzen Zeitraum einige Spieler verpflichtet hat, bedeutet das noch lange nicht, dass man deswegen mehr Geld ausgibt.“

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Kutzer attackiert offen die Ligakonkurrenten Linz und Villach. Steurer

Fragezeichen

Sind die Villacher und Linzer also einfach nur cleverer und mutiger? Nicht in den Augen von Kutzer: „Selbst der KAC und die Capitals halten sich bislang auf dem Transfermarkt zurück. Weil bis vor wenigen Tagen offen war, mit welchem Modus wir spielen und wie das Play-off-Szenario sein wird. Das Ligabudget ist noch nicht beschlossen, wir wissen noch nicht, wie viele Zuschauer wir in die Halle lassen dürfen: Gibt es einen finanziellen Ausgleich für die leer zu lassenden Plätze – und dürfen wir die Gastronomie öffnen? Wie um Himmels Willen kann ein Nicht-Top-3-Klub bei so vielen offenen Fragen zu so einem frühen Zeitpunkt so teure Transfers machen?“
Salopp gesagt: Die Spieler wären ganz schön blöd, wenn sie bei gut dotierten Angeboten nicht zuschlagen würden. Und für Dornbirn ist es auch nichts Ungewöhnliches, dass Schlüsselspieler den Verein verlassen. In dieser Form ungewohnt für die Bulldogs ist, dass sie die einheimischen Spieler verlieren. „Dass wir einen wie Andrew Yogan nicht halten können, ist eine Sache“, erklärt Kutzer.
Echte Wirkungstreffer wären dagegen die Abgänge von Schnetzer und Fröwis, wie Kutzer weiter ausführt: „Beide Spieler haben wir für unseren Stamm eingeplant, als Basis für die nächsten Jahre, als sehr wichtige Kaderspieler. Auch an den anderen Dornbirner Eigenbauspielern herrscht große Interesse, was eine langfristige Planung schwierig macht für uns. Das sind im Moment noch Spieler für die dritte und vierte Linie – und solche Spieler sollten alle ICE-Vereine selbst ausbilden können.“

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Der Abgang von Ramón Schnetzer trifft die Bulldogs hart. GEPA/Lerch

ÖEHV gefordert

Womit sich der Kreis schließt. Kutzer fordert erneut die Einführung einer Ausbildungsentschädigung für Spieler die ihren Ausbildungsverein verlassen, so, wie das zum Beispiel in der Schweiz üblich ist; zudem plädiert er für ein Bonusgeld für jene Vereine, die Nachwuchsspieler ausbilden. „Im österreichischen Eishockey gibt es viel zu wenig Nachwuchsspieler. Das geht auf ein Versäumnis vom ÖEHV zurück. Der Verband hat es in den vergangenen 30 Jahren nicht geschafft, die Basis für eine systematische Nachwuchsarbeit zu schaffen.“ Schülerligen gibt es zum Beispiel im Fußball und im Volleyball, Eishockey ist kein Schulsport. „Da darf sich keiner wundern, wenn in den Kindermannschaften die Breite fehlt und nur sehr wenige Spieler übrig bleiben, die für eine Profikarriere infrage kommen.“
Und diese wenigen Spieler würden dann von den Vereinen abgeworben, die keine Priorität auf die Nachwuchsförderung legen. Kutzer betont: „Zusammen mit Salzburg, den Capitals und dem KAC sind wir in den vergangenen Jahren nachweislich den österreichischen Ausbildungsweg gegangen, was viel Geld kostet. Selbst Graz und Innsbruck versuchen im Rahmen ihrer Möglichkeit ebenfalls, was fürs Eishockey und die Liga zu tun. Speziell in Linz dagegen haben sie trotz ihrer finanziellen Möglichkeiten nichts weitergebracht bei der Nachwuchsarbeit, die Linzer verpflichten lieber für viel Geld die jungen Österreicher von anderen Teams und machen mit ihren Angeboten den Marktpreis bei diesem Spielersegment kaputt.“

Kutzer: „Linz und Villach machen Markt kaputt“
Der ÖEHV-Präsident Klaus Hartmann ist vor einem Jahr mit dem Versprechen angetreten, dass er in Österreich ein Nachwuchskonzept umsetzen will. Jetzt muss Hartmann liefern. GEPA

Planungen

Kutzer ist sich bewusst, dass diese Aussagen in Linz und Villach nicht gut ankommen werden, doch der Bulldogs-GM will nicht mehr stillhalten und sagt zum Schluss: „Es sind ja nicht nur die ICE-Vereine, die Spieler benötigen, auch die Vereine der Alps Hockey League haben oftmals keinen breiten Nachwuchs und werben anderen Verein, unter anderem unserem Kooperationsverein Bregenzerwald, die Spieler ab. Der ÖEHV muss handeln und endlich ein Nachwuchskonzept umsetzen.“
Die Dornbirner jedenfalls werden Fröwis, den es wohl ins Ausland zieht, und Schnetzer durch junge Eigenbauspieler ersetzen und arbeiten daran, trotz allem mit einer guten Mannschaft in die Saison zu gehen. Ein großer Trumpf ist dabei sicher auch Trainer Suikkanen. So zeichnet sich immer deutlicher ab, dass David Madlener in Dornbirn landet. Es bleibt spannend bei den Bulldogs.

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