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Nur Franz war besser

21.05.2021 • 07:32 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Nur Franz war besser
Im Finale der Champions League 2020 lief Manuel Neuer zu großer Form auf. Hier rettet der Bayern-Keeper in extremis gegen PSG-Angreifer Kylian Mbappe. AP

Am 11. Juni beginnt die EM, ab jetzt stellt die NEUE jeweils einen Spieler der 24 Teilnehmer vor. Den Anfang macht Manuel Neuer.

Als Pep Guardiola Trainer beim FC Bayern war, plante der wohl beste Trainer der Welt, Manuel Neuer im Mittelfeld aufzustellen. Der Schaltzentrale des Spiels, die für Guardiola fast schon heiligen Charakter hat. Für den Katalonier war der Schachzug eigentlich schon beschlossene Sache, wie sich Bayern-Boss Karl-Heinz-Rummenigge erinnert: „Ich konnte Pep nur mit Mühe von dieser Idee abbringen.“ Der Bayern-Macher befürchtete, dass dieses Experiment als Arroganz ausgelegt würde. Sportlich hätte Rummenigge keine Bedenken gehabt: „Ich bin überzeugt, Manuel hätte auch im Mittelfeld eine gute Figur abgegeben.“
Was alles über die fußballerischen Qualitäten von Neuer aussagt, der in Deutschland, man glaubt es kaum, als bester Libero seit dem Kaiser, dem großen Franz Beckenbauer, gilt. Weil der fünffache Welttorhüter im Spielaufbau glänzt wie ein Feldspieler, er Bälle selbst weit vor dem Strafraum abläuft; und sich auch nicht scheut, ins Eins-gegen-Eins zu gehen. Mit dieser Spielauslegung hat Neuer das Torhüterspiel revolutioniert.

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25. Mai 2013: Bayern besiegt Dortmund im Finale der Champions League mit 2:1. Robert Lewandowski spielte damals noch für den BVB – und scheiterte in dieser Szene an Neuer. AP

Teddy als Mutmacher

Dabei begann die Torhüterkarriere von Neuer nach dem klassischen Strickmuster – das landläufig besagt: der kleine Dicke muss ins Tor. Stöpsel Manuel war noch nicht mal fünf Jahre alt, als er zum FC Schalke ging. Der Polizistensohn war zwar nicht dick, aber tatsächlich der Kleinste und eben der Neue, und der musste diskussionslos ins Tor. Als Mutmacher nahm Manuel des Öfteren einen Teddybär mit aufs Feld, den er in ein Toreck legte. Bei Freizeitkicks spielte er auf dem Feld.

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Neuer am 13. Juli 2014 mit dem WM-Pokal. Deutschland hatte Argentinien in der Verlängerung mit 1:0 besiegt. Neuer zeigte ein großes Spiel. AP

Jahrhundert-Leistung

Neuers Torhüter-Vorbild war Edwin van der Sar. Der Niederländer prägte ab 1992 die neue Rolle des mitspielenden Torhüters – seinerzeit wurde die Rückpassregel eingeführt. Beim eigentlichen Torhüterspiel hatte Van der Sar durchaus auch kleine Schwächen, doch seine technischen Fähigkeiten mit dem Fuß am Ball machten ihn zu einem der besten Torhüter der Welt. Van der Sar beeindruckte mit präzisen Abschlägen und Zuspielen. Diese Spielinterpretation perfektionierte Neuer, dessen Stern 2006 in der deutschen Bundesliga aufging.
Am 19. August 2006 ersetzte der 1,93-Meter-Hüne den verletzten Spitzentorhüter Frank Rost und blieb wie eine Woche später ohne Gegentor. Die S04-Fans waren verzückt, sicher auch, weil Neuer einer der ihren war: Der 20-jährige Neuer stand einer Schalker Ultra-Fangruppe sehr nahe, war glühender S04-Fan. Der Jungprofi stieg noch im Herbst zur Nummer eins bei den Königsblauen auf. Im März 2008 führte er Schalke gegen Porto fast im Alleingang ins Viertelfinale der Champions League. Ein Jahr später wurde er Nationaltorhüter. 2011 gelang ihm, mittlerweile als Schalke-Kapitän, im Halbfinale der Champions League eine Jahrhundert-Leistung: Der 25-Jährige trieb mit seinen Paraden Manchester United schier in den Wahnsinn. United-Coach Alex Ferguson sprach danach von der besten Torhüterleistung, die er je gegen sein Manchester gesehen habe.
Ferguson warb intensiv um die Dienste von Neuer. Doch der hatte sich längst für einen Wechsel zum FC Bayern entschieden. Was in München zu massiven Fan-Protesten führte. Bayerns Ultraszene versuchte den Transfer mit hunderten „Koan Neuer“-Plakaten in der Allianz-Arena zu verhindern. Ein de facto Schalker Ultra-Fan im Bayern-Tor war für sie untragbar. Es kam zu Schmähungen, Anfeindungen, selbst Uli Hoeneß stand in der Kritik. Was im Rückblick noch absurder wirkt, als es damals schon war.

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Bayerns Ultrafans wollten 2011 die Verpflichtung von Manuel Neuer unbedingt verhindern, protestierten bei mehreren Heimspielen hundertfach mit “Koan-Neuer”-Plakaten. Reuters

30 Millionen

Die Münchner zogen den Transfer für 30 Millionen Euro durch, was eine atemberaubend hohe Ablöse für einen Torhüter war. Danach stellten die Bayern-Ultras allen Ernstes Benimmregeln für Neuer auf, die sie der Neuverpflichtung persönlich bei einem arrangierten Treffen überreichten. Demnach durfte sich Neuer in der Allianz-Arena nicht der Südkurve nähern, sein Trikot nicht in den Block der Ultras werfen und nach einem Spiel auch nicht mit dem Megafon Schlachtgesänge anstimmen. Des Weiteren verboten sie ihm, Aktionen der Ultras zu kommentieren, und sowieso niemals durfte er das Wappen des FC Bayern küssen. Neuer akzeptierte die Forderungen. Nicht um Sympathie zu erhaschen. Sondern, weil er seine Herkunft nicht verleugnen wollte.

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Neuer bejubelt im Maracana-Stadion den Weltmeistertitel. AP

Präsenz

Schon in seiner ersten Bayern-Saison übertraf Neuer selbst die kühnsten Erwartungen. Nach einem Patzer im ersten Spiel blieb Neuer wettbewerbsübergreifend 1147 Minuten ohne Gegentor, was ein neuer Vereinsrekord war. Im Champions-League-Finalduell mit Chelsea, dem „Finale dahoam“, übernahm der Schlussmann im Elfmeterschießen Verantwortung, trat an und brachte die Münchner mit 3:1 in Führung; es sollte Bayerns letztes Tor an diesem Mai-Abend im Jahr 2012 bleiben. Und es blieb Neuers letzte Finalniederlage. Neuer stieg zum unumstritten besten Torhüter der Welt auf.
Mit seiner Präsenz begann er, die gegnerischen Spieler beim Torabschluss einzuschüchtern, mit seinen Reflexen rettete er die Bayern und das deutsche Nationalteam zuhauf im vergangenen Jahrzehnt. Neuer wurde Champions-League-Sieger, Weltmeister, Serienmeister und wiederholte im Vorjahr mit seinen Bayern den Sieg in der Königsklasse.
Und das, nachdem seine Karriere im Herbst 2017 am seidenen Faden hing. Neuer hatte sich ein drittes Mal den Mittelfuß gebrochen. Er musste fast ein ganzes Jahr aussetzen, schaffte das Comeback und fand zur alten Neuer-Klasse zurück.

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2013 gewinnt Manuel Neuer ein erstes Mal die Champions League mit den Bayern. Die Münchner gewinnen im Wembley dank eines späten Robben-Tors mit 2:1 gegen Dortmund. Reuters

Titelsammlung

Im Sommer will der 35-Jährige seine internationale Titelsammlung komplettieren und erstmals Europameister werden. Die Vorzeichen dafür standen schon mal deutlich besser, das DFB-Team steckt im Dauer-Formtief. Aber Deutschland hat eben Neuer im Tor – und das macht letztlich wieder alles möglich. Denn ein Neuer in Top-Form ist fast nicht von dieser Welt.

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