Sport

Von vielen übersehen

22.05.2021 • 11:04 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der 27-jährige Linksverteidiger scheut keinen Zweikampf und schreckt auch bei Auseinandersetzungen nicht zurück. <span class="copyright">ap</span>
Der 27-jährige Linksverteidiger scheut keinen Zweikampf und schreckt auch bei Auseinandersetzungen nicht zurück. ap

Andrew Robertson entwickelte sich zu einem der besten Linksverteidiger.

Tatsächlich gibt es in Glasgow nicht nur die beiden prominenten Fußballklubs Celtic Glasgow und Glasgow Rangers, die sich Jahr um Jahr untereinander den schottischen Meistertitel ausmachen. Eine Erfahrung, die Andrew Robertson früher annehmen musste, als ihm lieb sein konnte. Als glühender Anhänger von Celtic und selbst in der größten Stadt Schottlands geboren und aufgewachsen, erlernte er auch die Grundzüge des Kickens bei den Celts. Doch noch im Jugendbereich war Endstation. In der U15 wurde der Linksverteidiger für zu klein empfunden und musste gehen.
Mit 1,78 Metern zählt der inzwischen 27-Jährige nach wie vor nicht gerade zu den Hünen unter der Profis. Doch auf seiner Position gehört er in der Zwischenzeit zu den Besten seines Fachs. Als Beleg dafür gilt der Blick auf den Marktwert, bei dem unter den Linksverteidigern aktuell nur Alphonso Davies vom FC Bayern München einen höheren Wert vorzuweisen hat. Und beim FC Liverpool gibt es ohnehin kein Vorbeikommen mehr an ihm. In dieser Spielzeit wurde er von seinem Chef in jedem Ligaspiel zu Beginn aufgeboten. Auswechslungen fehlen, bis auf zwei Ausnahmen. Und Jürgen Klopp hat der Schotte ohnehin einiges zu verdanken.

Beim Leistungstest konnte Robertson seinen Mageninhalt nicht zurückhalten. Trainer Klopp nahm es mit Humor. <span class="copyright">reuters</span>
Beim Leistungstest konnte Robertson seinen Mageninhalt nicht zurückhalten. Trainer Klopp nahm es mit Humor. reuters

Leistungstest der anderen Art

Als er im Sommer 2017 an die Anfield Road wechselte, galt er nicht gerade als Hammertransfer. Mit Hull City noch zuvor aus der Premier League abgestiegen, war es fraglich, ob er das nötige Niveau für einen Topklub im englischen Oberhaus besitzt. „Der Manager hat etwas in mir gesehen“, meinte der Spieler selbst einmal über seinen deutschen Trainer.
Auch von einem kleinen Zwischenfall beim Leistungstest direkt nach dem Transfer ließ sich „Kloppo“ offenbar nicht beirren. Der zweitägige Medizincheck brachte die Ernährung des Schotten durcheinander und bei einer Laufeinheit meldete sich sein Magen. „Ich wusste, dass mich etwas Schlimmes erwarten würde, aber was sollte ich machen? Ich lief einfach weiter“, klärte er selbst über diese Anekdote auf. Kurze Zeit später musste er sich mitten auf dem Trainingsplatz übergeben. Als der Übungsleiter den Neuzugang am nächsten Tag zu Gesicht bekam, lachte er sich schlapp, gab dem Neuzugang eine große Umarmung, womit Robertson im neuen Team angekommen war.

Der größte Triumph im Vereinsfußball. Liverpool gewinnt mit Robertson (2.v.r.) die Champions League (2019). Schottland führt er als Kapitän zur EM (r.). <span class="copyright">apa</span>
Der größte Triumph im Vereinsfußball. Liverpool gewinnt mit Robertson (2.v.r.) die Champions League (2019). Schottland führt er als Kapitän zur EM (r.). apa

Transferzwist

Noch in seiner Jugendzeit musste sich der Linksverteidiger ebenfalls einen neuen Verein suchen und landete beim ältesten Verein Schottlands, Queen’s Park FC aus Glasgow. Zu diesem Zeitpunkt war eine Profikarriere, geschweige denn ein Aufstieg zu den höchs­ten Fußballsphären, nicht annähernd in Sichtweite. Eigentlich wollte er sich schon auf sein Studium fokussieren, als der Trainer den damals 18-Jährigen in die Kampfmannschaft hochzog und ihm zu seinem Debüt in der vierthöchsten Spielklasse Schottlands verhalf.
Von Beginn an gehörte er zu den Stammspielern, eine Rolle, die er während seiner gesamten Karriere nie mehr ganz ablegen sollte. Nach nur einer Saison folgte der Wechsel in die Premiership, der ersten Liga, zu Dundee United. Doch auch bei diesem Transfer ging nicht alles glatt über die Bühne. Der aufnehmende Verein wollte keine Ausbildungsentschädigung zahlen und argumentierte mit dem Amateurstatus von Queen’s Park. Ein Zwist, den es bereits zuvor zwischen den beiden Vereinen gegeben hatte. Als Kompromiss einigten sich die Parteien auf eine zehnprozentige Beteiligung bei einem Weiterverkauf.
Diese wurde nach nur einer Saison schlagend, da Robertson zum Dauerbrenner avanciert war und nun zu Hull City nach England weiterzog. Etwa 3,6 Millionen Euro wurden fällig, womit der Amateurklub Queen’s Park 360.000 Euro erhielt. Die Ausbildungsentschädigung hätte hingegen nicht einmal 18.000 Euro ausgemacht.

Andy Robertson führt die schottische Nationalmannschaft als Kapitän auf das Spielfeld. <span class="copyright">reuters</span>
Andy Robertson führt die schottische Nationalmannschaft als Kapitän auf das Spielfeld. reuters

Ein Schnäppchen

In seiner ersten Spielzeit bei den Tigers avancierte er abermals zum Stammspieler. Dennoch ging es aus der Premier League in die Zweitklassigkeit, nur um in der Folgesaison gleich wieder den Aufstieg zu schaffen. Doch Hull City musste als Fahrstuhlmannschaft sofort wieder absteigen, Robertson zog es nun allerdings an die Anfield Road. Und mit seinen dort gezeigten Leistungen in den vergangenen vier Spielzeiten wirken die neun Millionen Euro Ablöse, die Liverpool überwies, wie ein Schnäppchen. Es folgten der Meistertitel und der Gewinn der Champions League als sportliche Höhepunkte auf Vereinsebene.
Dabei zählte der Linksfuß nur in seinen Anfangsmonaten nicht zum Stamm unter Klopp. Von 22 Einsätzen in seiner ersten Saison in Liverpool steigerte er sich auf jeweils 36 in den beiden Folgejahren. In dieser Saison besteht sogar noch die Möglichkeit, in allen Ligaspielen in der Startformation zu stehen.
Geschwindigkeit, Einsatzbereitschaft, öffnender Pass und schottische Ungemütlichkeit zählen dabei zu den sportlichen Attributen, die Robertson an den Tag legt. Gerade mit der letzten Eigenschaft eckt er bei so manchem gegnerischen Offensivspieler gerne mal an, ohne dabei ins unfaire Spiel abzudriften. So wurde er erst ein Mal in seiner Karriere des Feldes verwiesen, damals zu Beginn seines Aufstieges bei Queen’s Park.

Bisher kam Robertson in dieser Saison in jedem Ligaspiel zum Einsatz. <span class="copyright">apa</span>
Bisher kam Robertson in dieser Saison in jedem Ligaspiel zum Einsatz. apa

Sohn kein Fan

Damit hat sich Robertson schon längst in die Herzen der Fans von Schottland und Liverpool gespielt. Nur ein Fanherz fehlt ihm in jedem Fall. Sein dreijähriger Sohn Rocco kennt bereits zahlreiche Fußballspieler, jubelt aber bei der schottischen Nationalmannschaft lieber dem Mittelfeldspieler John McGinn von Aston Villa zu. „Ich denke, die meisten Schotten würden ihn wählen, daher kann ich nichts daran aussetzen“, erklärte Robertson selbst. Mit einer erfolgreichen EM-Darbietung sollte sich dies aber noch ändern.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.