Euro-Stars

Die vielen Kontroversen

02.06.2021 • 10:49 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Auch dank der Darbietungen von Hakan Calhanoglu erreichte der AC Mailand die Champions League. <span class="copyright">reuters</span>
Auch dank der Darbietungen von Hakan Calhanoglu erreichte der AC Mailand die Champions League. reuters

Mit starken Leistungen für Milan zeigte Hakan Calhanoglu zuletzt auf.

Eigentlich ist die Einberufung in ein Nationalteam für jeden Fußballer eine große Ehre. Schließlich vertritt man dabei sein Land und agiert auf den größten Sportbühnen. Hakan Calhanoglu ließ seine weitere Karriere im türkischen Nationalteam aber zu einem frühen Zeitpunkt offen. Vor allem dann, wenn er ebenfalls im Kader steht: Gökhan Töre.
Bereits im Oktober 2013 ereignete sich nach dem Spiel gegen die Niederlande in Istanbul ein folgenschwerer Zwischenfall. Mit einer Pistole bewaffnet stürmten Töre und ein Freund ein Hotelzimmer. In diesem befanden sich neben Calhanoglu auch Ömer Toprak und dessen Freund. „Ich lag in einer Ecke, er ist zu mir gekommen und hat zu mir gesagt: Beweg dich nicht, sonst erschieß’ ich dich“, berichtete Calhanoglu den Eklat rund ein Jahr später im ZDF. Bei der Auseinandersetzung soll es um den im Zimmer anwesenden Freund Topraks und die Ex-Freundin von Töre gegangen sein. „Wir waren zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort“, betonte der damals 20-Jährige im Interview. Der Fall mutet auch Jahre später dubios an, die Gründe für das Schweigen ebenfalls. So wollten Toprak und Calhanoglu der Karriere ihres damaligen Mitspielers nicht schaden. Erst Hüseyin Calhanoglu, der Vater von Hakan, machte den skandalösen Zwischenfall, der als „Pistolen-Affäre“ bekannt wurde, publik.

Zur Euro-Quali holten die Türken gegen Frankreich in zwei Duellen vier Punkte. <span class="copyright">apa</span>
Zur Euro-Quali holten die Türken gegen Frankreich in zwei Duellen vier Punkte. apa

Kehrtwende

Toprak und Calhanoglu wollten in der Folge nicht mehr für das Nationalteam auflaufen, wenn auch Töre nominiert wurde. Sogar ein Ultimatum soll es gegenüber dem Trainerstab gegeben haben. Über eineinhalb Jahre stand Calhanoglu nicht mehr mit Töre im Kader, sagte im Oktober 2014 mit einer Wadenverletzung ab. Doch im März 2015 folgte eine überraschende Kehrtwende. Sowohl Töre als auch Calhanoglu spielten gemeinsam für die türkische Nationalelf. Zuvor soll ein klärendes Gespräch die Weichen dafür gestellt haben. Top­rak blieb hingegen fern und erklärte zum damaligen Zeitpunkt: „Töre hat mit meiner Karriere und meinem Leben gespielt.“ Und weiter: „So eine Sache ist mit einer einmaligen Entschuldigung nicht aus der Welt zu schaffen.“ Bis heute blieb Toprak bei seinem Entschluss, bestritt keine gemeinsame Minute mehr mit dem Aggressor.
Nun ist der Außenstürmer Töre seit Jahren kein Thema mehr in der Nationalelf. Bereits für die EM 2016 fand er keine Berücksichtigung mehr. Der mittlerweile 27-jährige Calhanoglu hingegen ist fester Bestandteil der Nationalelf. Im März dieses Jahres untermauerte er seine Bedeutung für das Team mit zwei Treffern und drei Vorlagen in drei Spielen.

Calhanoglu ist vor allem für seine Freistöße bekannt. <span class="copyright">reuters</span>
Calhanoglu ist vor allem für seine Freistöße bekannt. reuters

Zukunft offen

Beim AC Mailand läuft es für den Offensivspieler ähnlich erfolgreich. Nach Jahren der Abstinenz kehren die Rossoneri in der kommenden Spielzeit in die Champions League zurück. Der Vizemeistertitel in der Serie A macht es möglich. Zuletzt war Milan 2013/14 Teil der Königsklasse. Der offensive Mittelfeldspieler Calhanoglu, der auch auf den offensiven Außenbahnen zum Einsatz kommt, hatte mit vier Treffern und zehn Vorlagen ordentlichen Anteil an diesem Abschneiden. „In den letzten sechs Monaten hat er wie eine richtige 10 gespielt. Ich hoffe, er macht so weiter, weil er tolle Sachen machen kann und sogar noch Dinge darüber hinaus“, klärte ein gewisser Zlatan Ibrahimovic im September 2020 über Calhanoglu auf.
Trotz starker Leistungen ist völlig offen, wie es für den Deutsch-Türken weitergeht. Sein Vertrag in der lombardischen Hauptstadt läuft aus. Gespräche über eine Verlängerung laufen seit längerer Zeit, eine Einigung bleibt jedoch vorerst aus. Unterschiedliche Gehaltsvorstellungen sollen die Ursache sein. Ebenso steht ein möglicher Wechsel im Raum. Der katarische Klub Al-Duhail SC lockt angeblich mit einem Mega-Gehalt. Aber auch europäische Großklubs sind unter den Interessenten. Selbst machte er nie einen Hehl daraus, Fan von Galatasaray Istanbul zu sein, was ebenfalls eine Option darstellt. Es könnte also wieder einiges Hick-Hack um seinen nächsten Transfer geben. Bereits zuvor lief bei seinen Wechseln nicht alles rund.

Als 19-Jähriger spielte der Deutsch-Türke seine erste Saison in der Bundesliga. 2014 ging es weiter zu Bayer 04 Leverkusen. <span class="copyright">GEPA</span>
Als 19-Jähriger spielte der Deutsch-Türke seine erste Saison in der Bundesliga. 2014 ging es weiter zu Bayer 04 Leverkusen. GEPA

Transferposse

Vor allem beim Transfer 2014 vom Hamburger SV zu Bayer 04 Leverkusen verspielte sich der Rechtsfuß viele Sympathien. Zunächst verlängerte der Freistoßspezialist im Februar seinen Vertrag bei zu diesem Zeitpunkt abstiegsbedrohten Hanseaten langfristig, inklusive Treueschwüre. Nur wenige Monate darauf erklärte er im Hinblick auf die HSV-Verantwortlichen: „Ich habe ihnen gesagt, dass ich gehen will – egal, ob wir in der ersten oder zweiten Liga spielen.“ Dem Trainingsstart blieb er fern, ließ sich aus psychischen Problemen krankschreiben. Auch aufgrund der Anfeindungen von Fans. Er wechselte seine Handynummer und war darauf tagelang für die Vereinsführung nicht erreichbar.
Damit drückte er den 14,5 Millionen Euro schweren Deal über die Bühne. Bei Leverkusen stieg er sofort wieder ins Training ein, die eigentlich noch gültige Krankschreibung wurde aufgehoben.
In gleichen ZDF-Interview, in dem er auch über die „Pistolen-Affäre“ sprach, gab Calhanoglu Einblicke in seine Sicht. „Er ist mir in den Rücken gefallen“, meinte er über den damaligen Sportdirektor Oliver Kreuzer. Demnach soll es bereits im Vorfeld eine mündliche Übereinkunft bezüglich eines Vereinswechsels gegeben haben. Kreuzer erhob hingegen schwere Vorwürfe gegen den Spieler.

Sein Vertrag läuft in diesem Sommer aus. Die Zukunft ist nach wie vor ungeklärt. <span class="copyright">reuters</span>
Sein Vertrag läuft in diesem Sommer aus. Die Zukunft ist nach wie vor ungeklärt. reuters

Vertragsbruch

Im März 2016 folgten die nächsten Vorwürfe, dieses Mal rechtlicher Natur. 2011 bestand bereits eine Vereinbarung mit dem türkischen Klub Trabzonspor über einen Wechsel. Jedoch verlängerte der damals Minderjährige seinen Kontrakt beim Karlsruher SC und wechselte 2012 zum HSV. Der Strippenzieher dahinter war sein Vater. Die FIFA bewertete das Vergehen als Vertragsbruch und sperrte Calhanoglu für vier Monate. „Mein Vater kam nach Hause und sagte: Hakan, du musst den Vertrag unterschreiben. Er weiß, dass er einen schlimmen Fehler gemacht hat. Das macht ihn auch traurig. Er ist mein Vater und bleibt mein Vater. Aber er wird sich nie mehr in meine Karriere einmischen“, urteilte der Fußballprofi daraufhin im „Express“.
Immerhin, sein bisher letzter Wechsel von Leverkusen nach Mailand für rund 23 Millionen Euro im Sommer 2017 ging ohne große Störfaktoren über die Bühne. Und seit dieser Zeit blieben auch sonstige Skandale rund um den 55-maligen Nationalspieler aus.
Mit einer starken Europameis­terschaft in der Gruppe A mit Italien, Wales und der Schweiz will die Türkei zumindest die Gruppenphase überstehen. Calhanoglu könnte mit seinen Vorstellungen nicht nur das Team anführen, sondern auch weitere Begehrlichkeiten auf dem Transfermarkt auslösen. Da er ab Sommer ohne Vertrag ist, sollte auch die nächste Unterschrift ohne Folgen möglich sein.