Euro-Stars

Der wertvollste Sprinter

03.06.2021 • 11:05 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Kurz vor diesem Treffer im April 2019 erreichte der Sprinter 38 Stundenkilometer. <span class="copyright">ap</span>
Kurz vor diesem Treffer im April 2019 erreichte der Sprinter 38 Stundenkilometer. ap

Karriere von Kylian Mbappé wird seit Beginn von Superlativen begleitet.

Seit Kylian Mbappé einen Rasen betreten hat, kennt seine Karriere eigentlich nur eine Richtung: mit Vollspeed nach vorne! Und „Speed“ ist dabei das Stichwort. Denn der Stürmer spielt regelmäßig seine Geschwindigkeit aus und enteilt damit reihenweise seinen Bewachern. Selbst mit Ball am Fuß haben die Verteidiger eigentlich immer das Nachsehen.
Im April 2019 erzielte der damals 20-Jährige gegen AS Monaco einen Dreierpack zum 3:1. Die ganze Welt sprach jedoch nur vom Treffer in der 15. Minute zum 1:0. Im Gegenstoß sprintete der Franzose mit einer Höchstgeschwindigkeit von 38 km/h Richtung Tor. Zumindest ergaben dies TV-Analysen. Zum Vergleich: Usain Bolt erreichte bei seinem Weltrekord im 100-Meter-Lauf 2009 in Berlin eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 37,58 km/h. Zwar erreichte Bolt eine Höchstgeschwindigkeit von 44,72 km/h, doch zumindest in der Fußballwelt kommt keiner an die Marke von Mbappé heran. Am nächsten lag da noch Arjen Robben. Der Niederländer erreichte bei der WM 2014 bei seinem Treffer gegen Spanien immerhin 37 km/h.

Mit seiner Geschwindigkeit und Technik lässt er gerne die Gegenspieler stehen. Hier passiert dies mit dem Torhüter. <span class="copyright">apa</span>
Mit seiner Geschwindigkeit und Technik lässt er gerne die Gegenspieler stehen. Hier passiert dies mit dem Torhüter. apa

Höchster Marktwert

Doch allein seine unnachahmliche Geschwindigkeit macht Mbappé noch lange nicht zum Star. Erst gepaart mit seiner starken Technik und seinen schnellen Richtungswechseln werden seine Dribblings unaufhaltsam. Dabei verzichtet er auf unnötige Übersteiger. Zudem gesellt sich ein Torinstinkt, welcher den Mann von Paris Saint-Germain zum wertvollsten Fußballer der Welt macht. 160 Million Euro beträgt sein aktueller Marktwert. Nummer zwei ist bereits mit ordentlichem Respektabstand Harry Kane, der auf 120 Millionen Euro kommt. Mbappés Klubkollege Neymar steht bei 110 Millionen Euro, Lionel Messi aufgrund ­seines Alters bei 80 Millionen Euro.
„Seine Technik ist besser als die Ronaldos“, adelte ihn David Trezeguet in der Zeitung Clarin im vergangenen Jahr. „Mbappé gehört die Zukunft. Er ist stark, technisch versiert, sehr flink und kann mit beiden Füßen schießen. Er ist eine Mischung aus Ronaldo und Messi“, meinte der ehemalige französische Stürmer zudem.

Seinen ersten Ligatitel holte Mbappé mit AS Monaco. <span class="copyright">apa</span>
Seinen ersten Ligatitel holte Mbappé mit AS Monaco. apa

Spielertyp der Zukunft

Dabei war ein möglicher Weg zum Profifußballer früh vorgezeichnet, wuchs er doch in einer sportlichen Familie auf. Seine algerische Mutter spielte als Handballerin in der ersten französischen Liga, sein kamerunischer Vater und sein Adoptivbruder waren ebenfalls Fußballer. In seinem Geburtsort Bondy, einem Pariser Vorort, wurde er im Alter von fünf Jahren im Verein aufgenommen und auch von seinem Vater trainiert. Später erfolgte die Ausbildung auch im französischen Jugendleistungszentrum Clairefontaine.
Dort zeigte sich bald sein Talent, weshalb der FC Chelsea ihn bereits mit elf Jahren zu einem Probetraining einlud. Es folgte allerdings die Ablehnung, mit recht simpler Begründung: Mbappé arbeitete nicht ausreichend für die Defensive mit. Später zeigte auch Real Madrid großes Interesse, wo der Jungstar bei einem einwöchigen Probetraining auf sein großes Idol Cristiano Ronaldo traf. Doch sein Vater hatte andere Karrierepläne für seinen Sprössling im Sinn und schlug etliche Angebote von europäischen Spitzenklubs aus. Da er die Entwicklungschancen beim AS Monaco am höchsten einstufte, wechselte der Sohn mit gerade einmal 14 Jahren zu den Monegassen.
Beim Verein aus dem Fürstentum löste er Thierry Henry als jüngsten Profi und Torschützen ab und entwickelte sich schnell zum Stammspieler. Bereits in seinem zweiten Jahr als Profi erfolgte der Gewinn der Meisterschaft. In der Saison 2016/17 sorgte Mbappé allerdings auch als Konterstürmer in der Champions League für Furore. Dem Prädikat des reinen Konterspielers ist der Franzose allerdings längst entwachsen. Das Antizipieren der Abwehrreihen, das Erkennen von Räumen, in welche er hineinstoßen kann, gehört längst seinem Spiel an. Daher wird er mitunter auch schon als der Spielertyp der Zukunft angesehen.

Der damals 20-Jährige küsst den Weltmeister-Pokal. <span class="copyright">apa</span>
Der damals 20-Jährige küsst den Weltmeister-Pokal. apa

Absurde Forderungen

Dabei ist die Zukunft längst angebrochen. Nach seiner zweiten Saison bei Monaco lockte der Ruf aus der Haupstadt. Ein Leihgeschäft und die anschließende Zahlung von 145 Millionen Euro machten den Deal zu Paris Saint-Germain perfekt. Wird der 22-Jährige noch vor 2022 verkauft oder verlängert er seinen Vertrag bei PSG, erhöht sich die Ablösesumme auf 180 Millionen Euro. Eine reine Formsache also. Nur Neymar entlockte einem Verein eine höhere Summe, ebenfalls PSG. Bei seinem Wechsel soll der französische Stürmer kuriose Klauseln gefordert haben: Privatjet für 50 Stunden im Jahr oder der Aufstieg zum Top-Verdiener beim Gewinn des Ballon d‘Or. Dies wurde abgelehnt. Als kleiner Trost übernahm der Klub die Kosten für sein persönliches Personal (Security, Fahrer, Hausmeister).

Im Finalspiel gegen Kroatien war Kylian Mbappé mit einem Treffer zur Stelle. <span class="copyright">apa</span>
Im Finalspiel gegen Kroatien war Kylian Mbappé mit einem Treffer zur Stelle. apa

Interesse der Königlichen

Nun könnte allerdings der nächste Wechsel für Mbappé anstehen. Seit geraumer Zeit soll Real Madrid erneut seine Fühler ausgestreckt haben und ihn zum verspäteten Nachfolger für Ronaldo erkoren haben. Die Anmerkung des Umworbenen „Ich war immer glücklich und habe vier außergewöhnliche Jahre gehabt“ wurden daher schon wie Abschiedsworte interpretiert. Dem widersprach Präsident Nasser Al-Khelaifi „Le Parisien“ vehement: „Ich sage immer: Mbappé ist ein PSG-Spieler. Er wird zu einhundert Prozent bei PSG bleiben. Ich mache mir keine Sorgen. Er ist Pariser, er ist Franzose, er liebt Paris.“
Verständlich, dass der Scheichklub seinen Star unbedingt halten will. Zwar wurden die Pariser in der Liga dieses Jahr überraschend von LOSC Lille an der Spitze abgelöst, zuvor gab es allerdings in jeder Saison mit Mbappé den Meistertitel. Und die Torschützenliste führte der 22-jährige Stürmer in den vergangenen drei Jahren jeweils an. Der Weltmeistertitel mit Frankreich 2018 wertet seinen Status zudem auf. Damals wurde er auch als Nachwuchsspieler des Turniers ausgezeichnet und traf im Endspiel gegen Kroatien. Es sind eben Superlativen, welche seine Karriere begleiten. Und das Ende der Fahnenstange scheint aufgrund seines jungen Alters noch nicht erreicht zu sein.

Im Hinspiel des Viertelfinales in der Champions League traf gleich doppelt gegen Bayern München. Das Finale 2020 ging gegen die Münchner noch verloren. <span class="copyright">apa</span>
Im Hinspiel des Viertelfinales in der Champions League traf gleich doppelt gegen Bayern München. Das Finale 2020 ging gegen die Münchner noch verloren. apa

Aussetzer

Da wird auch über die wenigen Aussetzer, die er sich bisher leistete, hinweggesehen. Im Februar des vergangenen Jahres gab es einen kleinen Disput mit Trainer Thomas Tuchel, weil dieser ihn beim Stand von 5:0 auswechselte. Genau ein Jahr später geriet er in der Partie gegen den FC Barcelona mit Jordi Alba aneinander. Dessen Schlichtungsversuch soll der Franzose mit einer unangebrachten Obszönität gekontert haben: „Auf der Straße töte ich dich.“ Es sind bis dato die einzigen Makel in einer ansonsten beeindruckenden Karriere. Und diese steht noch immer erst an ihrem Beginn.