Flora

Die vielfältige Kraft der Sonnenblumen

16.07.2022 • 19:24 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sonnenblumen können sogar milde Winter überdauern. <span class="copyright">Stiplovsek </span>
Sonnenblumen können sogar milde Winter überdauern. Stiplovsek 

Dass die Sonnenblume bei uns ursprünglich nicht heimisch war, kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Sie verzaubert nicht nur unsere Gärten, sondern ist auch ein wichtiger Öllieferant.

Helios, der grichische Sonnengott, ist nicht umsonst der Ursprung der wissenschaftlichen Bezeichnung der Gattung der Sonnenblumen (lat. Helianthus). Die Blüten erinnern nicht nur an den Strahlenkranz unseres Zentralgestirns, sondern wenden sich diesem im Tagesverlauf auch stets zu. Dass sich die Nymphe Klytia aus Sehnsucht nach ihrem Liebhaber Helios in die Blume verwandelt habe, wie oft übersetzt wird, stimmt jedoch nicht.

Im allgemeinen Verständnis ist nämlich wenig präsent, dass auch die Sonnenblume, wie Tomaten/Paradeiser oder Kartoffeln/Erdäpfel, ursprünglich aus Amerika stammt und den antiken Griechen daher unbekannt war. Die Assoziation der Helianthus mit der Sonne war jedoch bereits bei den indigenen Völkern Amerikas verbreitet, die die Pflanzen vor etwa 5000 Jahren erstmals kultivierten und als Symbol für ihre Sonnengottheiten einsetzten.

Ursprünglich stammt die Sonnenblume aus Amerika. <span class="copyright"> Curtis’s Botanical Magazine</span>
Ursprünglich stammt die Sonnenblume aus Amerika. Curtis’s Botanical Magazine

Wichtige Öllieferantin

Nach Europa kam die gewöhliche Sonnenblume (Helianthus annuus) im 16. Jahrhundert und etablierte sich zunächst als Zierpflanze, bevor man ihren Nutzen als Ölsaat entdeckte. Lange Zeit blieb ihr Einsatz in der mitteleuropäsichen Landwirtschaft jedoch gering. Noch im Ersten Weltkrieg, als man Schwierigkeiten hatte, genügend Öle und Fette zu erzeugen, sprach sich die „Österreichische Öl- und Fettzentrale“ gegen einen vermehrten Anbau von Sonnenblumen aus.
Frühere Bedeutung als landwirtschaftliche Nutzpflanze erlangte die Sonnenblume jedoch im damaligen Zarenreich, weshalb sie heute als Nationalsymbol der Ukraine gilt, wo sie noch immer auf weiten Flächen blüht und von wo 22 Prozent des weltweiten Ertrages stammen. Mittlerweile werden in Österreich jährlich etwa 25.000 Hektar mit Sonnenblumen bepflanzt. Zum Vergleich: Raps wächst auf etwa 28.000, und Sojabohnen wachsen auf fast 76.000 Hektar. Diese Mengen verblassen jedoch im Vergleich zur Ukraine, wo zu Friedenszeiten fast sieben Millionen Hektar mit Sonnenblumen bestellt wurden.

Papier und Futter

In früheren Zeiten wurde die Pflanze umfänglich verwertet, wie ein Bericht aus dem Jahr 1916 zeigt: „Die Stängel dienen zur Darstellung von Pottasche und als Brennmaterial; die grünen Blätter als Viehfutter; die Blüten gewähren den Bienen eine reiche Weide. Aus den Hülsen der Körner und der Fruchtscheibe kann man Packpapier, aus dem Mark der Stängel Schreibpapier bereiten.“
Da die Sonnenblumen bei Vögeln sehr beliebt sind, ließ man sie bereits früher nicht immer am Feld reifen, sondern erntete sie vorab und hängte die Köpfe im heimischen Schopf zum Trocknen auf. Eher ungewöhnlich war ihre frühere Nutzung als Friedhofsblume, die auch in Vorarlberg vorkam. Man sah in ihr ein Symbol der Auferstehung.

Helianthus giganteus wird bis zu 1,8 Meter hoch. <span class="copyright">U.S. Fish and Wildlife Service</span>
Helianthus giganteus wird bis zu 1,8 Meter hoch. U.S. Fish and Wildlife Service

Kleine Schwestern

Die als Ölsaat genutzte gemeine Sonnenblume ist nach wie vor auch in den heimischen Gärten beliebt. Weniger bekannt sind ihre kleineren Geschwister, die Staudensonnenblumen, die im Gegensatz zur großen Verwandten auch mehrjährig sein können.
Ihre Samen sind für die Landwirtschaft eher uninteressant, allerdings können die Wurzeln der Sonnenblumenart Topinambur verzehrt werden. Die auch als „Indianerkartoffel“ bekannte Pflanze bietet neben ihren hübschen Blüten, auch süßliche Knollen, die gegessen, an Tiere verfüttert oder zur Schnapsbrennerei verwendet werden können.
Sehr ansehnlich sind auch die Blüten der Weidenblättrigen Sonnenblume, deren Blätter sich wie kleine Finger über den Blütenkorb neigen.

Die seltene Helianthus schweinitzii kommt in den USA vor und ist geschützt.<span class="copyright">U.S. Fish and Wildlife Service</span>
Die seltene Helianthus schweinitzii kommt in den USA vor und ist geschützt.U.S. Fish and Wildlife Service

Eine Sonnenanbeterin

In der Zucht ist die Sonnenblume genügsam, was neben ihrer Schönheit einen Gutteil ihrer Popularität unter den Gärtnern ausmacht. Die kleinen Pflanzen sollten in Anzuchttöpfchen vorgezogen werden, besonders wenn die Schneckengefahr im Garten groß ist. Sonnenblumen wollen regelmäßig gegossen werden. In zu kleinen Töpfen – in denen Sonnenblumen im Großhandel manchmal angboten werden – verdorren sie rasch. Helianthi freuen sich über etwas Düngung. Am besten gedeihen sie in aufgelockerten, kalkhaltigen Ton- und Lehmböden. In windstillen Lagen gedeihen sie besser, in Stürmen können sie zum Leidwesen des Gärtners brechen. Vor allem aber benötigen Sonnenblumen die Kraft ihrer Namensgeberin.