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Libyen im Chaos

Zweieinhalb Jahre nach Gaddafis Sturz erschüttern blutige Unruhen das Land.

Rauchwolken standen über Tripolis. Stundenlange Feuergefechte lösten Massenpanik aus. Hunderte Libyer versuchten sich Hals über Kopf in Sicherheit zu bringen. Fotos von Augenzeugen zeigen gepanzerte Fahrzeugkolonnen und verkohlte Hausfassaden. Seit Wochenende erlebt Libyen in Tripolis und Benghazi die schwersten Kämpfe seit dem Sturz von Muammar Gaddafi vor zweieinhalb Jahren. Dutzende Menschen wurden getötet, Hunderte verletzt. Bewaffnete stürmten das Parlament in der Hauptstadt und setzten Büros in Brand. Anschließend trat ein Oberst in Uniform im TV-Privatsender „Libya International“ auf und erklärte „im Namen der Armee“, das Parlament sei aufgelöst und die Regierung abgesetzt. Verantwortlich für die Eskalation ist der pensionierte General Khalifa Haftar, der mit ihm ergebenen Verbänden einen eigenen Feldzug gegen islamistische Rebellen führt. „Wir werden Libyen von Extremisten säubern“, gab er als Parole aus. Einer seiner Mitstreiter denunzierte das Parlament als „wichtigsten Verbündeten des Terrorismus“. Wie viel Rückhalt Haftar in der Bevölkerung und der regulären Armee hat, ist unklar. Bereits im Februar hatte er versucht, nach Vorbild von Ägyptens Marschall Abdel Fattah al-Sissi auch in Libyen den „Krieg gegen den Terror“ auszurufen.

Die Regierung sprach von einem Putschversuch. Der geschäftsführende Premier Abdullah al-Thinni nannte den abtrünnigen General einen Kriminellen. Justizminister Salah al-Marghani rief alle Konfliktparteien zum Dialog auf. Doch die Autorität der zivilen Führung existiert nur noch auf dem Papier. Das Parlament ist tief gespalten zwischen säkularen und islamistischen Kräften. Die wahren Herren im Land sind die bewaffneten Milizen. Eine Studie des amerikanischen „Atlantic Council“ schätzt, dass über 250.000 Mann solchen dubiosen Verbänden angehören, obwohl 2011 im Bürgerkrieg gegen Gaddafi lediglich 30.000 Kämpfer aktiv beteiligt waren. Ein Teil der Brigaden wurde zwar dem Innen- und dem Verteidigungsministerium unterstellt, ihre Loyalität aber gilt ihren Kommandeuren. „Libyen ist ein Vulkan kurz vor der Explosion“, erklärte in Tripolis der Abgeordnete Tawfik Breik der BBC. „Es gibt kein echtes Parlament in Libyen, es gibt keine echte Regierung. Was es gibt, sind Milizen. Überall.“

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