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Kämpfe imAnglerparadies

Deutsche und österreichische Angler gehen in Italien auf Wels-Jagd. Ein Millionengeschäft mit zuweilen schwer kriminellen Zügen.

Von Julius Müller-Meiningen

Der Po ist Europas letztes Anglerparadies. Der Fluss in Norditalien ist naturbelassen und wird von den Einheimischen weitgehend ignoriert. Angler aus Deutschland und Österreich sowie Wilderer aus Rumänien und Ungarn haben den Po hingegen als ihr Revier in Beschlag genommen. Seit bald zwei Jahrzehnten tummeln sie sich hier schon. Die Szene bleibt unter sich, beinahe ungestört von staatlicher Kontrolle. Der Po ist Niemandsland, eine Art Wilder Westen für Angler in Norditalien.

17 sogenannte Waller-Camps reihen sich zwischen Cremona und der Po-Mündung in die Adria aneinander. Die Betreiber haben sich den Fluss aufgeteilt. Die Konkurrenz halten sie sich mit teilweise brachialen Methoden vom Leib. Und das alles für den Wels. Europas größter Süßwasserfisch gedeiht hier prächtiger als überall sonst. Zudem kann man sich Dinge erlauben, die in Deutschland oder Österreich längst tabu sind. Thomas Schedlbauer zählt auf, was ein Anglerherz am Po höherschlagen lässt: „Nachts fischen, zur besten Beißzeit. Vom Boot aus angeln.“ In den meisten Gebieten darf man zudem lebendige Fische als Köder an den Haken hängen, eine in Deutschland oder Österreich illegale Praxis.

Auch folgende Regel wird eher wie eine Fußnote behandelt: Hängt der Wels am Haken, müsste er laut Gesetz entnommen und getötet werden. Aber ein Sportangler will kein Filet, sondern ein Foto. „Und ehrlich gesagt“, gibt ein Beamter vom Jagd- und Fischereiamt in Reggio Emilia zu bedenken, „was soll ein Angler denn mit 100 Kilo Fisch?“ Wenn er den Wels wieder freilasse, sei das ja auch eine Art von Naturschutz. Die Folge dieses Laisser-faire ist, dass Angler am Po nichts zu befürchten haben. Und so kommen jährlich Tausende Hobbyangler in die Gegend zwischen Cremona und Ferrara und leben ihre Fantasien aus.

„Ich mache Anglerträume wahr“, sagt Harry Stadlhuber aus Oberbayern. Er ist der Chef in einem der Wallercamps und betreut jährlich 750 Kunden. 600 Euro kostet das Boot pro Woche. Rechnet man Preise und Kunden grob auf die 16 anderen Camps hoch, wird klar: Hier tobt ein Millionengeschäft.

Die Konkurrenz unter den Campbetreibern ist so groß, dass sie manchmal kriminelle Züge annimmt. Wie 2012, als Stadlhuber abends in seinem Bootshaus überfallen wurde. Gegen 22 Uhr standen mehrere Männer in seinem Zimmer. Einer schlug ihm einen Bildschirm über den Kopf, die anderen droschen mit Eisenstangen auf ihn ein. Er erlitt dabei einen neunfachen Schädelbruch. 2014 hatte er erneut Probleme: Er wachte mit Krämpfen und Übelkeit auf, auch sein Hund war vergiftet worden, ein Boot war weg. Auch mit den Wilderern aus Rumänien und Ungarn gibt es oft Auseinandersetzungen. Sie gehen mit verbotenen Schleppnetzen und Elektrobetäubung auf Welsjagd und verkaufen den Fisch kistenweise in Osteuropa. Damit gefährden sie den Fischbestand und damit das Geschäft der Wallercamps.

Der Staat scheint den Umtrieben nicht gewachsen zu sein. Nur ein Umweltschützer hat ein Auge auf den Fluss. Wenn es die Zeit zulässt, rückt Massimo Becchi mit Kollegen von der Organisation Legambiente in Reggio Emilia zu Anglerkontrollen aus. Er verwandelt sich dann in einen gegen Windmühlen kämpfenden Don Quijote.

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