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34 Minuten mit Seiner Fröhlichkeit

REPORTAGE. Bundeskanzler Sebastian Kurz besucht den Papst, im Koffer ein Faksimile von „Stille Nacht“ und eine Einladung – Reise in eine andere Welt. Von Stefan Winkler

Dieser Palazzo ist ein Labyrinth, in dem sich schon viele Päpste verloren haben. Über steinerne Treppen und einen in die Jahre gekommenen Fahrstuhl geht es empor, verwinkelte Gänge entlang, vorbei an salutierenden Schweizergardisten und kleinen, trist beleuchteten Büros, in denen sich vatikanische Beamte in Anzug und Krawatte über alte Schreibtische beugen.

Man kann gut verstehen, warum Papst Franziskus nach seiner Wahl nicht in den Apostolischen Palast übersiedelt ist, in diese seltsame Mischung aus kalter, mit unermesslichen Kunstschätzen bestückter Monumentalität und bedrückender Enge. Dass er einfach wohnen geblieben ist im schlichten Gästehaus Santa Marta.

Und da kommt auch schon der Papst aus Südamerika. Im angeregten Gespräch mit Bundeskanzler Sebastian Kurz schreitet er einher, flankiert von einem halben Dutzend Ehrenkämmerern in altmodischen, ordenbehängten Fracks. Gentiluomini di Sua Santità – Edelleute Seiner Heiligkeit –, so werden diese aus der Zeit gefallenen Erscheinungen genannt.

Einer dieser Kammerherren hat den Kanzler unten im Damasushof vor einem Spalier von Schweizergardisten begrüßt und nach oben geleitet. Dort wartete schon Erzbischof Georg Gänswein, der Präfekt des Päpstlichen Haushalts. Der Sekretär von Benedikt XVI. ist sichtlich gealtert, er sieht aber noch immer blendend aus und weiß das auch.

Seine Exzellenz führte Kurz durch die prachtvolle Sala Clementina in das Arbeitszimmer des Papstes und dann schlossen sich die Türen. Jetzt steht das Häuflein mitgereister Journalisten in einem engen, stickigen Gang davor. Auf einem Silbertablett werden Rosenkränze gereicht. „Don’t touch him!“, schärft ein Beamter den Medienleuten noch einmal ein. Die Minuten vergehen. 15, 20, 25, 34 sind es am Ende. „Respekt“, kommentiert ein Vatikankenner trocken. Es hat schon Regierungschefs gegeben, die sich mit einer deutlich kürzeren Privataudienz bescheiden mussten.

Vom Arbeitszimmer des Papstes geht es nun in die Bibliothek. Der Kanzler stellt dem Papst die kleine österreichische Delegation vor. Hände werden geschüttelt, Geschenke ausgetauscht. Ein Faksimile des Autographen von „Stille Nacht“ hat Kurz dem Pontifex mitgebracht. Das berühmteste Weihnachtslied der Welt wird heuer 200 Jahre alt. Der mitgereiste Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer lädt den Papst aus diesem Anlass nach Salzburg ein. Der bedankt sich lächelnd. Franziskus hat für den Kanzler seine drei Enzykliken „Evangelii gaudium“, „Laudato si“ sowie „Amoris laetitia“ vorbereitet. Und auch seine Botschaft zum jüngsten kirchlichen Weltfriedenstag, die er heuer den Flüchtlingen widmete, gibt er Kurz mit auf den Weg.

Manche wollen das als dezenten Wink verstanden wissen. Bekanntlich tritt Kurz für einen harten Kurs in der Migrationspolitik ein. Doch der Kanzler weiß beim anschließenden Pressegespräch in der österreichischen Botschaft zum Heiligen Stuhl anderes zu berichten. Über die Erneuerung Europas, die Kriege in Syrien und der Ukraine, über nukleare Abrüstung und die bedrängten Christen im Nahen Osten habe er mit Franziskus gesprochen, sagt Kurz, der den Pontifex als „gewinnenden und fröhlichen Menschen“ erlebt habe.

Erst zum Schluss der Audienz habe er aus eigenen Stücken noch das Thema Migration angesprochen. Und sei überrascht gewesen, wie deutlich der Heilige Vater seine Position bestätigt habe, dass Regierungen klug handeln und nur so viele Menschen aufnehmen sollten, wie sie integrieren könnten, sagt Kurz. Dass Franziskus sich unermüdlich für die Verbesserung der Lebensbedingungen in den Herkunftsländern der Migranten einsetze, „bestärkt mich in unserem Tun, vor Ort zu helfen“. Dass er den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt stelle“, mache den Papst zum „Vorbild für uns als Politiker“.

Die Uhr im Damasushof schlägt elf Uhr, als die österreichische Delegation den Apostolischen Palast verlässt. Ein letzter Befehl zerhackt die Stille. Die Schweizergarde steht stramm. Dann setzt sich der Autokonvoi des Kanzlers in Bewegung, neuen, profaneren Zielen entgegen.

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