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Güter der Agrarmafia auch bei uns

Migranten in Italien werden systematisch für Landwirtschaft ausgebeutet – und die Mafia schneidet mit. So erzeugte Produkte können auch in Österreichs Geschäften landen.

Im Morgengrauen kommen sie von überall. Ein Transporter hält und sammelt die Wartenden ein. Es geht auf die umliegenden Felder, wo Orangenbäume mit saftigen Früchten stehen. In Kalabrien, an Italiens Stiefelspitze, ernten Migranten unter unmenschlichen Bedingungen Zitrusfrüchte, die auch nach Deutschland und Österreich verkauft werden.

In der Gegend um den Ort Rosarno leben sie zu Tausenden in Slums, unter Plastikplanen ohne Strom und fließend Wasser. Das Ghetto San Ferdinando zählt zu den größten in Italien. Niemand will die Migranten hier haben – und doch sind sie für die Landwirtschaft unabkömmlich: Um immer billigere Produkte herstellen zu können, die für immer weniger Geld in Supermärkten verkauft werden können. Sie arbeiten für einen Hungerlohn, sind das ganze Jahr rund um die Uhr einsatzbereit. Todesfälle aus Erschöpfung sind keine Seltenheit.

Im Hintergrund zieht auch die Mafia die Fäden, kontrolliert Transport, Verkauf oder Organisation der ausgebeuteten Arbeiter. „Die Aktivität der Mafia betrifft die gesamte Produktionskette, von der Herstellung über den Transport, den Vertrieb und den Verkauf“, so der Bericht des Bauernverbands Coldiretti. Das System hat in Italien längst einen eigenen Namen: Agrarmafia. „Hier in unserer Gegend teilen sich zwei Verlierer der Globalisierung die Armut: Die Bauern der Region und die Migranten“, sagt Giuseppe Ida, Bürgermeister von Rosarno. Längst sei die Landwirtschaft hier nicht mehr konkurrenzfähig. Zitrusfrüchte kämen viel billiger aus Nordafrika oder Brasilien. Ein Bauer in Kalabrien sei gar nicht in der Lage, den Lohn von 40 Euro zu bezahlen – und so gibt es für Migranten nur 20 Euro pro Tag, davon sind noch Transport, Brot und Wasser zu bezahlen. Das System funktioniert: in Kalabrien und Sizilien für Zitrusfrüchte, in Apulien für Tomaten und im Piemont für Weintrauben.

Der Konsument kann kaum feststellen, ob er mit seiner gekauften Ware ein modernes Sklavensystem mafiösen Charakters unterstützt – mitten in Europa: „Das Problem ist, dass es keine Kontrolle gibt“, sagt Autor Antonello Mangano, der dazu intensiv recherchiert. Mit dem Kauf einer Zitrone, Orange oder Tomate in Deutschland und Österreich sei es möglich, dass man indirekt auch in die Taschen der Mafia zahlt. Zwar würde es Festnahmen, Beschlagnahmungen oder Strafen für mutmaßliche Kriminelle geben. „Aber dann geht es weiter wie vorher.“ Statt sich auf die dem Untergang geweihte herkömmliche Landwirtschaft zu konzentrieren, sollte man an ethisch korrekten Produkten und Exzellenz arbeiten. „Beim Preis können wir längst nicht mehr mithalten“, so Mangano.

Wo genau die Ware herkommt und wie geerntet wurde, erfährt man im Supermarkt meist nicht. „Es ist für den Verbraucher schwer zu erkennen, ob er ein mafiafreies Produkt kauft, da steht ja nicht ‚Produced by Mafia‘ drauf“, sagt Elmar Schulze Messing vom Fair-Handelszentrum Rheinland, das mafiafreie Waren aus Italien vertreibt. „Die Menschen wollen mehr Bio haben, weil das gut für ihre Gesundheit ist. Soziale Aspekte der Produktion werden dabei vernachlässigt.“

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