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Erdogans Affront gegen orthodoxen Christen

30.05.2020 • 10:45 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Erdogans Affront gegen orthodoxen Christen

Das Hagia-Sophia-Museum in Istanbul könnte in eine Moschee umgewandelt werden.

Sie überragt die historische Halbinsel Istanbuls, ist die meistbesuchte Touristenattraktion der Türkei und mit Symbolik aufgeladen: die Hagia Sophia – auf Griechisch „Heilige Weisheit“. Die gewaltige Basilika wurde 537 zu byzantinischen Zeiten als Kirche errichtet, bei der Eroberung durch die Osmanen 1453 in eine Moschee umgewandelt und schließlich vom Gründervater der modernen türkischen Republik, Mustafa Kemal Atatürk, 1934 zum Museum erklärt. Islamische Fundamentalisten fordern jedoch seit jeher ihre Rückverwandlung in eine Moschee, denn sie betrachten sie als steinernes Symbol des Siegs über die Christen.

Jetzt hat die Regierung des Staatschefs Recep Tayyip Erdogan signalisiert, sie könne dem Wunsch in Kürze nachkommen – was wiederum für die orthodoxe Christenheit, der die Basilika als wichtigstes Gotteshaus überhaupt gilt, ein Affront wäre. Zwar kommt die Ankündigung nicht zum ersten Mal, aber am Freitag könnte es soweit sein, wenn die türkischen Moscheen nach zweimonatiger Corona-Zwangspause wieder für Gebete geöffnet werden und zugleich der Jahrestag der Eroberung Konstantinopels begangen wird.

Gerüchteküche brodelt seit 10. Mai

Die Gerüchteküche begann am 10. Mai zu brodeln, als Erdogans Kommunikationschef Fahrettin Altun ohne ersichtlichen Anlass ein Bild der Hagia Sophia mit dem Text twitterte: „Wir haben uns danach gesehnt! Aber etwas mehr Geduld. Wir schaffen es gemeinsam.“ Für Anhänger der islamischen AKP-Regierung Erdogans war die Anspielung unmissverständlich; sie wurde tausendfach retweetet. Der prominente Zeitungskolumnist Kadri Gürsel nannte die Re-Muslimisierung des Museums im Nahost-Nachrichtenportal Al-Monitor den „Heiligen Gral“ der islamischen Bewegung in der Türkei, und als Grund für Altuns Tweet den Wunsch, „die Wählerbasis unter den durch die Covid-19-Pandemie verschärften wirtschaftlichen Turbulenzen intakt zu halten“.

Tatsächlich beten zum Jahrestag der Eroberung Konstantinopels alljährlich Tausende Islamisten vor dem Kuppelbau für die Rückwandlung in eine Moschee. Für die AKP ist dies das letzte wichtige uneingelöste Versprechen zur Überwindung der säkularen Atatürk-Republik, nachdem sie etwa das Kopftuchverbot für Beamte und Studenten abgeschafft und zwei andere Hagia-Sophia-Museen bereits wieder zu Moscheen gemacht hat.

Seit Langem Unesco-Weltkulturerbe

Doch sind mögliche internationale Folgen nicht zu unterschätzen. Die Umstellung der zum Unesco-Weltkulturerbe zählenden Hagia Sophia würde einen Aufschrei in der orthodoxen Christenheit – auch beim neuen Türkeifreund Russland – auslösen. Noch können islamische und christliche Symbole im Gebäude koexistieren. Doch muslimische Gebete vor christlichen Bildern wären ebenso schwer vorstellbar wie die erneute Gipsüberformung der gerade freigelegten christlichen Mosaike.

Andererseits mobilisiert die Empörung des Auslands zuverlässig Erdogans Stammwähler. Dass die Umwandlung in Kürze stattfinden könnte, darauf verwies auch ein einminütiges Video des Staatschefs, das regierungsnahe Medien nur einen Tag nach Altuns Tweet publizierten. Darin rezitierte Erdogan den Koran, während über ihm in arabischer Schrift das Wort „Allah“ erschien – ein eindrucksvolles Beispiel für die politische Ausbeutung der Religion in der Türkei.

Tatsächlich steigert Erdogan, wenn er ernsthaft unter Druck gerät, regelmäßig die religiöse Dosis in seinen politischen Botschaften. Als sich vor den Kommunalwahlen im März 2019 eine Niederlage der AKP in den Großstädten abzeichnete, ließ er bei Kundgebungen das grausige Live-Video des Moschee-Attentäters von Christchurch in Neuseeland zeigen und schlug erstmals konkret vor, das Hagia-Sophia-Museum wieder für muslimische Gebete zu öffnen. Nach den folgenden Wahldebakeln der AKP in Istanbul geriet seine Ansage aber in Vergessenheit.

In Umfragen nur noch bei 32 Prozent

In der Corona-Krise steht der Staatschef wegen der schlingernden Wirtschaft nun wieder unter Druck; die Wählerbasis murrt. Die AKP ist in Umfragen auf 32 Prozent abgesackt. Falls Erdogan nun ernsthaft die ultimative religiöse Karte zieht und damit auf jährlich rund 30 Millionen Euro Museums-Eintrittsgelder verzichtet, muss er sich einen politischen Mehrwert davon versprechen. Das könnten vorgezogene Neuwahlen sein, über die seit Wochen in Ankara spekuliert wird – die aber nur Sinn ergeben, wenn dabei die neu gegründeten Konkurrenzparteien von AKP-Dissidenten ausgeschlossen bleiben, was wegen fehlender Voraussetzungen für ihre Wahlteilnahme momentan noch möglich wäre.

Plant Erdogan also einen Neuwahl-Befreiungsschlag, um seine Macht zu sichern? Es fällt jedenfalls auf, dass der Präsident den für Mitte Juni geplanten Termin für den Neustart von Gemeinschaftsgebeten in Moscheen auf den 29. Mai vorverlegte – den Jahrestag der Eroberung Konstantinopels und der Umwandlung der Hagia-Sophia-Kirche in eine Moschee. Es wäre ein Spiel mit vielen Unbekannten. Vor den letztjährigen Wahlen bezeichnete der Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu die Religion als Erdogans „letzten Strohhalm vor dem Untergang“, weil er „keine Antwort auf die Arbeitslosigkeit und die Verarmung des Volks“ habe.

Diese Nöte haben sich in der Corona-Krise dramatisch verschärft, und nicht einmal Erdogan kann sicher sein, dass die religiöse Karte sie zu überspielen imstande ist.