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Kopfgeld auf Opfer ausgesetzt

06.07.2020 • 06:54 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der Beschuldigte wurde in Linz festgenommen und in die JA Korneuburg überstellt.
Der Beschuldigte wurde in Linz festgenommen und in die JA Korneuburg überstellt. (c) APA/MATTHIAS LAUBER (MATTHIAS LAUBER)

Auf den Russen, der bei Wien erschossenen wurde, soll ein Kopfgeld ausgesetzt gewesen sein.

Auf Mamichan U. alias Martin B., der am Samstagabend auf einem Firmengelände an der Brünner Straße (B7) in Gerasdorf bei Wien (Bezirk Korneuburg) erschossen wurde, war ein Kopfgeld ausgesetzt. Das berichteten Gesprächspartner aus der bzw. mit Bezug zur tschetschenischen Community in Wien in der Nacht auf Montag übereinstimmend der APA.

Regierungskritischer Blog auf YouTube

Demnach war es unter Tschetschenen ein offenes Geheimnis, dass sich der 43-Jährige mit seinem Videoblog in Lebensgefahr gebracht hatte. Seit April hatte der tschetschenische Ex-Polizist, der seit 2007 als anerkannter Konventionsflüchtling in Österreich lebte, auf seinem Youtube-Kanal insgesamt 29 Videos veröffentlicht, in denen er sich kritisch mit der Führung der russischen Teilrepublik Tschetschenien auseinandersetzte.

Insbesondere den Regionalpräsidenten Ramsan Kadyrow und dessen Familie soll Martin B. beschimpft und teilweise wüst beleidigt haben.

hieß es gegenüber der APA.

Angeblich kursierten in tschetschenischen Kreisen bereits Berichte über konkrete gegen den Regimekritiker gerichtete Mordaufträge. Auch Summen sollen in diesem Zusammenhang genannt worden sein.

Kopfgeld auf Opfer ausgesetzt
Ramsan Achmatowitsch Kadyrow, der aktuelle Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien.Sonstiges

Kritik an Kadyrow

Schon Kadyrows Vater war Präsident in Tschetschenien, wurde dann aber 2004 bei einem Bombenattentat in der Hauptstadt Grosny getötet. 

Sein Sohn ist seit Mai 2007 im Amt und ihm werden verschiedene Menschenrechtsverletzungen und Korruption vorgeworfen. Darunter Folterungen seiner Landsleute. Seine Amtsführung kann zudem als diktatorisch und von einem extremen Personenkult um ihn beschrieben werden.

Schon 2004 war in Wien ein geflüchteter Tschetschene, Umar Israilow, auf offener Straße getötet worden, nachdem er Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht hatte und der Klage Skizzen von Folterkellern und Fotos misshandelter Tschetschenen beigelegt hatte. Umar Israilow hatte nach eigenen Angaben zuvor in Kadyrows Leibgarde gedient und war so zu den Informationen gekommen. Israilow hatte damals auch von einer „Todesliste“ gesprochen, auf der etwa 500 Personen stünden, die im Auftrag Kadyrows ermordet werden sollen. Der Präsident hatte dies stehts zurückgewiesen und für „Schwachsinn“ erklärt.

Opfer sprach von Verbindungen zum Wiener Verfassungsschutz

Dessen ungeachtet dürfte sich Martin B. recht sicher gefühlt haben. Dem Vernehmen nach brüstete er sich mit seinen guten Kontakten zum Wiener Landesamt für Verfassungsschutz (LVT) und behauptete, er werde von Beamten dieser Behörde geschützt. Ob er tatsächlich – wie von ihm verbreitet – mit dem Wiener Verfassungsschutz zusammengearbeitet hatte, ist bisher nicht geklärt.

Fall zu „heikel“ für einige Anwälte

Die Brisanz des Mordfalls zeigt sich auch daran, dass der mutmaßliche Schütze und ein weiterer Verdächtiger, die mittlerweile in der Justizanstalt Korneuburg in U-Haft sitzen, nicht von Rechtsanwälten vertreten werden, die in Justizkreisen bekannt dafür sind, dass sie russisch-stämmige bzw. tschetschenische Beschuldigte vertreten. Die Sache sei „zu heikel“, meinte einer von ihnen auf APA-Anfrage nach einem möglichen Mandat.