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Spitze des Aufsichtsrats berät über VW-Boss

30.11.2020 • 19:16 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Herbert Diess
Herbert Diess (c) AP (Michael Sohn)

VW-Aufsichtsrat befasst sich mit der Zukunft von Konzernchef.

„Das Präsidium wird sich die Karten legen, wie es mit ihm weitergeht“, sagte eine mit den Beratungen vertraute Person. Der Ausgang sei „komplett offen, alles ist möglich im Moment.“

Damit wäre sowohl ein erneuter Burgfrieden als auch ein Abgang von Diess denkbar, der den weltgrößten Autokonzern seit gut zweieinhalb Jahren führt und zu einem führenden Anbieter klimaschonender Mobilität und selbstfahrender Autos umbauen will. Um die von ihm als Blockade empfundene Haltung des Betriebsrats bei weiteren Einsparungen und wichtigen Personalentscheidungen aufzubrechen, fordert Diess Insidern zufolge mehr Rückendeckung vom Aufsichtsrat. Einige Mitglieder des Präsidiums fühlten sich von ihrem führenden Angestellten erpresst.

Reuters hatte am Freitag unter Berufung aus Konzernkreise berichtet, Diess habe deswegen einer vorzeitigen Vertragsverlängerung bei den Familieneignern Porsche und Piech vorgefühlt. Die Aussichten dafür seien allerdings gering, da Diess (62) neben dem Land Niedersachsen als zweitgrößtem Aktionär auch den einflussreichen Betriebsrat für sich gewinnen müsste. Eine mit den Vorgängen vertraute Person sagte, eine Vertragsverlängerung zum jetzigen Zeitpunkt werde nicht mitgetragen. Die Frage sei, wie man ein vorzeitiges Ausscheiden von Diess verhindern könne. Volkswagen äußerte sich nicht.

Es geht um Schlüsselressorts im Konzernvorstand

Der ehemalige BMW-Manager war Mitte 2015 – wenige Monate nach Bekanntwerden des Dieselskandals – als Chef der Hauptmarke VW nach Wolfsburg gewechselt. Schon damals zog er wegen seines forschen Auftretens und seinem Tempo bei den Veränderungen Kritik sowohl des Betriebsrats als auch einiger Manager auf sich. Im April 2018 rückte Diess an die Konzernspitze. Er machte gleich klar, dass er die aus seiner Sicht verkrusteten Strukturen aufbrechen und Volkswagen flexibler machen wolle, um es mit dem US-Elektroautopionier Tesla aufzunehmen.

In einem am Sonntag auf LinkedIn veröffentlichten Beitrag räumte Diess ein, dass ihm dies „an vielen Stellen gelungen, an einigen nicht, allen voran in unserer Konzernzentrale in Wolfsburg noch nicht.“ Je nach Lager, dem sich Manager zurechnen, wurde dies als Eingeständnis des Scheiterns oder als Aufforderung verstanden, nicht nachzulassen. Diess war erst im Juni knapp einer Entlassung entgangen, nachdem er dem Aufsichtsrat bei einer Managementtagung Indiskretionen vorgeworfen hatte. Damals war sein Wunsch nach einem neuen Vertrag durch einen Magazinbericht öffentlich geworden.

Aufgebrochen ist der erneute Streit mit der Arbeitnehmervertretung Konzernkennern zufolge an Diess‘ Wunsch, Schlüsselressorts im Konzernvorstand mit Managern zu besetzen, mit denen er glaubt, schneller zum Erfolg zu kommen. Im nächsten Jahr muss die Nachfolge von Konzern-Finanzchef Frank Witter geregelt werden, der im Juni aus persönlichen Gründen ausscheiden will. Für Witters Nachfolge favorisiert Diess Insidern zufolge Arno Antlitz, derzeit Finanzvorstand bei der Tochter Audi. Der Betriebsrat lehnt Antlitz ab. Mit ihm waren die Arbeitnehmervertreter in seiner Zeit als Finanzchef der Marke VW wiederholt aneinandergeraten.

Vetrag läuft noch bis April 2023

Außerdem muss seit dem Rückzug von Stefan Sommer das Beschaffungsressort besetzt werden, das Witter seit dem Frühsommer kommissarisch mitverantwortet. Für den Bereich sei Murat Aksel im Gespräch, der diesen Posten bisher bei der Marke VW innehat, sagte eine der Personen. Zudem sei eine Zusammenlegung des Produktions- und Komponentenressorts mit Thomas Schmall an der Spitze im Gespräch, der bisher die Komponentensparte leitet.

Das dürfte ebenfalls Thema im Präsidium sein, dem neben Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch und IG-Metall-Boss Jörg Hofmann als seinem Stellvertreter auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und Betriebsratschef Bernd Osterloh sowie Wolfgang Porsche und Hans Michel Piech als Vertreter der Familieneigner angehören. Diess fühlt sich nach Angaben mehrerer Insider bei seinen Plänen bei der Neubesetzung der Schlüsselressorts blockiert und setzt seine Forderung nach einer Vertragsverlängerung als Druckmittel ein. Sein derzeitiger Vertrag als Vorstandschef läuft bis April 2023. Üblicherweise wird über eine Verlängerung ein Jahr vor Ablauf gesprochen, bei Diess also frühestens im April 2022.