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Hier entsteht die Hoffnung für die Welt

18.12.2020 • 11:39 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Pfizer-Werk in Belgien: Hier wird der Corona-Impfstoff hergestellt
Pfizer-Werk in Belgien: Hier wird der Corona-Impfstoff hergestellt Andreas Lieb

Welt schaut nach Puurs: Hier wird der Corona-Impfstoff produziert.

Schräg gegenüber ist eine der europäischen Chiquita-Zentralen. Das Gelb und Blau der „Banana Company“ sieht man nicht, wenn man auf der anderen Seite der stark befahrenen Straße in den Pharma-Abschnitt des Industrieviertels im Süden von Antwerpen gelangt. Zuerst taucht Novartis auf, Schweizer Pharmariese, dann kommt eine Zufahrt zu Pfizer, dann noch eine und noch weitere. Büros, Industrieanlagen, eine Kantine, dann wieder Lieferantenzugänge. Das Areal ist groß. Fast 3000 Menschen arbeiten hier, erzählt Koen Colpaert, Sprecher von Pfizer in Puurs. Hinein ins Werk dürfen wir nicht: „Sicherheitsgründe, Hygienemaßnahmen.“

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Hier entsteht die Hoffnung für die Welt
Eigentlich nennt sich Puurs ja “Spargelgemeinde” – bis zum nächsten Spargelfest soll die Welt wieder besser ausschauenKleine Zeitung

Puurs, genauer gesagt Puurs Sint-Amands, ist plötzlich berühmt. Es ist der Ort, in dem das erste Corona-Impfmittel entsteht. Hier wurden auch die Chargen produziert, die letzte Woche medienwirksam in Großbritannien verabreicht wurden. Medien geben sich seither hier die Klinken in die Hand. Wir sind „Nummer 35 oder so“, die auf den eleganten Barcelona-Sesseln im Büro von Bürgermeister Koen Van den Heuvel Platz nehmen; kurz davor hat eine Kollegin von Radio France den Raum verlassen. Van den Heuvel ist seit 24 Jahren im Amt, er ist auch Abgeordneter im flämischen Parlament – aber dieser Rummel ist neu für ihn.

Vor zwei Jahren gab es die Fusion mit zwei Nachbargemeinden, auf 26.000 Einwohner kommt der Ort jetzt. Bis dahin musste man nicht viel wissen über Puurs. Die Gemeinde ist stolz auf ihr Spargelfestival und das Duvel-Bier, das hier gebraut wird. Berühmteste Persönlichkeit ist Dina Tersago: die Miss Belgien 2001 repräsentierte ihr Land bei der Miss World und Miss Universe und moderierte danach die belgische Version von „Bauer sucht Frau“. Aber jetzt dreht sich alles um Pfizer.

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Arbeiten im Werk: Extreme Sicherheits- und HygienevorschriftenSonstiges

Die Geschichte beginnt schon in den 50er-Jahren, als Pfizer die erste europäische Niederlassung in Brüssel eröffnete und 1963 durch eine Akquisition auch nach Puurs kam. Was seither geschah, ist für die Gemeinde eine Art permanenter Lottosechser. „Wir haben in unserem Gemeindegebiet drei große Wirtschaftsbereiche“, erzählt Bürgermeister Van den Heuvel: „Logistik, Nahrungsmittel und Pharma. Alles sehr innovative Sektoren, alles ohne Luftverschmutzung.“ Zwei der neun Windkrafträder in der Gemeinde gehören Pfizer, die Genehmigungen dafür waren kein großes Problem, man schätzt sich. Und alles Branchen, in denen gut bezahlt wird: „Das ist gut für unsere Geschäfte.“

Investment in ein grünes Image

Jetzt ist aber nicht mehr viel Platz, vielleicht 15 bis 20 Hektar, die man eher mit regionalen Startups füllen möchte. Die Arbeitslosenrate in Puurs ist jetzt schon eine der niedrigsten Belgiens, die Gemeinde kommt auf 13.000 Arbeitsplätze. Das ebnet viele Wege. „Wenn Pfizer etwas braucht von uns, versucht die Stadt ihr Bestes. Das ist von strategischer Bedeutung“, so Van den Heuvel. Sein größtes Problem sind die hohen Lohnnebenkosten – aber das ist Sache der Regierung. Lokal versuche man alles, Pfizer beim Wachsen zu helfen: „Das ist auch Investment in unser grünes Image.“ Man habe dabei auch im Blick, dass Pfizer Belgien mit anderen Werken verglichen wird, etwa in Frankreich oder Großbritannien.

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Rund 3000 Menschen arbeiten unter Hochdruck an der ImpfstoffherstellungSonstiges

Im Werk selbst betont man, wie verbunden das Unternehmen mit der Gemeinde sei. Zwei Drittel der 3000 Beschäftigten leben in einem Umkreis von 20 Kilometern, so Koen Colpaert: „Sehr viele kommen mit dem Rad in die Arbeit, wir unterstützen das wegen der positiven Auswirkung auf Verkehr und Nachhaltigkeit. Letztes Jahr haben sie zusammen 2,2 Millionen Kilometer am Rad geschafft.“ Man hilft sich gegenseitig: als das Werk Probleme mit einer Zufahrt hatte, konnte es der Gemeinde ohne große Komplikationen einen Straßenabschnitt abkaufen. Und umgekehrt? Gibt es vielleicht Sportsponsoring? „Nein“, winkt der Bürgermeister ab, „wir haben hier kein Red Bull Salzburg.“ Dafür hilft Pfizer an anderer Stelle. Die größte Glocke im renovierten Glockenturm wurde vom US-Konzern finanziert. Und neulich, so Van den Heuvel, spendete das Unternehmen 50 Laptops für Schüler im Homeoffice.

Jeder kennt jemanden, der…

Gemeinde und Werk, das ist zusammengewachsen: „Jeder in Puurs kennt jemanden, der bei Pfizer arbeitet“, formuliert der Bürgermeister. Allein seit Sommer sind 150 neue Leute eingestellt worden, 300 insgesamt in diesem Jahr. Das Werk wurde schon seit Mai „auf Verdacht“ hochgefahren: Ausbau der Infrastruktur, neue Produktionslinien. Investitionen in die Zukunft. Und es wächst weiter. Die Entwicklungsabteilung ist nicht weit weg in Anderlecht, die geografisch perfekte Lage im „Herzen Europas“, so Sprecher Colpaert, inmitten von Autobahnen, Bahnverbindungen, Häfen und gerade einmal 35 Minuten bis zum Brüsseler Flughafen Zaventem fordert Expansion geradezu heraus. Zaventem war einer der ersten Flughäfen weltweit, der eine spezielle Zertifizierung für den Transport pharmazeutischer Produkte erhielt.

Schon bisher wurden in Puurs jährlich rund 400 Millionen Impfdosen und Medikamente hergestellt, die in 170 Länder weltweit gehen – nun konzentriert sich alles auf den Kampf gegen Sars-CoV-2. In großen Mengen werden Rohmaterialien angeliefert; Basis ist die „messenger RNA“, die Boten-Ribonukleinsäure. In einer Reihe von Schritten und speziellen Mischverfahren entstehen Lipid-Nanopartikel, danach kommt sterile Filtration. Der fertige Impfstoff wird in einer völlig sterilen Produktionslinie versandfertig gemacht und wandert in spezielle Tiefkühltruhen, gelagert werden die Pakete schließlich in eigenen Kühlhäusern, bevor sie auf ihre weite Reise gehen. Vermutlich ein wenig so, wie wir es seit letzter Woche aus Michigan, USA, kennen: riesige Lastwagen, die sich mit ihrer superkalten Fracht auf den Weg zum Flughafen machen.

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Riesiger Medienrummel: Bürgermeister Koen Van den HeuvelKleine Zeitung

Oder im Land bleiben. „Klar“, amüsiert sich Bürgermeister Van den Heuvel, „am Anfang ist meine Mailbox übergangen – unsere Leute haben gemeint, wir könnten den Impfstoff ja gleich für alle Bewohner hier direkt am Werk abholen.“ Geht natürlich nicht, in Belgien ist wie in allen anderen europäischen Ländern eine klare Reihenfolge festgelegt, da hilft auch das gute Auskommen nicht weiter.

Keine Details über Transportwege

Details über die Verteilung und Lieferwege des Impfstoffes gibt es freilich von Pfizer nicht. Niemals, so erfahren wir, gebe der Konzern Informationen über Transport von Produkten oder Anlieferungen, schon gar nicht über Zeitpläne oder Transportvorgänge. Die Fernsehbilder aus Michigan zeigen Polizeieskorten; rund um den belgischen Standort seien in letzter Zeit die Sicherheitsmaßnahmen durchaus verstärkt worden, heißt es im Ort. Zum letzten Mal war das nach 9/11, den Anschlägen in New York, der Fall.

Bis zum nächsten Spargelfest, so hofft man in Puurs Sint-Amands, soll es der Welt wieder besser gehen.

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