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“Angst vor Machtverlust des Militärs war zu groß”

01.02.2021 • 18:41 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Proteste gab es bereits in Bangkok
Proteste gab es bereits in Bangkok AFP

Nach Militärputsch in Myanmar werden Töne des Widerstands laut.

Myanmar erlebt ein schmerzhaftes Déjà-vu. Gerade erst begannen die Erinnerungen an ein halbes Jahrhundert Militärdiktatur zu verblassen, da hat sich in der Nacht auf Montag die Armee zurück an die Macht geputscht. Am Montag hätte das Parlament in seiner neu gewählten Zusammensetzung zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen sollen.

Stattdessen wurden De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi, Präsident Win Myint und weitere Mitglieder der Regierungspartei NLD festgenommen, das Militär hat den Ausnahmezustand ausgerufen – zumindest für ein Jahr. Das scheint jedoch unwahrscheinlich, erklärt Andrew Nachemson, Korrespondent für Al Jazeera in Myanmar im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. „Ich glaube niemand in Myanmar glaubt ihnen. Sie sind gekommen, um an der Macht zu bleiben. Ich bin in einer Demokratie zu Bett gegangen und in einer Diktatur aufgewacht.“


Hintergrund des Putsches sind Vorwürfe des Wahlbetrugs bei der Parlamentswahl im November nach dem klaren Sieg Suu Kyis – Beweise dafür gibt es nicht. Der Vize-Direktor von Human Rights Watch in Asien, Phil Robertson, vergleicht die Situation mit der Weigerung von Ex-Präsident Donald Trump, das Wahlergebnis in den USA anzuerkennen. „Die Angst vor zunehmendem Machtverlust des Militärs dürfte angesichts Erdrutschsieges so groß gewesen sein, dass die Generäle meinten, putschen zu müssen“, analysiert der Korrespondent.

Proteste wahrscheinlich

Sehr wahrscheinlich komme es zu Protesten, befeuert durch den Aufruf der inhaftierten Regierungschefin: „Die Öffentlichkeit ist dazu aufgerufen, sich dem Militärputsch voll und ganz zu widersetzen und sich entschieden dagegen zu wehren“, schrieb sie Stunden nach ihrer Festsetzung in einer Erklärung. Auch auf Twitter verbreiteten sich Hashtags wie „Rettet Myanmar“ rasant. Wie die Führung auf mögliche Proteste reagieren würde – zurückhaltend oder brutal niederprügelnd – bleibt abzuwarten. Zunächst wurde versucht die Bevölkerung an Zusammenkünften zu hindern. Das Internet wurden immer wieder unterbrochen. Jedoch: „Die Menschen haben Angst, sind jedoch auch wütend. Man spürt den Widerstand“, sagt Nachemson.

DER VIELVÖLKERSTAAT MYANMAR

Myanmar (früher: Birma oder Burma) liegt in Südostasien zwischen Indien und China. Das Land mit einer langen Küste am Golf von Bengalen ist flächenmäßig fast doppelt so groß wie Deutschland, hat knapp 54 Millionen Einwohner. Die Bevölkerung setzt sich aus mehr als 130 Ethnien zusammen. Zwei Drittel sind Bamar, so auch De-Facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi und fast die gesamte Staats- und Militärelite. Die größten ethnischen Gruppen: die Chin, die Kachin, die Karenni und die Karen.

Die Minderheiten leben in den teils an Bodenschätzen reichen Grenzgebieten. Seit der Unabhängigkeit 1948 kämpfen viele um Unabhängigkeit oder Autonomie. Durch die Kämpfe mit bewaffneten Rebellen sind Hunderttausende Menschen vertrieben worden. International steht besonders die staatliche Diskriminierung der Rohingya in der Kritik: Die Vereinten Nationen bezeichnen die Verfolgung der muslimischen Minderheit in Myanmar als anhaltenden Völkermord.

Seit 1962 wurde das Land von einer Militärdiktatur beherrscht, bis 2011 der Übergang zur Demokratie eingeleitet wurde

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