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“Einwohner sind stigmatisiert”

11.03.2021 • 12:22 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
FILE JAPAN FUKUSHIMA THIRD ANNIVERSARY
FILE JAPAN FUKUSHIMA THIRD ANNIVERSARY APA/EPA/ASAHI SHIMBUN

Sozialen Folgen seien aber eigentliche Katastrophe, so Steinhauser.

Im Jahr 2014 waren Sie Gastprofessor in Fukushima – hatten Sie keine Bedenken wegen der Strahlenbelastung?
Georg STEINHAUSER: Nein, überhaupt nicht. Ich habe in Colorado, wo ich damals eigentlich Professor war, mehr Strahlung abbekommen. In Colorado ist viel Uran im Boden, es gibt dort mehr Höhenstrahlung. Dass ich in Fukushima viermal in die Sperrzone gefahren bin und Proben entnommen habe, ist vernachlässigbar.

Die Bilder aus Fukushima waren beängstigend: Rauch über dem AKW, explodierende Reaktorblöcke.
Steinhauser: An diesem Beispiel sieht man, wie Bilder täuschen. Heute wissen wir, dass die größte Menge an radioaktiven Stoffen aus dem nicht explodierten Reaktor 2 stammten und nicht durch die Detonationen freigesetzt wurden.

Ein Großteil der radioaktiven Substanzen landete im Meer. Gut oder schlecht?
STEINHAUSER: Alles, was am Festland bleibt, verseucht das Umfeld für Jahrzehnte. Alles, was ins Meer geht, verdünnt sich, weil der Pazifik so ein gigantisches Wasserreservoir ist. Im Meer verteilten sich die Radionuklide schnell. An Land jedoch blieb ein Flickenteppich zurück. Dass in Fukushima rund 80 Prozent aufs offene Meer hinausgetragen wurden ist das Beste, was passieren konnte. Wenn man davon absieht, man hätte den Unfall vermeiden können.

Und die Fische?
STEINHAUSER:Die sind meist weniger belastet als so manches Wildschwein in Mitteleuropa. Süßwasserfische sind in Fukushima in der Regel höher kontaminiert als Meeresfische.Tschernobyl hat zehnmal mehr Radioaktivität in die Umwelt freigesetzt als Fukushima.

Hibakusha, Überlebende der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki, wurden in Japan ausgegrenzt, aus Angst vor Verstrahlung. In Fukushima auch ein Thema?
STEINHAUSER: Ja, die sozialen Folgen sind eine Katastrophe. Mit Menschen aus Fukushima wollen viele nichts mehr zu tun haben. Die Einwohner sind stigmatisiert. Dabei war Fukushima früher touristisch sehr gefragt – bekannt für die schöne Landschaft und das gute Essen. Für Tokioter war Fukushima wie für die Wiener die Wachau. Das ist vorbei.

"Einwohner sind stigmatisiert"
Georg Steinhauser ist seit 2015 Professor für Umweltradioaktivität an der Universität in Hannover. Der Wiener bekam 2013 Zutritt zur Sperrzone rund um Fukushima, um Proben zu nehmen. 2014 war er Gastprofessor an der Fukushima UniversitySonstiges