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Die „Apotheke der Welt“ kämpft ums Überleben

27.04.2021 • 18:05 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Fünfter Tag in Folge mit weltweitem Höchstwert an Neuinfektionen: Die Lage in Indien wird immer dramatischer
Fünfter Tag in Folge mit weltweitem Höchstwert an Neuinfektionen: Die Lage in Indien wird immer dramatischer AP

Was passiert, wenn die Politik die Pandemie nicht mehr ernst nimmt?

Das indische Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps: Es mangelt an Betten, Sauerstoff, Medikamenten. Auf der Straße vor mehreren Spitälern in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi warten die Kranken, die nicht mehr aufgenommen werden können, auf Hilfe. Indien verzeichnet aktuell die höchsten Infektionszahlen weltweit. Binnen eines Tages wurden nach Angaben des indischen Gesundheitsministeriums rund 350.000 Neuinfektionen und fast 3000 Tote im Zusammenhang mit dem Coronavirus registriert.

Indien hat inzwischen die höchsten Infektionszahlen weltweit. Noch Anfang des Jahres war die Lage in Indien relativ gut. Bekommt die Welt nun vorgeführt, was passiert, wenn die Politik die Pandemie nicht mehr ernst nimmt?
Peter Rimmele: Die Regierung hatte tatsächlich fast schon den Sieg über Covid-19 verkündet. Dann tauchte diese offenbar noch infektiösere Doppel-Mutation des Coronavirus auf.

Sie arbeiten und leben in Neu-Delhi: Was sehen Sie?
Rimmele: Es ist dramatisch. Die Krankenhäuser sind überfüllt, es gibt keine freien Intensivbetten mehr. Vor einem Jahr, nach der ersten Coronawelle, waren die Intensivstationen auch voll, aber nicht mit so vielen Schwerstkranken gefüllt wie heute. Die Menschen sterben in den Spitälern unmittelbar an den Folgen des Coronavirus, weil es schlicht keinen medizinischen Sauerstoff mehr gibt. Aus Deutschland, Hongkong und Singapur wird mittlerweile Sauerstoff eingeflogen.

Zur Person

Peter Rimmele, Leiter des Auslandsbüros Indien der Konrad-Adenauer-Stiftung
in Neu-Delhi

Die „Apotheke der Welt“ kämpft ums Überleben
Peter RimmeleSonstiges


Was ist Ihrer Meinung nach die Ursache für den enormen Anstieg an Neuinfizierten?
Rimmele: Zum einen eben diese Doppelmutante, aber das ist freilich nicht der einzige Grund. In einigen Bundesstaaten, so in Westbengalen, gab es kürzlich Wahlkampf-Veranstaltungen und keinerlei Vorsichtsmaßnahmen, auch seitens der Regierungspartei nicht. Hunderttausende Menschen kamen da zusammen. Auf Coronamasken achtet da niemand, auch die Regierung nicht. Es gab zuletzt auch viele religiöse Feste, knapp drei Fahrtstunden von hier, wo Hunderttausende im Ganges badeten und die Riten durchliefen. Auch deswegen verbreitet sich das Virus hier im Norden mehr. Delhi ist mittlerweile ein Corona-Hotspot. Die Kranken liegen vor den Spitälern. Sie warten draußen auf Hilfe. Es ist schlimm. Die Zahl der Neuinfizierten steigt und steigt.

Wie schützt man fast 1,4 Milliarden Menschen vor einer Pandemie? Wie reagiert ein Land, in dem fast 70 Prozent der Bevölkerung in Armut und auf engstem Raum leben, auf ein Virus, das sich rasant von Mensch zu Mensch überträgt? Wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer der Infizierten ein?
Rimmele: Die Zahl der Verstorbenen ist weit höher als die Zahl der amtlichen Toten. Dafür muss man sich nur die Bilder der Scheiterhaufen vor Augen führen, auf denen die Toten verbrannt werden, und diese Zahlen mit den amtlichen Toten vergleichen. Zahlen darf man in Indien nie trauen. Die Dunkelziffer ist sehr hoch. Es ist so viel nicht erfasst. Man rechnet im schlimmsten Fall mit einer Million Neuinfizierten pro Tag in ganz Indien.

So viele Medikamente und Impfstoffe stammen aus Indien. Bleibt im eigenen Land denn nichts?
Rimmele: Zuletzt fehlten die Rohmaterialien, die großteils aus den USA stammen. Präsident Joe Biden hatte den Export dieser „Zutaten“ für die Medikamenten-Produktion vor einigen Wochen untersagt, um die nationale Versorgung in den USA sicherzustellen. Gestern erklärten die USA allerdings, Indien wieder mit den notwendigen Rohstoffen zu versorgen. Indien ist ja die Apotheke der Welt, fast alle Impfstoffe für Afrika oder sonstige Entwicklungsländer stammen aus Indien. Das sollte man bedenken, wenn man von einer globalen Krise betroffen ist, auf die auch globale Antworten gefunden werden müssen. Da könnte vielleicht auch die Weltgesundheitsorganisation WHO steuernd eingreifen.

Wie sieht der Lockdown nun in Neu-Delhi aus?
Rimmele: Es gibt keinen so strengen wie im Vorjahr nach der ersten Welle. Damals wurde alles geschlossen. Dadurch haben aber auch alle Tagelöhner ihre Arbeit verloren, einige starben zwar nicht an Covid, aber an Hunger. Diesen Fehler, den Menschen komplett die Lebensgrundlage zu nehmen, hat die Regierung dieses Mal nicht gemacht. Viele Tagelöhner haben im ersten Lockdown die Infektion aber auch in ihre Dörfer geschleppt. Wenn ich jetzt auf die Straße schaue, bewegt sich momentan wenig in Neu-Delhi. Die Malls sind geschlossen, aber einzelne Lebensmittelgeschäfte haben geöffnet.

Wie schützen Sie sich selbst in Neu-Delhi?
Rimmele: Wir arbeiten schon länger und immer wieder im Homeoffice. In den nächsten Tagen gehe ich auch nicht hinaus, trage beim Rausgehen außerdem schon länger eine doppelte Maske und bekam in der Vorwoche meine zweite Impfung. Ich wurde mit einem Lizenzprodukt von AstraZeneca geimpft. In Indien gab es vorerst nur zwei Impfstoffe: Covaxin und Covishield, Letzteren bekam ich, das ist AstraZeneca auf Indisch.

Wie versorgen Sie sich?
Rimmele: Für eine Woche bin ich eingedeckt mit Lebensmitteln, habe auch einiges in der Gefriertruhe. In Ländern wie Indien ist es immer gut, einen gewissen Vorrat gelagert zu haben.