International

„Die Konflikte waren zu weit gediehen“

20.06.2021 • 13:45 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
„Die Konflikte waren zu weit gediehen“

Budimir Lončar war der letzte Außenminister Jugoslawiens.

Als Josip Broz Tito im Mai 1980 starb, waren Sie Botschafter Jugoslawiens in den USA. Damals war die Besorgnis groß, dass Titos Tod eine ernsthafte Krise in Jugoslawien auslösen könnte. Was dachten Sie über die Zukunft Jugoslawiens?
CHRISTIAN WEHRSCHÜTZ: In dem Moment war ich natürlich besorgt und traurig, habe keine Analyse der Lage angestellt, wie ich das später getan habe. Doch mir wäre nie in den Sinn gekommen, dass es zu einer derartigen Krise kommen könnte, die Jugoslawiens Bestand infrage stellt. Ich rechnete mit Turbulenzen, aber ich glaubte, dass Titos Erbe so fest und gut ist, dass es in seiner Grundlage Bestand haben werde. Ich dachte, dass es zu einer Transformation kommt, und dass sich reformistische Strömungen und die Demokratisierung beschleunigen werden.

Was war Jugoslawiens weltpolitische Rolle, und warum scheiterte dieser Staat unmittelbar nach Ende der Blockkonfrontation?
Meine Feststellung wird Sie überraschen, weil ich denke, dass Jugoslawien durch das Projekt der Blockfreiheit eine große Rolle bei der Emanzipation der Völker und dabei gespielt hat, die Staaten in Osteuropa zu ermutigen, sich von der sowjetischen Dominanz zu befreien. Doch diese große Rolle wurde schließlich zur Last für Jugoslawien, weil man nicht erkannte, dass es zu einem Gegensatz kam, zwischen der Rolle in der Welt und der innenpolitischen Lage; es fehlten die Kapazitäten, dieser weltpolitischen Rolle auch gerecht zu werden. So wurde aus dieser Rolle eines Pioniers ein Faktor der innenpolitischen Desintegration. Ich sagte im Jahre 1990 im jugoslawischen Parlament, dass die weltpolitischen Prozesse schneller ablaufen als Jugoslawien ihnen folgen kann.

Warum zerfiel die Sowjetunion friedlich, Jugoslawien aber nicht?
Michail Gorbatschow war nicht für den Zerfall der Sowjetunion, doch er blieb ruhig, stellte sich nicht dagegen; das war ein großes Risiko für ihn, zumal er den Warschauer Pakt auflöste, die Nato aber bestehen blieb. Auch die sowjetische Armee war dagegen, blieb aber passiv. Im Fall Jugoslawiens war das genau umgekehrt. Da positionierte sich die jugoslawische Armee von Beginn an. Außerdem kam es im Jänner 1990 beim 14. Kongress in Belgrad zum Zerfall der kommunistischen Partei Jugoslawiens. Da spielte auch die Führung der Armee eine Rolle, die völlig mit Slobodan Milošević übereinstimmte; er wollte die weltpolitischen Änderungen nützen, um die Grenzen Serbiens zu ändern. Milošević wollte Jugoslawien durch Serbien majorisieren. Das war ein Schlag gegen die Grundlagen Jugoslawiens, die im Zweiten Weltkrieg geschaffen wurden.

War die Armee der wichtigste Partner für den serbischen Autokraten Milošević und seine großserbische Politik?
Sie war die Hauptstütze von Milošević und somit der letzte Nagel am Sarg Jugoslawiens. Analysiert man Miloševićs Schachzüge, so wollte er zunächst Jugoslawien reformieren, die Grenzen ändern und die föderale Verfassung von 1974 beseitigen. So beschloss Milošević die Beseitigung der beiden autonomen Provinzen, der Vojvodina und des Kosovo, die konstitutive Elemente der Föderation waren. Dann forderte er am 14. Parteikongress im Jänner 1990 die Umsetzung des Prinzips „Eine Stimme – ein Jugoslawien, was eine Majorisierung durch Serbien bedeutet hätte. Damals verließen Slowenien und Kroatien den Kongress, während die anderen Teilrepubliken nicht wussten, was sie tun sollten. Das war im Grund bereits der Beginn des Zerfalls Jugoslawiens.

Kurz der Unabhängigkeitserklärung Sloweniens und Kroatiens kam US-Außenminister James Baker am 21. Juni 1991 für wenige Stunden nach Belgrad. Waren die USA damals überhaupt ernsthaft in Jugoslawien engagiert?
Zuerst muss man wissen, dass die USA in der jugoslawischen Krise lange Zeit nicht ausreichend engagiert waren, und zwar wegen der Sowjetunion. So hat mit Baker mehrfach gesagt, das Hauptproblem der USA sei, die konsolidierenden Prozesse zu unterstützen, die sich in der Sowjetunion entwickeln. Die größte Angst der USA war, wie sich die sowjetische Armee verhalten, ob sie nicht einen Putsch durchführen werde. Daher wollten sich die USA nicht mit Jugoslawien befassen, weil sie sahen, dass das eine schwere Krise ist, die zum Zerfall führen und Anlass für ein Handeln der jugoslawischen Volksarmee sein kann. Das spürte auch Verteidigungsminister Veljko Kadijević, der versuchte, einen direkten Kontakt mit dem Westen herzustellen, möglicherweise in Absprache mit Milošević. Auch mit der sowjetischen Armeeführung nahm Kadijević Kontakt auf, denn er war bestrebt, ein gemeinsames Einverständnis gegen den Wandel herzustellen, der sich in der Sowjetunion durch Gorbatschow und bei uns durch die Krise ankündigte. In einer derartigen Lage hielten sich die USA etwas abseits, wofür ich Verständnis hatte. Zweitens war ich der Ansicht, dass in der jugoslawischen Krise die EU der bessere Vermittler wäre, weil wir uns damals bereits festgelegt hatten über eine Assoziation in die EU zu kommen, mit der wir 20 Jahre eine Beziehung besonderer Art hatten. Denn die EU war bei weitem unser größter politischer und wirtschaftlicher Partner außerhalb der Blockfreien-Bewegung.

Sie haben die damaligen Außenminister von Österreich und Deutschland, Alois Mock und Hans-Dietrich Genscher, sehr gut gekannt. Welche Rolle spielten Wien und Berlin am Vorabend und zu Beginn des jugoslawischen Dramas?
Bei Österreich war es so ähnlich wie bei Deutschland, obwohl Deutschland natürlich mehr Gewicht hatte und auch vorsichtiger war. Alle Länder der EU und alle westlichen Länder, die eine aktive Rolle bei der Beendigung des Kalten Krieges spielten und die Änderungen in der Sowjetunion begrüßten, dachten überhaupt nicht daran, dass Jugoslawien zerfallen könnte. So war es auch in Deutschland und Österreich. Zunächst unterstützen daher alle diese Länder den Weiterbestand Jugoslawiens und boten Hilfe an. Das galt auch für die EU, die fünf Milliarden Dollar anbot. Auch eine Perspektive für einen Beitritt zur EU wurde angeboten. Diese Vorschläge wurden nicht angenommen, weil die Konflikte bereits zu weit gediehen waren. Doch je mehr die Unstimmigkeiten zu einem bewaffneten Konflikt wurden, und als die jugoslawische Armee sich offen auf die Seite von Milošević stellte, änderte sich auch die Haltung dieser Staaten; das galt auch für Österreich und Deutschland. Deutschland vermied es aber, Träger des Zerfalls zu sein, weil die Beziehungen zu Jugoslawien sehr gut waren.

Zur Person

Geboren 1925 bei Zadar, schloss sich Budimir Lončar 1941 Titos kommunistischen Partisanen an. Ab 1950 im diplomatischen Dienst, war er ab 1988 Außenminister des zerfallenden Jugoslawien.

Nach seinem Rücktritt 1991 sagte er, er sei „der Nationalität nach Kroate, dem Bekenntnis nach Demokrat und Jugoslawe und vom Wohnort her Belgrader“.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.