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“Ich habe Angst, alle haben Angst”

25.08.2021 • 11:43 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Am Flughafen in Kabul regiert das Chaos.
Am Flughafen in Kabul regiert das Chaos. (c) AFP (-)

Navid war auf Familienbesuch in Kabul. Dann kamen die Taliban.

Navid sitzt in einem Keller, zwei Autostunden entfernt vom Flughafen in Kabul. Nur hier fühlt er sich sicher, wenn er Deutsch spricht – die Taliban dürfen das keinesfalls hören. Jeder, der etwas mit dem Westen zu tun hat, riskiert sein Leben. Vor ungefähr einem Monat flog Navid nach Afghanistan, um seine Eltern zu besuchen. Mit dabei: Seine schwangere Frau und sein zweijähriger Sohn. Der geplante Rückflug der Familie nach Österreich sollte heute stattfinden, denn am kommenden Montag wird der Jungpapa wieder an seinem Arbeitsplatz in Graz erwartet. Doch dann kamen die Taliban – und somit ist nichts mehr wie geplant.

Taliban mit gezielten Tötungen auf Hazara

Einem Bericht von Amnesty International zufolge, hat die Jagd auf die Hazara bereits begonnen. Nach der Übernahme der Kontrolle über die afghanische Provinz Ghazni im Juli haben Taliban-Kämpfer neun Hazara-Männer auf grausame Weise getötet. “Die brutalen Tötungen erinnern an die vergangenen Machenschaften der Taliban und sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten unter ihrer neuen Herrschaft weiterhin besonders gefährdet sind”, sagt Agnès Callamard, internationale Generalsekretärin von Amnesty International. Die geschilderten Tötungen würden außerdem nur einen winzigen Bruchteil der gesamten Todesopfer darstellen, die die Taliban bisher zu verantworten hätten, da die Kämpfer in vielen Gebieten, die sie kürzlich eroberten, den Handyempfang unterbrochen hätten und so kontrollieren könnten, welche Fotos und Videos aus diesen Regionen weitergegeben werden, so Amnesty International.

Navids gesamte Familie gehört den Hazara an. “Seit die Taliban wieder die Macht übernommen haben, ist es sehr schwierig, nichts ist wie früher. Frauen dürfen nicht alleine raus, nur in Begleitung eines Mannes. Sie brauchen ein großes Kopftuch, ich weiß selber nicht genau welches.” Auch er selbst gehe nur hinaus, um das Allernotwendigste zu erledigen. Zu gefährlich sei jeder einzelne Schritt vor der Tür. Auf der Straße und im Geschäft versucht er, kein Wort zu sprechen, denn die Hazara sprechen Persisch und nicht Paschtu wie die Taliban. Handy und Ausweis hat er in der Wohnung versteckt: “Wenn sie wissen, dass ich aus einem anderen Land komme, ist das ganz schlecht. Sie könnten etwas mit mir machen. Ich habe Videos gesehen, wie sie diese Leute schlagen.”

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Elf Jahre nach seiner ersten Flucht, versucht Navid nun ein zweites Mal vor den Taliban zu fliehen. Doch seit Montag weiß er, dass sein geplanter Rückflug nicht stattfindet: “Ich war beim Flughafen. Es sind zu viele Leute, man kommt nicht rein. Wenn man jemanden etwas fragt, schlägt er dich.” Er habe gehört, es werden nur Leute ausgeflogen, die eine Art Codewort erhalten haben. Für alle anderen gebe es keine Chance. Und die Zeit rennt: Wenn die Taliban erst einmal am Flughafen seien, wäre es vorbei. Navid bricht in Tränen aus: “Ich habe Angst, alle haben Angst. Meine Frau fragt mich: Hast du schon angerufen? Ich weiß nicht wo.”

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Das Außenministerium betont, man wolle auch afghanische Staatsbürger mit gültigem Aufenthaltstitel in Österreich aus dem Land bringen. Es sei allerdings die Frage,“ob sie als afghanische Staatsbürger Zugang zum Flughafen bekommen werden”. Am Dienstag kündigte ein Taliban-Sprecher an, den Kabuler Flughafen für alle Afghanen sperren zu wollen. Man sei nicht dafür, afghanische Staatsbürger ausreisen zu lassen. Auf Anfrage der Kleinen Zeitung zeigt man sich vonseiten des Außenministeriums um eine persönliche Kontaktaufnahme bemüht, auch das Krisenteam vor Ort sei über die Situation um Navid und seine Familie informiert. Zwar konnte Navid seinen Urlaub um noch eine Woche verlängern, doch momentan hätte er nichts lieber als sein altes Leben zurück.

Hinweis: Der Name wurde aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert.

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