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„Eine Frau als Bond ist absolut vorstellbar“

26.09.2021 • 12:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Daniel Craig und Naomie Harris und Christoph Waltz
Daniel Craig und Naomie Harris und Christoph Waltz imago/Future Image (imago stock&people)

Naomie Harris gehört zur Fixbesetzung im „Bond“-Universum.

Zum dritten Mal sind Sie im „James Bond“-Franchise in der Rolle der Moneypenny, der Sekretärin des MI6-Chefs, zu sehen. Was reizt Sie noch immer an der Figur?
Naomie Harris: Wenn man eine Rolle oft und vor allem viele Jahre lang spielt, kennt man sie schon recht gut. Man kann schauspielerisch Nuancen herausarbeiten und sich auf Eigenschaften konzentrieren.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Rolle?
Naomie Harris: Die Rolle der Moneypenny übernahm ich erstmals 2012 in „Skyfall“. Damals strebte Moneypenny den Außendienst an, sie wollte um jeden Preis draußen aktiv sein, so wie James Bond. Im Laufe der Jahre sah sie ein, dass sie für den Außendienst ungeeignet ist. In „Keine Zeit zu sterben“ hat Moneypenny endlich ihren Job akzeptiert, wächst immer mehr in die Aufgaben- und Verantwortungsbereiche hinein und fühlt sich beruflich angekommen. An der Entwicklung von Moneypenny gefällt mir, dass es Parallelen zu unserem realen Leben hat und es eben eine Zeit dauert, bis man Frieden mit sich schließt.

Stört es Sie, dass Moneypenny das Bond-Girl-Image anhaftet?
Naomie Harris: Nein, es ist schon etwas Besonderes, dass sich Menschen an mich erinnern. Ich erachte es als ungeheures Privileg, fixer Bestandteil im „Bond“-Universum zu sein.

Rory Kinnear, Naomie Harris und Ralph Fiennes am Set von "Keine Zeit zu sterben"
Rory Kinnear, Naomie Harris und Ralph Fiennes am Set von “Keine Zeit zu sterben”Sonstiges

Christoph Waltz spielt erneut einen „Bond“-Bösewicht. Welche Erfahrung haben Sie mit dem österreichischen Schauspieler?
Naomie Harris: Ich mag Christoph Waltz, er ist ein warmherziger Mensch mit großem Sinn für Humor. Leider habe ich keine Szenen mit ihm, aber er ist ein hervorragender Schauspieler.

James Bond steht als Agent im Dienst Ihrer Majestät. Wie war es für Sie, 2017 von Queen Elizabeth II. in den Ritterstand gehoben zu werden?
Naomie Harris: Es begann damit, dass ich keine Ahnung hatte, Ihre Majestät würde mir den Titel persönlich verleihen. Das erfuhr ich erst nach meiner Ankunft im Buckingham-Palast. Ich hatte Herzklopfen und war total aufgeregt. Von Königin Elizabeth II. den „Most Excellent Order of the British Empire“ verliehen bekommen, ist eine phänomenale Ehre. Ich bin unheimlich stolz darauf und der Tag gehört zu den Top 5 in meinem Leben.

Wie haben Sie für sich die Lockdowns genutzt?
Naomie Harris: Während des ersten Lockdowns hatte ich endlich Gelegenheit, alles, was ich sonst auf die lange Bank geschoben habe, auszuprobieren. Drehbuch schreiben, Mode designen, mein Meditationsprogramm forcieren, Training strikt einhalten oder Dachboden entrümpeln. Dinge, denen ich davor mit dem Argument entging: „Ich habe keine Zeit.“ So begann ich, ein Vorhaben nach dem anderen umzusetzen. Es ist ein tolles Erfolgserlebnis, wenn der Berg nach und nach abgebaut wird.

Moneypenny, von der Seitenlinie ins Mittelfeld

“It’s a Mans World“, keine Feststellung trifft vermutlich besser auf die „Bond“-Reihe zu als diese. Wobei: Ganz beratungsresistent ist die Agentenspielwiese dann auch wieder nicht – zumindest seit Daniel Craig den Doppelnull-Status innehat. Sein erstes Aufeinandertreffen mit Eve Moneypenny in „Skyfall“ ist auf Augenhöhe im Außeneinsatz – gemeinsam auf der Jagd nach einem Auftragsmörder in Istanbul. Das ist ein ziemlicher Widerspruch zur Rolle, die Bond-Erfinder Ian Fleming Moneypenny zugedacht hat – als Sekretärin von Bonds Vorgesetztem M, auf immer und ewig mit dem schnittigen Agenten flirtend: „Moneypenny, was sollte ich nur ohne Sie anfangen?“ – „Warum kommen Sie nie auf die Idee, etwas mit mir anzufangen?“

Dabei hatten die Vorbilder für die Rolle eigentlich kaum Zeit, für solche neckischen Spielereien. Da wäre zum einen die Schreibkraft Jean Frampton, die Flemings Manuskripte korrigierte, aber den Autor auch bei der Entwicklung der Handlungsstränge und Charaktere unterstützte. Die Briefkorrespondenz der beiden wurde 2008 um fast 20.000 Euro versteigert. Und dann gab es noch die britische Geheimdienstmitarbeiterin Vera Atkins, die während des Zweiten Weltkriegs den Widerstand gegen die deutschen Besatzungstruppen in Frankreich unterstützte. Atkins hatte eine mehr als anspruchsvolle Aufgabe, sie half ihrem Chef Maurice Buckmaster bei der Koordination von rund 500 Spionen in Frankreich. Sie erfand für sie falsche Identitäten und war die Verbindungsperson zu deren Familien. Die gebürtige Rumänin wurde von Queen Elizabeth II. zum Kommandeur des britischen Empires ernannt.

Ian Fleming hätte sich vermutlich auch nicht vorstellen können, dass Geheimdienstchef M jemals mit einer Frau besetzt werden würde. Judi Dench brillierte von 1995 bis 2012 in dieser Rolle. Im neuen „Bond“ trifft Daniel Craig auf eine Doppelnull-Agentin: Lashana Lynch spielt die Agentin Nomi.

Susanne Rakowitz