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Nun schlagen auch britische Ärzte Alarm

27.09.2021 • 17:47 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
50 bis 90 Prozent der Tankstellen seien leer, die anderen drohten bald auszutrocknen.
50 bis 90 Prozent der Tankstellen seien leer, die anderen drohten bald auszutrocknen. AP

Mangel an Lastwagen-Fahrern und leere Zapfsäulen in Großbritannien.

Erst lichteten sich in britischen Supermärkten hier und da die Regale. Dann hängten immer mehr Insel-Tankstellen an ihren Zapfhähnen „Sorry“-Schilder aus. „Uns geht der Sprit aus!“, warnten Londoner Zeitungen schon letzten Freitag nachdrücklich auf ihren Frontseiten. Übers Wochenende bildeten sich vielerorts Autoschlangen an der Zufahrt zu Tankstellen, weil Fahrer in Panik gerieten, die von ihren Fahrzeugen abhängig sind.

Am Montag bis zu 90 Prozent der Tankstellen ohne Sprit. Am selben Tag beriet das Kabinett darüber, ob Soldaten zum Transport von Benzin eingesetzt werden sollen. Darüber hinaus hat die Regierung 5.000 Extra-Arbeits-Visen für Lastwagenfahrer aus dem EU-Bereich bewilligt, die Abhilfe schaffen sollen. Die Visen werden für drei Monate gelten, also bis in die Weihnachtszeit.

Ohne Kraftstoff nicht zur Arbeit

Angesichts der anhaltenden Kraftstoffkrise in Großbritannien schlägt auch der Gesundheitssektor des Landes Alarm. “Ärzte und andere Beschäftigte des Gesundheitswesens können sich nicht um Patienten kümmern, wenn sie nicht zur Arbeit kommen”, sagte Julia Grace Patterson, die Chefin der Vereinigung EveryDoctor, in der sich rund 1.700 Mediziner zusammengeschlossen haben.

Sie habe von vielen Kollegen gehört, die übers Wochenende erfolglos versucht hätten zu tanken, sagte Patterson am Montagmorgen. Es brauche dringend einen Notfallplan der Regierung, der absichere, dass Angestellte des Gesundheitsdienstes zur Arbeit kommen könnten

Dabei gebe es ja „genug Benzin“ im Lande, suchen die großen Benzin-Konzerne ihre alarmierte Kundschaft zu beschwichtigen. Nur eben bei der Auslieferung habe man ein „vorübergehendes“ Problem. Die Regierung beschwor die Nation, die Lage nicht durch Panikkäufe zu verschlimmern. Ein Grund zur Besorgnis, versicherte sie, bestehe nicht.

Nutzloser Appell

Der Appell erwies sich aber als nutzlos. Gestern saßen immer mehr Tankstellen „auf dem Trockenen“ – zumal Paul Scully, ein Wirtschafts-Staatssekretär, eingeräumt hatte, dass man in seinem Ressort bereits an „Worst-case-scenarios“, an Plänen für den schlimmsten Fall, sitzt.

Denn nicht nur drohen dem Vereinigten Königreich Versorgungs-Engpässe, wie es sie seit vielen Jahren nicht mehr gab. Die jüngste Explosion der britischen Gaspreise, die zu einem generellen scharfen Anstieg der Lebenshaltungs-Kosten zu führen beginnt, bringt den ärmeren Teil der Bevölkerung in größte Schwierigkeiten: Nicht zuletzt, weil drastische Kürzungen der Sozialleistungen bevor stehen und das Covid-Hilfsnetz eingerollt werden soll.

Direkt spürbar sind freilich zunächst die sich mehrenden Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und Getränken und nun also auch mit Benzin überall im Lande. Schon seit Wochen klagen Großhändler und Supermärkte, dass schlicht die Liefer- und Lastwagen-Fahrer fehlen, um die Versorgung sicherzustellen. Gefährdet sein soll auch die Auslieferung von Medikamenten und Impfstoff in nächster Zeit.

LKW-Fahrer fehlen

Angeblich soll es gegenwärtig an 100.000 Lkw-Fahrern in Großbritannien fehlen. Zum Teil liegt das daran, dass sich im Covid-Chaos die Ausstellung von Lkw-Führerscheinen erheblich verzögert hat. Das wohl größere Problem besteht aber darin, dass dem Land wegen Brexit Zehntausende europäischer Fahrer verloren gingen – und Fahrer aus der EU, die „Brexitannien“ weiter beliefert hätten, kein Arbeitsvisum mehr erhielten nach dem britischen Austritt aus der EU.

Denn die Tory-Regierung unter ihrem Brexiteer-Premier Boris Johnson bestand post Brexit darauf, dass ausschließlich britische Fahrer eingesetzt werden sollten. Dabei bestand selbst der Verband der britischen Spediteure darauf, dass nur mit vorübergehenden Arbeits-Genehmigungen für EU-Kollegen die Engpässe zu beheben seien: Sonst stehe ein „schlimmer Winter“ bevor.

„Alle im Lande – Versorgungsketten, Geschäftsleute, Supermärkte – sagen doch dasselbe“, erklärt dazu Verbandschef Rod McKenzie. „Nämlich dass alles nur immer schlimmer wird.“ Zweifel bestehen allerdings daran, ob die Bewilligung von 5.000 Extra-Visen bei 100.000 fehlenden Fahrern ausreicht, um das Problem zu beheben. Und ob überhaupt genug Fahrer aus dem EU-Bereich es für sinnvoll halten, wieder in Großbritannien zu arbeiten für diese kurze Zeit.

Zusätzlich verschärft hatte sich die Lage in den letzten Tagen außerdem durch einen plötzlichen Mangel an kommerziellem Kohlendioxid, das man unter anderem zum Frischhalten von Lebensmitteln benötigt. Für diesen Mangel verantwortlich war der steile Anstieg der Gaspreise im Land.

Auch viele der Parteigänger Johnsons befürchten mittlerweile, dass speziell dem ärmeren Teil der Bevölkerung harte Zeiten bevor stehen. Nicht nur, weil durch die Energiekrise die Lebenshaltungs-Kosten sich sehr schnell und spürbar erhöhen werden. Sondern auch, weil die Regierung bisherige Zuwendungen an mittellose Familien streicht.

Im Vertrauen darauf, dass wegen häufigen Personalmangels „ja vielerorts auch die Löhne steigen“, will Schatzkanzler Rishi Sunak an seiner Entscheidung festhalten, zum Ende dieses Monats das staatliche Covid-Hilfsnetz, dessen sich noch immer mehr als eine Million Bürger bedienen, abzubauen.

Darüber hinaus soll eine „vorübergehende“ Sozialleistung für bedürftige Haushalte, die 20 Pfund pro Woche beträgt und ebenfalls wegen Covid eingeführt wurde, nun wieder abgeschafft werden. Diese Maßnahme stürzt Hunderttausende von Familien in eine akute Notlage. Dazu kommen schon beschlossene Steuererhöhungen fürs nächste Frühjahr – und eben der Anstieg der Lebensmittel- und Gaspreise überall.

Schon hätten besorgte Mitbürger begonnen, die Beratungsstellen des Landes zu stürmen, berichten karitative Organisationen wie „Citizens Advice“. Leute mit geringem Einkommen sähen sich vor einem „äusserst schweren Winter“, berichten Mitarbeiter dieser Einrichtungen bang.

Zu einem regelrechten „winter of discontent“, einem Winter der Unzufriedenheit wie in den 70er Jahren, könne sich das Ganze entwickeln, haben Tory-Abgeordnete ihre Minister gewarnt.

Unterdessen hat Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro mitgeteilt, Boris Johnson habe ihn bei einem Treffen am Rande der UN vorige Woche um einen „dringenden Notbehelfs-Deal“ zur Versorgung Britanniens mit „gewissen Nahrungsmitteln“ gebeten. Spekulationen in London drehen sich um die Möglichkeit der Anlieferung von Truthähnen – rechtzeitig zum Weihnachtsfest.