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Digitale Auswüchse des neuen Kryptobooms

31.10.2021 • 13:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der Kryptowährungsboom lockt immer mehr Menschen, die auch in riskante Projekte investieren
Der Kryptowährungsboom lockt immer mehr Menschen, die auch in riskante Projekte investieren Open Studio – stock.adobe.com

„Defi“ ist das neue Zauberwort in der Krypto-Branche.

Zinsen. Was dieses Wort einmal bedeutet hat, wissen oft nur noch Menschen in mittleren und höheren Alter. Wer in den späten 1990er Jahren oder danach geboren wurde, ist in einer Welt ohne Zinsen aufgewachsen. Vor allem junge Menschen wenden sich daher zunehmend riskanteren Investitionsformen zu. Sie suchen nicht mehr die Zinsen, sondern die Rendite.

Und blickt man auf die vergangenen zwölf Monate zurück, gab es kaum einen Bereich mit mehr Wachstum als Kryptowährungen. 120 Prozent Plus bei Bitcoin, 495 Prozent bei Ethereum, 1066 Prozent bei Cardano, 6500 Prozent bei Dogecoin. Das sind einige der bekannteren Beispiele. Solche Wachstumsraten befeuern auch wieder die Fantasie vieler Menschen, die in neuen digitalen Produkten die Zukunft sehen.

Stabile Coins und digitale Kunst

Das neue Buzzword dafür ist “Defi” und steht für “Decentralised Financial Services“, also Geschäfte ohne Mittelsmann. “Es gibt hier durchaus viele funktionstüchtige Anwendungen”, erklärt Eduard Prinz, Gründer von DLT Austria, einem Verein zur Förderung von Blockchain-Technologien. Das reicht von Technologien zum Verborgen von Kryptowährungen über digitale Kunstwerke, sogenannte NFT, bis zu Kryptowährungen, die mit echten Werten wie Immobilien, Euro, Dollar oder Gold verknüpft sind.

“Technologisch funktionieren diese Angebote bereits gut, allerdings fehlt es einfach an den rechtlichen Rahmenbedingungen“, erklärt Prinz anhand von NFT. Dabei handelt es sich um eine Art fälschungssicheren kryptografischen Stempel für ein digitales Kunstwerk wie ein Foto, der in einer Blockchain hinterlegt ist. Nur das Foto mit diesem NFT gilt als das Original. “Aber was man damit kauft, ist komplett unklar. Denn das Urheberrecht ist in Europa eigentlich unverkäuflich. Verkauft werden kann nur das Nutzungsrecht.” Auch beim Handel mit diesen digitalen Kunstwerken gäbe es rechtliche Grauzonen.

Keine eigene Blockchain

Bedarf für dezentralen Angebote gäbe es auch in einem anderen Bereich, beim Tausch von Kryptowährungen, sagt Johannes Grill von Bitcoin Austria. „Derzeit geschieht das auf Kryptobörsen, also als zentralisierte Dienstleistung. Dabei ist die Idee von Bitcoin, ohne zentrale Instanz auszukommen.“ Tatsächlich gehören dezentrale Kryptotauschbörsen wie Uniswap oder Sushiswap zu den bekanntesten Defi-Anwendungen.

Fans der Kryptowährung Bitcoin sehen die Entwicklung dennoch kritisch, erklärt Grill: „Mit hartem, digitalem Geld hat das nichts zu tun.“ Denn die meisten dieser Defi-Anwendungen basieren auf sogenannten Token. Und derer gibt es viele. „Jeder Teenager kann auf diese Weise heute eine eigene Kryptowährung erschaffen“, warnt Grill. Das mache es schwer, ernst gemeinte, spannende Konzepte von verbrecherischen Betrugsversuchen zu unterscheiden.

Lexikon

Token: Nur ein geringer Teil der 13.000 Kryptowährungen hat eine eigene Blockchain. Viele sind Token, also eine Art digitaler Gutschein, auf einer bestehenden Blockchain. Vor allem die Kryptowährungen Ethereum ist Basis vieler solcher Tokens.

Smart Contracts: Doch wozu gibt es Tokens. Sie sind Teil eines Smart Contracts, eines digitalen Vertrags, der auf der Blockchain existiert und automatisch abgewickelt wird. Verrechnungseinheit ist der jeweilige Token. Theoretisch ließen sich damit fast alle Geschäfte abwickeln, vom sekundenschnellen Immobilienverkauf ohne Notar, dem dezentralen Handel mit Strom der eigenen Fotovoltaikanlage bis zum Ersatz für den Pass. Breitere Akzeptanz gibt es derzeit allerdings nur für Finanzprodukte.

Defi: Die Abkürzung steht für Decentralised Finance Services, also dezentrale Finanzgeschäfte. Hierin sehen viele die Zukunft von Kryptowährungen. Es geht um Kreditgeschäfte, Umtausch von Token oder Stablecoins, mit fixem Wechselkurs zu Dollar, Euro, Gold oder Bitcoin. Das Versprechen von Defi: Für all diese Geschäfte braucht man keinen Mittelsmann mehr. Man muss beispielsweise für einen Kredit nicht mehr zur Bank, sondern nutzt einen Token, der eine automatische Verzinsung hinterlegt hat.

Betrüger: Es gibt leider zahlreiche Token, deren einziger Zweck der Betrug von Anlegern ist. Diese lassen sich ohne viel technisches Verständnis leicht kopieren. Gemeinsam haben sie, dass sie extrem hohe Rendite versprechen, inklusive Belohnungen, wenn man weitere Opfer anwirbt. Nach wenigen Monaten gibt es keine Auszahlungen mehr, die Hinterleute tauchen ab. Gegen diese global vernetzten Krypto-Betrüger sind Behörden derzeit fast machtlos.

Im Gegensatz dazu ist die Programmierung einer eigenen Blockchain sehr aufwendig. Dabei handelt es sich im Prinzip eine Art digitales Kassabuch. Statt Seiten gibt es Blöcke, in denen Transaktionen gespeichert werden. Diese werden mittels eines kryptografischen Rätsels miteinander verkettet. So entsteht eine Kette von Blöcken, auf Englisch: Blockchain.

Die Kurssprünge bei diversen Coins hätten durchaus etwas Gutes, sagt Grill. Sie wecken das Interesse an Kryptowährungen. „Die meisten Krypto-Neulinge finden irgendwann zu Bitcoin.“ Denn mit alternativen Coins und Defi würden nur sehr wenige wirklich finanziell reich. Kryptowährungen sind höchst riskant und die Gefahr, das ganze Geld zu verlieren, ist sehr real. „Aber man ist dann immerhin um eine Erfahrung reicher“, resümiert Grill.