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Altes, verrostetes Auto bewegt Italien

07.11.2021 • 19:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Altes, verrostetes Auto bewegt Italien

47 Jahre lang parkte Angelo Fregolent sein Auto am selben Ort.

Conegliano in der Provinz Treviso ist Experten als Heimat des sprudelnden Proseccos bekannt. Dieser Tage dreht sich im Städtchen im italienischen Veneto jedoch alles um einen verrosteten Pkw. Vor ziemlich genau 47 Jahren hat Angelo Fregolent seinen hellblauen Lancia Fulvia in der Via Zamboni geparkt – und seither nicht mehr bewegt. Das Auto wurde zu einem Symbol, Treffpunkt und zur Projektionsfläche, inzwischen weit über Conegliano hinaus. Der angerostete Oldtimer war im kleinen Conegliano ein sympathisches Zeichen der Beständigkeit.

Fregolent ist heute 94 Jahre alt und betrieb zusammen mit seiner Frau Bertilla ein Schreibwarengeschäft in der Via Zamboni. Weil es dort nicht viel Platz gab, besorgte sich Fregolent ein praktisches Auto mit geräumigem Kofferraum. Es war das Jahr 1974. Willy Brandt und Richard Nixon traten zurück. Die BRD wurde Fußballweltmeister, die Schlaghose wurde auch in Nordostitalien begeistert getragen. Und Fregolent verkaufte Stifte und Zeitungen.

20 Kilometer legte der Schreibwarenhändler vom Autohändler bis nach Conegliano zurück, parkte den Lancia Fulvia vor seinem Geschäft. Parkplatzsuche war damals noch kein Thema, Autos gab es noch nicht so viele. Fregolent ließ den Lancia Fulvia stehen, für immer. Der Zeitungsbote legte die Zeitungen im Kofferraum ab, Fregolent nahm sie von dort in den Laden und legte unverkaufte Ware in das Auto zurück. Die vier Liter Benzin von 1974 sind immer noch im Tank. Die Reifen sind original, aber platt. Die Karosserie ist eingerostet, an manchen Stellen wächst Moos.

Ein Shitstorm gegen das Schicksal

Wie hatten sie in Conegliano nur vergessen können, dass der Zahn der Zeit nicht nur an Angelo, an seinem Lancia, sondern eben an allem Irdischen nagt? „Ein Denkmal der Stadt“, nannte Giovanni Bertoni, der Vorsitzende des örtlichen Oldtimer-Vereins, das Auto. Als dem in seinem Himmelblau schon etwas verblassten Lancia Fulvia nun in den sozialen Netzwerken gehuldigt wurde, meldete sich sogar der Regionspräsident des Veneto, Luca Zaia, zu Wort. Zaia stammt aus Conegliano. „Der Lancia stand schon dort, als ich zur Schule ging“, ließ er wissen. Heute ist er 53.

Fregolent brach sich vor zwei Jahren die Hüfte, mit 92 Jahren machte er das Geschäft zu. Der Lancia blieb. Nun entschied aber die Stadtverwaltung, die auf den Bürgersteig ragenden Parkplätze in der Via Zamboni zeitgerecht aufzufrischen. Und das einst mobile Monument? Musste weichen. Vergangene Woche kam der Abschleppwagen. Ein Shitstorm brach in den sozialen Netzwerken los, nicht etwa gegen die gnadenlose Stadtverwaltung, sondern gegen das Schicksal. Hunderte Menschen bekundeten, wie sehr ihnen das immer mehr aus der Zeit fallende, aber eben so beständige Gefährt ans Herz gewachsen war. Gab ihnen der Oldtimer im Sturm der Gegenwart etwa Sicherheit?

Der Lancia Fulvia wurde nach Padua gebracht und war dort zwei Tage auf der Oldtimer-Messe zu sehen. Conegliano tröstete sich, vermutlich, mit Prosecco. Weil die Geschichte aber nicht so enden konnte, haben sie sich im Veneto eine Lösung überlegt, über die nun alle glücklich sind. Der Wagen wird künftig im Innenhof der Schule für Önologie in Conegliano geparkt, für alle Ewigkeit. Angelo und Bertilla Fregolent wohnen gleich um die Ecke und können, wenn sie sich aus dem Fenster lehnen, ihren Lancia Fulvia sehen. Das Auto lebt weiter. „Für unsere Fulvia hätten wir uns keine bessere Zukunft vorstellen können“, sagten die beiden.