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“Afrika ist ein Kontinent ohne Impfstoffe”

20.12.2021 • 13:16 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
'Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatzleiter findet Jubiläen passend, um für die zu sprechen, "die sonst vergessen werden"
‘Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatzleiter findet Jubiläen passend, um für die zu sprechen, “die sonst vergessen werden” AFP

50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Massive Ungleichheiten bei Bevölkerung.

Am 22. Dezember 1971 gründeten zwölf Ärzte und Journalisten in Paris die Organisation „Medecins sans frontieres“ – Ärzte ohne Grenzen. Das Ziel damals wie heute: Menschen in Kriegen oder Naturkatastrophen unabhängig, unpolitisch und effizient zu helfen. Erster Einsatz 1976 während des libanesischen Bürgerkriegs. Heute ist die Organisation in mehr als 70 Ländern aktiv.
1999 wurde die Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Ärzte ohne Grenzen bezieht den Großteil der Erträge (2019 zu 96,2 Prozent ) aus privaten Spenden.
Ein Interview mit Marcus Bachmann, langjähriger Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen.

50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: Gibt es einen Grund zum Feiern?
Marcus Bachmann: Das fragte ich mich auch als Einsatzleiter öfters. Ich war im Tschad, als das 30-Jahr-Jubiläum von Ärzte-ohne-Grenzen-Einsätzen im Tschad war. In Wahrheit kann man solche Jubiläen nützen, um Menschen in humanitären Krisen sichtbar zu machen. Und um für Menschen zu sprechen, die sonst vergessen werden.

Wird auch ein ganzer Kontinent in der Pandemie vergessen? Wie Afrika, der ungeimpfte Kontinent? Nur drei Prozent der Afrikaner sind vollimmunisiert.
Marcus Bachmann: Die Covid-19-Pandemie macht Ungleichheiten sichtbar, die Pandemie ist wie ein Brennglas. Viele Ungleichheiten werden in der Pandemie massiv verstärkt. Viele Fortschritte, die über Jahrzehnte etwa im medizinischen Bereich mühevoll aufgebaut wurden, gingen in zwei Jahren Pandemie verloren: Die Sterblichkeit von Schwangeren steigt wieder, die Kindersterblichkeit aufgrund von Mangelernährung steigt usw. Und Afrika ist tatsächlich der Kontinent ohne Impfstoffe. Mit viel zu wenig Zugang zu Impfstoffen.

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Sie waren heuer in Nigeria im Einsatz, als die ersten Covid-19-Impfstoffe dort eintrafen?
Marcus Bachmann: Ja, damals wurden knapp vier Millionen Impfstoff-Dosen geliefert. Damit konnte gerade einmal ein Prozent der Bevölkerung Nigerias immunisiert werden.

PK AeRZTE OHNE GRENZEN OeSTERREICH: MARCUS BACHMANN
Marcus Bachmann von Ärzte ohne GrenzenAPA

Ist nicht just die Omikron-Variante die Rechnung dafür, dass dieser Teil der Welt vergessen wird?
Marcus Bachmann: Wir von Ärzte ohne Grenzen haben von Beginn an darauf hingewiesen, dass eine Pandemie global bekämpft werden muss, damit sie zu Ende geht. Omikron ist ein ganz dramatischer Weckruf dafür, was passiert, wenn wir nicht für mehr Koordination, Kooperation und Solidarität zwischen den reichen und armen Ländern sorgen. Denn sonst wird Omikron nicht die letzte Variante sein, mit der wir uns beschäftigen müssen. Dann werden wir die Pandemie nicht beenden.

Zu Beginn der Pandemie hatte man den Eindruck, dass Arm und Reich gleich betroffen sind. Nach zwei Jahren ist das anders, oder?
Marcus Bachmann: Im März in Nigeria sah ich, dass es für Menschen, die schon vor der Pandemie unter prekären Umständen lebten, jetzt katastrophal ist. Und ich rede da nicht von ein paar Millionen, sondern von Hunderten Millionen Menschen, die null Reserven haben, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten. Die Frauen leiden am meisten, denn sie tragen oft die Bürde in den Familien. Sie sind auch zunehmend häuslicher Gewalt ausgesetzt. Und wir sehen auch eine Übersterblichkeit, weil die Menschen zu spät medizinische Einrichtungen aufsuchen.


Was braucht es da von unserer, von westlicher, Seite konkret?
Marcus Bachmann: Fangen wir bei der Gesundheit an: Bis jetzt ist die Bekämpfung sehr nationalstaatlich ausgerichtet, der Nationalstaat feiert fröhliche Urständ’. Maßnahmen werden maximal bis zur Grenze gedacht. Die Forderung: endlich global zu handeln. Es gibt immer Ankündigungen, aber der Zeitrahmen ist nicht abgesteckt. Wenn man schaut, wie wenige Dosen Impfstoff gespendet wurden, ist es inadäquat. Es braucht radikale und mutige Entscheidungen: Alle Menschen weltweit brauchen Zugang zu den Schlüsselinstrumenten gegen die Pandemie, Zugang zum Impfstoff.

Sprich: Patentaushebelung?
Marcus Bachmann: Genau. Es ist nicht hinnehmbar, dass Tausende Menschen sterben, nur weil Pharmakonzerne an ihren Patenten in Pandemiezeiten festhalten. Wir müssen auch dafür sorgen, dass das wirtschaftliche Abfedern und die soziale Komponente globaler gelöst werden. Zusagen und Ankündigungen allein reichen nicht. Es braucht rasches und entschiedenes Handeln.

Wie wirkt sich die Pandemie auf den Kampf gegen andere schwerwiegende Krankheiten wie Aids oder Malaria aus?
Marcus Bachmann: Covid-19 verdrängt viele andere Problemfelder. Das sehen wir in vielen Einsatzländern. Es werden viel weniger Aidstests gemacht, was bedeutet, dass die HIV-Infizierten viel zu spät zu einer Behandlung kommen. Das sehen wir auch bei der Tuberkulose und bei Malaria. Bei den drei großen „Killer-Diseases“ HIV, Malaria, Tuberkulose hat sich die Versorgung extrem verschlechtert. Sehr oft lässt sich ein Menschenleben nicht mehr retten, das bei frühzeitiger Behandlung gerettet hätte werden können.

Sind Sie bei Ihren Einsätzen immer gesund geblieben?
Marcus Bachmann: Im Grunde ja. Ich habe viele viele Jahre in Einsatzgebieten verbracht, aber wirklich ernsthaft krank wurde ich nie. Kleinere Dinge hatte ich schon, die eine oder andere Infektion mit einem Parasiten, den man bei uns nicht kennt. Aber Gott sei Dank nichts Gravierendes.

Zur Person

Marcus Bachmann (55) ist humanitärer Berater für Ärzte ohne Grenzen Österreich. Der Immunologe war bei Einsätzen u. a. im Kongo, in Sierra Leone, in Afghanistan. War heuer in Nigeria, als die ersten Corona-Impfstoffe dort ankamen.

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