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Wie sich Serben in Opferrolle suhlen

10.01.2022 • 19:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Serbische Kundgebung für Djokovic in Melbourne
Serbische Kundgebung für Djokovic in Melbourne (c) AP (Mark Baker)

Australische Einreiseposse dient Belgrad als Futter für Legenden.

Hinter den aufgebauten Trophäen seines Sohns ließ Serbiens prominentester Vater Srdjan Djokovic seiner Erleichterung über dessen jüngsten Etappensieg im fernen Australien zu Wochenbeginn freien Lauf. “Novak hat sich nicht auf die Knie werfen lassen und wird sich nie auf die Knie werfen lassen”, kommentierte der 61jährige auf der Pressekonferenz im Belgrader Restaurant “Novak” die vorläufig vom Gericht erwirkte Rückkehr des Weltranglistenersten auf die australischen Tennis-Courts: “Auch wenn es einigen Mächtigen nicht gefällt, dass er aus einem kleinen armen Land kommt.”

Mal hatte der Gastronom seinen tagelang in einem Quarantäne-Hotel in Melbourne festsitzenden Sohn mit dem ans Kreuz genagelten Jesus verglichen. Mal fühlte er sich bei dessen Schicksal an das seines im Kosovokrieg 1999 von der Nato bombardierten und zu Unrecht als Genozid-Nation verunglimpftes Landes erinnert: „Novak hat wie Serbien nie jemand angegriffen, sondern sich immer nur verteidigt.“

Nicht nur von der Familie von Novak Djokovic wird die australisches Einreise-Posse zum Symbol eines serbischen Kampfs für Freiheit und Gerechtigkeit überhöht. Auch Medien und Politiker basteln fleißig an der Legende von Serbien als ewiges Opfer der Weltgeschichte und dunkler Mächte. Von einer “politischen Hetze” gegen den Tennis-Star sprach aufgebracht der allgewaltige Präsident Aleksandar Vucic (SNS): “Mein Job ist es, die Wahrheit zu schützen.”

Es sei “offensichtlich, dass sie Djokovic nicht spielen lassen wollen, um zu verhindern, dass er der beste Tennisspieler der Geschichte wird”, erregte sich der sozialistische Parlamentsvorsitzende Ivica Dacic (SPS). Dies werde “Folgen” für die Beziehungen beider Staaten haben. Er könne sich “kaum vorstellen”, dass der australische Premier nun noch nach Serbien kommen werde: “Wir brauchen ihn nicht.”

Beim patriotischen Gepolter für den gegenüber den heimischen Machthaber stets eher distanziert gegenüber stehenden Tennis-Star steht die regierungsnahe Boulevardpresse nicht zurück, die den fünften Kontinent seit Tagen großzügig mit Schimpf- und Schande-Überschriften bedenkt – und die in Belgrad nur von 200-300 Menschen besuchten Kundgebungen der Familie zu gewaltigen Massendemonstrationen überhöht. “Serben geben nicht auf”, “Serbien in Trance”, so die überschwänglichen Schlagzeilen des Webportal von “Alo!” Kundgebungen der serbischen Community gab es auch in Melbourne.

Zwar versuchen Serbiens Würdenträger angesichts der nahenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen kräftig auf der medialen Entrüstungs-Welle zu surfen. Eher ungelegen kommt ihnen unterdessen, dass der mediale Novak-Hype sie während der orthodoxen Weihnachtsfeiertage aus den Schlagzeilen fast verdrängt hat. “Wo ist Vucic?”, fragt sich spöttisch das regierungskritische Webportal “nova.rs”.

Seit Tagen stehe der sich sonst so gerne in der Opferrolle suhlende Präsident “im Schatten” des Weltranglistenersten und sein PR-Team habe dafür “keine Lösung”: „Auf einmal lastet das Kreuz Serbiens nicht mehr auf seinem Buckel, sondern auf dem Rücken von Djokovic.“