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Über einen Jesus, der GOAT sein will

15.01.2022 • 23:39 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Novak Djokovic, ein gefallener Superstar. <s>AFP</s>
Novak Djokovic, ein gefallener Superstar. AFP

Gedanken zur Impf-Saga des Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic.

Es ist fast auf den Tag genau vier Monate her, als Novak Djokovic im Finale der US Open nach Siegen in Melbourne, Paris und Wimbledon nach dem Grand Slam griff. Hätte er das Finale gegen Daniil Medvedev gewonnen, er wäre fortan wohl widerspruchslos als bester Tennisspieler aller Zeiten bezeichnet worden, als GOAT – Greatest of all time – wie das heutzutage genannt wird.

Dieses Etikett hätte sich Djokovic nun auch in Australien holen können, mit seinem 21. Grand-Slam-Turniersieg, mit dem er an Roger Federer und Rafael Nadal vorbeigezogen wäre. Und obwohl Djokovics Vater, man glaubt es kaum, seinen Novak mit Jesus verglich, ist der Serbe nach den Geschehnissen der vergangenen Tage weit davon entfernt, als GOAT in die Geschichte einzugehen. Denn wer als der Beste der Besten, eben als GOAT, gelten will, der muss mehr können als „nur“ unfassbar gut in seiner Sportart sein; der muss auch ein Vorbild sein, ein Ideal verkörpern.

Stattdessen lieferte Djokovic zuletzt eine wenig schmeichelhafte Charakterstudie, er entblößte sein Ego und die Welt sah und sieht dabei noch immer durchs Schlüsselloch zu. Ja, man erkennt dabei nur Fragmente, doch mehr, ist man geneigt zu sagen, will man auch gar nicht erhaschen.

Er wusste es seit Monaten

So ein bisschen erinnert die Saga an Boris Beckers Besenkammerausflug, bei dem der dreifache Wimbledon-Sieger bei einer Affäre Tochter Anna zeugte. In Sekundenschnelle, wie er anfügte. Nach dieser publik gewordenen Episode war der ohnehin schon ramponierte Ruf des einstigen Vorzeige-Deutschen völlig und unwiederbringlich zerstört. Doch während Becker, der übrigens von 2014 bis 2016 Djokovics Trainer war, eigentlich nur final bestätigte, dass er ein recht einfach gestrickter Zeitgenosse mit erheblichen Fremdschämpotenzial ist, reichen die Dimensionen bei Djokovic viel weiter. „Nole“ hat sich mit seinem Verhalten als lügender, verantwortungsloser Heuchler entlarvt, der sich scheinbar selbst über alle anderen stellt.

Djokovic wusste seit Monaten, dass er sich impfen lassen muss, um bei den Australian Open teilzunehmen. Er entschied sich dagegen, was sein gutes Recht ist, wollte jedoch nicht die Konsequenzen daraus tragen: nämlich, dass er dadurch das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres verpasst. Natürlich ist das für einen Superstar wie ihn ein großes Opfer, doch es ist eines, das er sich durch seine Überzeugung selbst auferlegt hat.

Über einen Jesus, der GOAT sein will
Djokovic auf dem Weg zur Anhörung. AP

Ohne Anstand
Die Veranstalter der Australian Open haben selbstverständlich das Hausrecht und können, ja müssen bestimmen, wer an ihrem Turnier teilnehmen darf – und wer nicht. Gerade auch, weil in Melbourne der mit 282 Tagen längste Lockdown der Welt stattfand und die Coronaregeln in Australien allgemein sehr, sehr strikt sind. Viele Australier haben seit fast zwei Jahren ihre Familien nicht mehr gesehen.
Bis Mitte Dezember erfüllte Djokovic auch keine der Ausnahmekriterien; bis er sich plötzlich und wie auf Bestellung mit Corona infizierte. Nach seinem positiven Test vom 16. Dezember absolvierte er am 18. Dezember ein Interview samt Fotoshooting – als wissentlich Infizierter. Zudem ist sehr wahrscheinlich, dass der Serbe schon tags zuvor über seine Corona-Infektion informiert war. Trotzdem nahm er am 17. Dezember an einer Preisverteilung für Kinder teil. Ohne Maske. Ohne Abstand. Und man ist geneigt zu sagen: ohne Anstand. Nein, Djokovic ist kein Jesus und auch kein GOAT.

Australien ist eben kein Austria
Entlarvend ist auch, dass Djokovic nicht die Verantwortung für die Falschangabe auf seinem Einreiseformular nach Australien übernimmt. Auf dem Formular gibt der Tennisspieler an, 14 Tage vor der Einreise nach Australien keine Reisen getätigt zu haben. Stattdessen war der Serbe in diesem Zeitraum mal in Belgrad und mal in Marbella, alles belegt durch Zeugen, Fotos und Videos. Doch nicht er selbst habe das Einreiseformular ausgefüllt, sondern eine Mitarbeiterin – und die hat selbstverständlich im Vorfeld die Antworten nicht mit ihm abgestimmt.

Obwohl bei besagter Frage nach der Reisetätigkeit vor der Einreise nachAustralien explizit angeführt war, dass eine Falschangabe ein schweres Delikt sei. Entweder dachte sich das Tennis-Ass, dass für einen wie ihn eine solche Drohung nicht gilt oder Djokovic war sich sicher, dass er nicht erwischt würde.
Für uns Österreicher ist es zugegebenermaßen schon ein Kulturschock, dass ein so großer Star wie Djokovic wie ein Mensch wie jeder andere behandelt wird in Australien. Hierzulande hätte man den Serben wohl sogar noch zu einem Hüttenabend in Ischgl eingeladen. Austria ist eben nicht Australien, und ein Unterscheidungsmerkmal ist nicht nur, dass die Australier Kängurus haben und wir nicht – sondern offensichtlich haben sie „Down under“ auch Eier.

Abstecher ohne Stich
Die Australier machten in der Djokovic-Causa zwar längst nicht alles richtig, der Formfehler bei Djokovics verweigerter Einreise ist ebenso peinlich wie lächerlich; mehr noch: skandalös. Einem Festgehaltenen zu erklären, dass es sinnlos sei, einen Anwalt zu kontaktieren, weil ihm der auch nicht mehr helfen könne, ist schlichtweg inakzeptabel. Aber die Konsequenz der Australier ist beeindruckend. Und so wird Djokovic in den heutigen Morgenstunden bei einer eiligst einberufenen Gerichtsverhandlung aussagen und einen letzten Versuch starten, seine Ausweisung zu verhindern; was ihm nicht gelingen wird. Wäre Djokovic schlau gewesen, hätte er Australien vor der abermaligen Annullierung seines Visums aus freien Stücken verlassen. So aber drohen ihm bis zu drei Jahre Einreiseverbot in Down under und dadurch auch massive Probleme bei der Einreise in andere Länder wie England und den USA. Das jetzige Theater könnte sich also vor Wimbledon und den US Open wiederholen.

Ja, das Bild von Novak Djokovic wird nie mehr so sein, wie es vor seinem Abstecher ohne Stiche nach Australien einmal war. Djokovic ist vom möglichen GOAT zum Menschen ohne Skrupel und ohne Unrechtbewusstsein geschrumpft. Und dafür hat keine Verschwörung gesorgt, sondern sein Ego.

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