International

Mehrere Länder setzen auf neue Strategien

24.01.2022 • 16:21 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
In Großbritannien lief nun auch die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr aus
In Großbritannien lief nun auch die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr aus (c) AFP (TOLGA AKMEN)

Einige europäische Länder steuern auf Kurswechsel in Corona-Politik zu.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schließt ein Ende der Corona-Pandemie in Europa nach der derzeitigen Omikron-Welle nicht aus: “Es ist plausibel, dass die Region sich auf eine Endphase der Pandemie zu bewegt”, sagte der Europa-Chef der WHO, Hans Kluge, am Sonntag der Nachrichtenagentur AFP. Zugleich mahnte er wegen möglicher weiterer Mutationen des Coronavirus jedoch zur Vorsicht.

Mehrere Länder ändern ihre bereits Strategie im Kampf gegen das Coronavirus. Während einige wie die Schweiz trotz hoher Infektionszahlen Lockerungen zulassen, verschärfen Länder wie Brasilien, dessen Präsident Bolsonaro die Pandemie so lange verharmlost hatte, die Corona-Maßnahmen. In Deutschland dürfte es weder Verschärfungen noch Lockerungen geben.

Ein Überblick:

Niederlande

Der niederländische Premierminister Mark Rutte hatte erklärt, dass es trotz rekordhoher Infektionszahlen eine Erleichterung der Corona-Beschränkungen geben muss. Dementsprechend durften Geschäfte, Fitnessstudios, Friseure und Sexshops nach einer Lockerung der am 19. Dezember in Kraft getretenen strikten Corona-Maßnahmen wieder öffnen. Bars, Restaurants, Cafés und kulturelle Einrichtungen müssen aber mindestens bis zum 25. Jänner geschlossen bleiben. In mehreren Städten hatten Cafés und Restaurants zuletzt dennoch geöffnet: Gastwirte und der Kultursektor sind empört.

Angesichts dramatisch steigender Infektionszahlen könnten nicht mehr Sektoren zugleich geöffnet werden, erklärte Rutte. “Alles zugleich geht nicht, das Risiko ist zu groß.” Ende Jänner werde es möglicherweise neue Lockerungen geben.

Spanien

Zu Beginn der Pandemie waren die Vorschriften in Spanien rigide: Die Menschen mussten mehr als drei Monate zu Hause bleiben – wochenlang war es auch verboten, zum Sport das Haus zu verlassen. Kinderspielplätze waren gesperrt, und die Wirtschaft kam de facto zum Stillstand. Knapp zwei Jahre später steuert das Land aber – wie andere euzropäische Staaten – auf einen neuen Kurs in der Corona-Politik vor.

Angesichts einer der höchsten Impfquoten in Europa und einer stark angeschlagenen Volkswirtschaft stellt die Regierung die Weichen dafür, die nächste Infektionswelle nicht als pandemischen Ausnahmezustand zu behandeln, sondern als ernstzunehmende Krankheit, die bleiben wird.

Portugal

Vor einem Jahr explodierten auch in Portugal die Infektionszahlen. Die Bilder von Krankenwägen, die vor den Notaufnahmen der Krankenhäuser stundenlang Schlange stehen mussten, um Patienten abzuliefern, gingen um die Welt. Im Februar übernahm schließlich Vizeadmiral Henrique Gouveia e Melo die Covid-Impfkampagne. Generalstabmäßig organisierte der ehemalige U-Boot-Kommandant den “Kampf gegen das Virus”. Sein organisatorisches Talent, aber auch sein militärischer Tonfall vermittelten der portugiesischen Bevölkerung großes Vertrauen in die Covid-Impfung.

Er tritt stets in Tarnuniform und Kampfstiefeln auf und Impfgegnern entgegen. Für ihn seien Corona-Leugner die “wahren Mörder”. Wer sich nicht impfen lasse, spiele dem Nationalfeind namens Corona in die Hände, versichert der zackig auftretende Kommandant mit seinem weißen Bart. Es zeigte Wirkung: 90 Prozent aller Portugiesen über zwölf Jahre sind geimpft. Das Land im Südwesten Europas plant, vom Krisen- in den Kontrollmodus wechseln und dürfte seine Strategie ändern.

Schweiz

Die Schweiz verkürzte den Zeitraum für die Selbstisolation von Corona-Infizierten sowie die Quarantäne von nahen Kontaktpersonen von zehn auf fünf Tage. Zudem gibt es Ausnahmen von der Quarantäne-Pflicht. Grund sei die Omikron-Variante, bei der sich der zeitliche Abstand zwischen Infektion und Weitergabe des Virus verkürzt habe, erklärte die Regierung. In Österreich gelten ähnliche verkürzte Quarantäne-Maßnahmen bereits seit 8. Jänner.

Die Regierung in Bern verwies darauf, dass Wirtschaft und Gesellschaft in den letzten Wochen wegen der starken Zunahme von Personen in Isolation und Quarantäne unter Druck geraten seien. Die vor Weihnachten beschlossenen Einschränkungen wie etwa die 2G-Regel für Restaurants und Homeoffice-Pflicht sollen bis Ende März verlängert werden.

Großbritannien

Der britische Premierminister Boris Johnson hat am 19. Jänner das sofortige Ende der Maskenpflicht in Schulen verkündet. Zudem gilt nun nicht mehr die Aufforderung, möglichst von Zuhause zu arbeiten. In dieser Woche lief auch die Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften und anderen öffentlichen geschlossenen Räumen aus. Die Verkürzung der Isolation auf fünf volle Tage war bereits früher verkündet worden. Für geimpfte Einreisende nach England gibt es künftig eine Hürde weniger. Die verpflichtenden Corona-Tests, die bisher nach der Einreise gemacht werden müssen, sollen ersatzlos entfallen, wie der britische Premierminister Boris Johnson heute ankündigte. Wann die Änderung in Kraft tritt, war zunächst nicht bekannt.

Die Infektionszahlen sind in Großbritannien in den vergangenen Wochen deutlich zurückgegangen. Die Inzidenz, die die Zahl der Neuinfektionen der vergangenen Woche pro 100.000 Einwohner angibt, lag zuletzt bei 986 (Stand: 13. Jänner). Zeitweise hatte sie um den Jahreswechsel die Marke von 2.000 überschritten. Auch die Zahl der Einweisungen ins Krankenhaus geht leicht zurück. Nordirland, Wales und Schottland hatten im Kampf gegen Omikron auf schärfere Maßnahmen gesetzt, aber auch bereits Lockerungen angekündigt.

Deutschland

Heute beraten der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Corona-Pandemie. Nach einer Beschlussvorlage für die Beratungen kommen auf die Bürger wahrscheinlich keine weiteren Verschärfungen zu – aber auch keine Lockerungen. Man sei sich einig, dass “die bisher geltenden Regeln für soziale Kontakte und Veranstaltungen weiterhin Bestand haben”, heißt es darin.

Scholz sagte in der “Süddeutschen Zeitung”: “Wir brauchen keine Kurskorrektur.” Unterstützt wird das vom Corona-Expertenrat der Regierung. Das Gremium fordert in einer neuen Stellungnahme wegen der rasanten Omikron-Ausbreitung aber, vorsorglich weitere Schritte vorzubereiten.

Brasilien

In Brasilien haben sich nach offiziellen Angaben mehr als 23,5 Millionen der 210 Millionen Landesbewohner mit dem Coronavirus infiziert. Fast 623.000 Patienten sind im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben – eine der höchsten Todeszahlen weltweit. Mit dem Fortschreiten der Impfkampagne sank die Zahl der neu hinzukommenden Toten stark, der Optimismus vor allem in Rio wuchs. Inzwischen sind fast 70 Prozent der brasilianischen Bevölkerung komplett geimpft.

Zuletzt stieg die Zahl der Neuinfektionen aber wieder enorm, auch beeinflusst durch die Omikron-Variante und Feiern zu Weihnachten und Silvester. Am vergangenen Mittwoch meldete Brasilien erstmals mehr als 200.000 neue Corona-Fälle an einem Tag. Zur Einreise in das Land wird ebenso wie vielerorts für den Besuch von öffentlichen Einrichtungen ein Impfnachweis verlangt.